Wichtiger Piks: Eine Grippeimpfung kann Schlimmeres verhindern. Im vergangenen Jahr hatte es bundesweit rund 330.000 Erkrankungen gegeben, mehr als 1.600 Menschen starben. Seit November haben viele Arztpraxen keinen Grippeimpfstoff mehr.
Wichtiger Piks: Eine Grippeimpfung kann Schlimmeres verhindern. Im vergangenen Jahr hatte es bundesweit rund 330.000 Erkrankungen gegeben, mehr als 1.600 Menschen starben. Seit November haben viele Arztpraxen keinen Grippeimpfstoff mehr. | Foto: Schutt

Patienten gehen leer aus

Engpass bei Grippeimpfstoff im Murgtal

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Die Situation ist ernst und eine Besserung nicht in Sicht: Viele Arztpraxen im Murgtal haben keinen Grippeimpfstoff mehr. Selbst Risikopatienten gehen leer aus. Ihnen droht im Falle einer Erkrankung ein Klinikaufenthalt – oder schlimmer. Erst im vergangenen Winter hatte eine heftige Grippewelle bundesweit mehr als 1.600 Tote gefordert. Weil die Herstellung des Impfstoffs Monate dauert, lässt sich der Engpass kurzfristig nicht beheben. „Für mich ist diese Entwicklung nicht nachvollziehbar“, kritisiert Tanja Gerlach. Die Weisenbacher Hausärztin hat mittlerweile 28 Namen auf ihrer Warteliste für eine Impfung, darunter Risikopatienten wie Diabetiker, Tumorkranke und Asthmatiker, für die eine Ansteckung mit dem Grippevirus verheerende Folgen haben kann.

Impfstoff nicht mehr lieferbar

Gerlach hatte für ihre Praxis nach eigener Aussage zunächst 500 Dosen geordert. „Der Bedarf lässt sich schlecht abschätzen“, erklärt sie. Man habe nicht „hamstern“ wollen, zumal Ärzte dem Wirtschaftlichkeitsgebot unterliegen. Als Gerlach Ende November weiteren Impfstoff nachbestellen wollte, habe ihr die Apotheke mitgeteilt: „Nicht mehr lieferbar.“ Viele Patienten, die sich im Dezember impfen lassen wollten, musste Gerlach vertrösten.

Herstellung dauert mehrere Monate

Foto: dpa
Ob sie überhaupt noch zum Zug kommen, darf bezweifelt werden. Die Pharmakonzerne können für diese Saison keinen Impfstoff mehr herstellen. Es dauere sechs Monate, um das übliche Antigen auf Hühnereibasis zu produzieren, informierte eine Sprecherin des Herstellers Sanofi. Gerlach hat mittlerweile alle Plakate abgehängt, mit denen sie für eine Grippeimpfung geworben hatte. Ein Einzelfall ist die Praxis am Zimmerplatz offenbar nicht: Aus Gesprächen mit Kollegen wisse sie, „dass auch andere Praxen unter dem Engpass leiden.“

Viele Tote bei letzter Grippewelle

Bereits im vergangenen Jahr hatte es eine Debatte um die Grippeimpfung gegeben. Der nachweislich wirksamste Vierfach-Impfstoff war damals im Gegensatz zu heute noch Privatversicherten vorbehalten. Bei der ungewöhnlichen heftigen Grippewelle waren nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI) bundesweit mehr als 330.000 Menschen erkrankt, jeder Fünfte musste im Krankenhaus behandelt werden. Allein im Klinikum Mittelbaden hatte seit Jahresbeginn mehr als 50 stationäre Fälle gegeben. Nachweislich 1.665 Patienten starben an der Infektion. Laut AGI waren die meisten Todesopfer mehr als 60 Jahre alt oder litten an Vorerkrankungen. „Gerade für sie ist die Impfung sehr wichtig“, betont Gerlach, die im Januar mit einer vollen Praxis rechnet. Nach ihrer Erfahrung stecken sich viele erst nach dem Jahreswechsel an. Trotz einer umfangreichen Vorbestellung sei ihr der Impfstoff in dieser Saison unerwartet früh ausgegangen: „Normalerweise reicht die erste Charge bis Januar.“

Ursachen für Engpass ungeklärt

Tanja Gerlach | Foto: Körner

Gerlach kann sich nicht erklären, wie es zu dem mittlerweile bundesweiten Engpass kommen konnte. Am Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen (Hessen), das für die staatliche Chargenfreigabe von Impfstoffen zuständig ist, rätselt man ebenfalls: „Die Patienten haben in diesem Jahr möglicherweise viel früher angefangen, sich impfen zu lassen“, vermutet Sprecherin Susanne Stöcker. Sie sieht in der schweren Grippewelle der vergangenen Saison einen möglichen Grund für das große Interesse der Patienten an einer Impfung.

Nachfrage möglicherweise gestiegen

Das Bundesgesundheitsministerium nennt als denkbare Ursachen neben einer höheren Nachfrage eine verspätete Bestellung von Impfstoffen durch Ärzte und Apotheker und zu große Vorräte in manchen Praxen. Insgesamt sind laut Gesundheitsministerium in Deutschland 15,7 Millionen Dosen verfügbar (die BNN berichteten) – rund eine Million mehr als 2017 genutzt wurden. Noch Ende November hatte eine Sprecherin des Sozialministeriums in Stuttgart mitgeteilt, von einem massiven Mangel wisse man nichts. Nach einer neuen Regelung erhalten Risikopatienten – Kinder und Jugendliche, Schwangere, Schwerkranke und Über-60-Jährige – den Impfstoff direkt beim Arzt. Alle anderen müssen ihn mit einem Rezept in der Apotheke holen.