Mit dem Korb geht es hinunter in den Schacht, wo jetzt der Stollenvortrieb in Richtung der bestehenden Tunnelröhre erfolgt. Bei Sprengungen bieten Sprengmatten als alten Lkw-Reifen Schutz vor Steinflug.
Mit dem Korb geht es hinunter in den Schacht, wo jetzt der Stollenvortrieb in Richtung der bestehenden Tunnelröhre erfolgt. Bei Sprengungen bieten Sprengmatten als alten Lkw-Reifen Schutz vor Steinflug. | Foto: Dorscheid

Sprengungen im Murgtal

Großbaustelle Gernsbacher Tunnel verzögert sich um etwa fünf Monate

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Die Großbaustelle entlang des Gernsbacher Tunnels verzögert sich um bis zu fünf Monate, bis Juli 2021 soll sie abgeschlossen sein. Das Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe als Bauherr nennt mehrere Gründe für die Verzögerung der Maßnahme, bei der vier neue Rettungstreppenhäuser gebaut werden.

Zuvor nicht als ausreichend bewertete Sprengergebnisse und der daraufhin erfolgte Austausch der Sprengfirma sind ein Grund.

Am Mittwoch begann mit dem Querschlag am Bahnhof Gernsbach eine neue Bauetappe, bei der die österreichische Sprengfirma Östu Stettin ihren ersten Einsatz hatte. Kurz nach 7.30 Uhr hat es kräftig und weithin hörbar gerummst.

„Das hat gut geklappt“, freute sich Georg Hofer, Bauleiter bei Östu Stettin, nach der ersten Sprengung unter seiner Regie. Gut ein Meter herausgebrochener Fels, am besten noch ein bisschen mehr, soll es pro Sprengung schon sein, damit die Arbeiter mit dem Vortrieb vorankommen. Zum Vergleich: Bei der früheren Firma waren es oft nur um die 30 Zentimeter.

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Hofer, der Erfahrungen mit seiner Truppe unter anderem beim Bau des Eisenbahntunnels Melk, einer U-Bahn-Linie in Wien sowie bei „Stuttgart 21“ vorweisen kann, verweist auf die Besonderheit der Gernsbacher Baustelle: „Der Sprengvortrieb ist innerstädtisch und der Platz extrem eng“, umschreibt er die Anlage am Bahnhof, eingezwängt zwischen den Bahngleisen auf der einen und der Schwarzwaldstraße auf der anderen Seite.

Auf freiem Feld sind es die österreichischen Profis gewohnt, im 24-Stunden- und damit Schichtbetrieb arbeiten zu können. Das funktioniert im Stadtgebiet Gernsbach naturgemäß nicht: Hier sind lärmende Tätigkeiten auf den Zeitkorridor 7 bis 20 Uhr montags bis samstags beschränkt.

Bisher gibt es im Tunnel Gernsbach nur ein Rettungstreppenhaus

Im Zuge der B462 werden seit September 2019 vier Rettungstreppenhäuser für den Tunnel Gernsbach hergestellt. Bisher gibt es nur ein Rettungstreppenhaus, und zwar in Höhe Blumenweg/freikirchliche Gemeinde beim Tunnel-Betriebsgebäude und damit in etwa in der Mitte des Tunnels.

Rund 70 Bohrlöcher werden von den Mineuren für jeden Sprengvorgang vorbereitet. Im Einsatz ist eine Spezialfirma aus Österreich. | Foto: Dorscheid

Eine Nachrüstung ist zwingend erforderlich: Nach mehreren verheerenden Tunnelbränden in den Alpen zu Beginn des Jahrtausends sind auch in Deutschland die Sicherheitsvorschriften für Straßentunnel verschärft worden.

Je mehr Fluchttreppenhäuser es gibt, desto kürzer wird im Katastrophenfall, etwa wenn es nach einem Unfall brennt, der rettende Weg nach oben.

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Bauzeit wohl zu optimistisch kalkuliert

Die aktuelle Nachrüstung mit dem Bau von vier Rettungstreppenhäusern hat im September 2019 begonnen, teilweise wird an allen vier Baustellen gleichzeitig gearbeitet.

Neben dem Wechsel der Sprengfirma nennt das Regierungspräsidium als weiteren Grund für die Verzögerung der Gesamtmaßnahme eine notwendige Umplanung am Rettungstreppenhaus „Am Kurpark“ wegen des anstehenden Felshorizontes, der tiefer liegt als angenommen; auch sei die Gesamtbauzeit wohl etwas zu optimistisch kalkuliert worden.

„Gemeinsam mit der bauausführenden wird aktuell an einer Bauzeitoptimierung gearbeitet“, so das RP am Mittwoch.

Auch Tobias Künstel von der Bauleitung der Firma Reif machte vor Ort auf die enormen logistischen Herausforderungen aufmerksam, die eine derart beengte Baustelle wie die am Bahnhof mit sich bringt.

Hinzu kommt: Grundwasser und Wasser, das aus Felsklüften permanent austritt, würde die Baugrube füllen und muss permanent hin zu einer Neutralisationsanlage und von dort in die Murg abgepumpt werden.

Die Schachtarbeiten am Rettungstreppenhaus „Am Bahnhof“ sind abgeschlossen; jetzt hat der Stollenvortrieb in Richtung „Bestandstunnel“ begonnen, dieser Querstollen wird rund 40 Meter lang. Im Radius von 25 Meter wird ein Sicherheitsbereich eingerichtet, der während der Sprengungen nicht betreten werden darf. Hierfür wird die Schwarzwaldstraße sowie der Gehweg gesperrt.

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Sprengung nur, wenn keine Züge fahren

Die Sprengung erfolgt in einer Zugpause: Erst wenn der Fahrdienstleiter der AVG grünes Licht gegeben hat, darf Sprengmeister Andreas Hanschek aufs Knöpfchen drücken.

Dann wird der Emulsionssprengstoff in den rund 70 Bohrlöchern, die mit Drähten verbunden sind, zur Explosion gebracht. Über 500 Kilo schwere Sprengmatten, hergestellt aus alten Lkw-Reifen, schützen vor Steinflug.

Laut Dennis Saldern, Projektleiter beim RP Karlsruhe, befinden sich in den Häusern der Umgebung Erschütterungsmessgeräte, die bei jeder Sprengung alle erforderlichen Daten online zu einem Gutachter senden.