Zuhal hat das Wort: Mit guten Argumenten und einer klaren Aussprache will die Rednerin ihre Zuhörer überzeugen. Im Hintergrund lauert das Gegnerteam darauf, ihren Beitrag inhaltlich zu zerpflücken. | Foto: Körner

Debating-AG in Gaggenau

Schule fördert den Spaß am Wett-Streit

Gaggenauer Schüler streiten – und die Lehrer finden’s richtig gut. In der Debating-AG argumentiert ein lebhaftes Dutzend auf Englisch miteinander um die Wette. Dabei geht es, bei aller Kontroverse, stets gesittet zu. Man lässt sich (meist) ausreden, begegnet einander respektvoll und doch ist der Ehrgeiz der Schüler greifbar: Gewinnen wollen sie alle. Und das Zeug dazu haben sie. Bei den deutschen Meisterschaften 2017 in Winnenden (Rems-Murr-Kreis) wäre den Goethe-Schülern um ein Haar der ganz große Wurf gelungen. Letztlich debattierte man sich zu Platz 3.

Wettkampf mit Argumenten

Die Themen, mit denen sich die Siebt- bis Neuntklässler („Juniors“) und die Zehntklässler („Seniors“) auseinandersetzen müssen, bilden das gesamte Spektrum der Gesellschaft ab. Sollten Schönheitswettbewerbe abgeschafft werden? Müssten Eltern vor dem ersten Kind einen Erziehungskurs belegen? Und: Sollte man nur regionale Erzeugnisse kaufen? Eine Gruppe argumentiert dafür, eine dagegen. Den Gewinner bestimmt ein dreiköpfiges Schiedsrichter-Team. Bei Wettbewerben treten die Schüler in zwei Disziplinen an: Der vorbereiten Debatte – hier ist das Thema vorab bekannt – und der sogenannten „Impromtu-Debatte“, die kurzfristig am Wettkampfort vorbereitet werden muss.

Selbst ruhige Schüler blühen beim Debating auf.

Die Jugendlichen, berichtet Englischlehrerin Nina Kraus, sind mit großer Begeisterung dabei: „Selbst diejenigen, die im Unterricht eher still sind, blühen beim Debating auf“. Und tatsächlich: Von der Anwesenheit des BNN-Redakteurs lassen sich die Schüler bei ihrer Probe kaum beeindrucken. Unter der Fragestellung „Sollte Alkohol verboten werden?“ diskutieren sie in zwei Vierergruppen munter drauflos.

Alkoholverbot: Ja oder nein?

Zunächst hat Nieves das Wort. Sie vertritt die Position der Proposition: „Alkohol sollte grundsätzlich verboten werden“. Gleich zu Beginn führt sie die Verkehrssicherheit als Argument an, was Nicolas, der 2017 Platz 38 der Bundesrangliste im Debating belegte, nicht gelten lässt. Als Mitglied der Opposition lehnt er ein Alkoholverbot ab. „Die Gesetzeslage zum Alkoholkonsum im Straßenverkehr ist bereits eindeutig“, entgegnet er, „es liegt an der Polizei, dies entsprechend umzusetzen“.

Gezielte Störung

Ein solcher Einwurf des Gegnerteams, „point of information“ genannt, ist grundsätzlich immer möglich – mit Ausnahme der ersten und letzten Redeminute. Genutzt wird er, um den gegnerischen Sprecher aus dem Konzept zu bringen. Zwar kann der Redner dem Konkurrenten, der seinen Beitrag mit einem „Information, Sir“ oder „Information, M’am“ anmelden muss, das Wort verwehren. Von den Schiedsrichtern – heute durch drei Schüler vertreten – gibt es dafür allerdings weniger Punkte.

Debating mit Zeitlimit

Sie bewerten die Vorträge nach Inhalt, Stil und Strategie. Neben der Stichhaltigkeit der Argumente fließen unter anderem die Aussprache, das Auftreten und das Einhalten der Zeitvorgabe in die Punktevergabe mit ein. Bei der Probe im Klassenzimmer hat Lehrerin Nina Kraus ein Zeitlimit von vier Minuten festgelegt, das einige Schüler in ihrem Überschwang ein wenig überreizen.

Debating im Klassenzimmer: Wenn ein Redner spricht, hören die anderen gespannt zu. | Foto: Körner

Nun geht es hin und her: Sara spricht für die Opposition, ein Alkoholverbot hält sie für wenig sinnvoll. Auf sie folgt Zuhal, die vor allem die gesundheitlichen Beschwerden durch einen übermäßigen Konsum herausstellt. Imran entgegnet, Alkohol sei „in vielen Ländern Teil der Kultur“ und ohnehin: „Die meisten Menschen konsumieren ihn maßvoll“. Oppositions-Mitglied Finia gerät bei ihrem Beitrag mächtig ins Schwitzen. Elena, die Englisch als Muttersprachlerin beinahe druckreif beherrscht, und Zuhal überhäufen sie mit Wortmeldungen. Finja weiß sich nicht anders zu helfen, als die meisten bestimmt, aber höflich abzulehnen: „No, thank you.“

Überzeugende Opposition

Auf lange Sicht, ist Kraus überzeugt, profitierten die Schüler vom Debating: „Es verbessert ihre Sprachfähigkeiten enorm und stärkt ihr Selbstbewusstsein“. Zehntklässler Nicolas hat davon offenkundig reichlich. Im Gegensatz zu vielen seiner Mitstreiter spricht er nahezu frei und untermalt seine Argumente gestenreich. Ob er die Schiedsrichter damit beeindrucken kann? Das Dreigespann zieht sich zur Beratung zurück und verkündet dann eine einstimmige Entscheidung: Die Opposition hat heute die Nase vorn. „Eure Argumente haben uns mehr überzeugt“, hält Schiedsrichterin Allyson fest. Jubel im einen Lager, Unverständnis im anderen.

Faszinierender Seitenwechsel

Für Nicolas ist es weiß Gott nicht der erste Erfolg, schließlich gehört der Zehntklässler der Debating AG schon seit fast vier Jahren an. Da er den bilingualen Zug gewählt hat, bei dem Teile des Fachunterrichts auf Englisch stattfinden, habe sich die AG-Teilnahme für ihn angeboten. Er sei politikinteressiert, sagt Nicolas, anspruchsvolle Themen reizten ihn. Und nicht zuletzt sei es eine tolle Herausforderung, Positionen einzunehmen, die er privat nicht teilt: „Ein faszinierender Seitenwechsel“.