Großes Kopfzerbrechen bereiten Schülern ihre Aufgaben, wenn sie im Unterricht heillos überfordert sind. Ein Grund dafür kann die falsche Schulwahl sein. | Foto: Wagner

Murgtäler Rektoren in Sorge

Mit Hauptschulempfehlung aufs Gymnasium

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Sechs Jahre, nachdem die verbindliche Grundschulempfehlung abgeschafft worden ist, müssen Eltern bei der Anmeldung ihrer Kinder an weiterführenden Schulen wieder eine Empfehlung vorlegen. Verbindlich indes ist sie weiterhin nicht, was manche Erziehungsberechtigte offenbar zu Alleingängen verleitet. So kommt es vor, dass Kinder mit einer Hauptschulempfehlung auf das Gymnasium geschickt werden – und dort Schiffbruch erleiden. Die BNN haben sich dazu bei den Schulen im Murgtal umgehört, und der Tenor ist einhellig: Zu viele Eltern halten sich nicht an die Empfehlung und überfordern ihre Kinder.

Unvernunft der Eltern

Der Wegfall der Verbindlichkeit hat spürbare Auswirkungen, etwa auf das Goethe-Gymnasium in Gaggenau. Zwar könne die deutliche Mehrzahl der neu angemeldeten Schüler eine Gymnasialempfehlung vorlegen, berichtet der stellvertretende Schulleiter Bernhard Krabbe. Aber längst nicht alle Eltern seien vernünftig: „Anmeldungen mit Realschulempfehlung sind keine Seltenheit“, weiß Krabbe. Sie führten dazu, „dass die Schüler gerade in den höheren Klassen überfordert sind“. Nur „mit sehr viel Fleiß“ gelinge es ihnen, Anschluss zu finden.

Gymnasium statt Hauptschule

Selbst Kinder mit Hauptschulempfehlung seien am Goethe-Gymnasium angemeldet worden. Krabbe hat dafür kein Verständnis: „Wir sprechen hier von kleinen Katastrophen, von Schülern, die schon in der fünften Klasse dramatische Probleme bekommen“. Der Einfluss der Schulen hält sich in Grenzen. Zwar könne man nach Vorlage der Empfehlung an die Vernunft der Eltern appellieren, so Krabbe, die seien aber „leider oft beratungsresistent“.

Auch am Gaggenauer Goethe-Gymnasium werden nicht nur Schüler mit Gymnasialempfehlung angemeldet. Die Schulleitung hat dafür wenig Verständnis. | Foto: Kocher

Die Folge: Die Schüler sind frustriert. „Nach dem ersten Mal Sitzenbleiben denken manche Eltern, dass es vielleicht im zweiten Anlauf klappt“, sagt Krabbe, die Erfahrung zeige aber: „Meist werden die Schüler durchgereicht, im schlimmsten Fall bis auf die Hauptschule“.

Überforderung und Unterforderung

Andererseits gebe es Kinder mit Gymnasialempfehlung, die von ihren Eltern an einer Realschule angemeldet werden – oft mit der Begründung, man wolle den Schüler nicht überfordern. „Das finde ich schade, denn das Potenzial für das Gymnasium ist in diesen Fällen da“, bedauert Krabbe, „aber auch nach der Realschule kann man noch das Abitur machen“. Der Pädagoge plädiert dafür, zumindest die Anmeldung von Schülern mit Hauptschulempfehlung an einem Gymnasium zu verbieten: „Damit tut man dem Kind keinen Gefallen“.

Schwierige Integration

In dasselbe Horn stößt Axel Zerrer, Leiter der Gaggenauer Realschule. Seitdem die Grundschulempfehlung nicht mehr verbindlich ist, registriert er eine Zunahme von Gymnasiasten, die aus Leistungsgründen an seine Schule wechseln. „Es dauert, bis wir diese Kinder in bereits bestehende Klassenverbunde integrieren“, sagt Zerrer. Man müsse zudem „ihre Bildungsbiografie, die von Misserfolgen geprägt ist, umdrehen.“ Eine Beratung von Eltern sei meist wirkungslos. Typische Ausreden: „Der Schulweg zur Hauptschule ist zu weit“ oder „Mein anderes Kind besucht auch Ihre Schule“.

98 Prozent der Grundschulempfehlungen sind richtig.

Wie Zerrer („98 Prozent der Grundschulempfehlungen sind richtig“) rät auch Oliver Hintzen, Rektor der Johann-Belzer-Schule in Weisenbach, Eltern dringend dazu, die Empfehlung für ihr Kind zu berücksichtigen. „Die Lehrer erleben den Schüler im Klassenalltag und können deshalb am besten beurteilen, wie er gefördert werden muss“, betont er. Immer häufiger komme es vor, dass Schüler zur siebten oder achten Klasse nach Weisenbach wechselten, weil sie an ihrer Schule überfordert gewesen seien. Hintzen: „Zu viele Eltern ignorieren die Empfehlung.“