Klare Haltung: Pächter Axel Warth stellt sich vor seinen Mitarbeiter. Beim Überfall habe der Mann entsprechend seinen Anweisungen gehandelt. Warths Angestellte sollen sich bei Raubüberfällen nicht wehren, um eine Eskalation zu vermeiden. | Foto: Bauer

Forbach: Mitarbeiter beleidigt

Häme im Netz nach Überfall auf Tankstelle

Anzeige

Montag, 29. Januar, 21.45 Uhr: Mit einem Messer bedroht ein Räuber, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, einen Mitarbeiter der Forbacher Avia-Tankstelle. Er will Bares, und er ist spürbar nervös. Kunden sind nicht im Verkaufsraum, als der Angestellte die Kasseneinlage auf den Tresen legt. Der Räuber greift zu und flieht – mit 1 343 Euro. Zwei Wochen später stellt sich der 17-Jährige der Polizei. Sein Anwalt sagt zum Pächter: „Der Druck auf ihn wurde zu groß“. Der Mitarbeiter leidet unter den Folgen des Überfalls. Ihn belasten weniger die Erinnerungen an die Bedrohung als die Häme im Netz, die auf die Veröffentlichung des Überwachungsvideos folgten. Zwei Monate nach der Tat spricht sein Chef in den BNN.
(mit Kommentar)

So eine Lusche will ich nicht zum Freund haben!

„Was ist das denn für eine Null?“, lautet ein Kommentar auf Facebook. „So eine Lusche wollte ich nicht zum Freund haben!“, ein anderer. Pächter Axel Warth macht das wütend: „Im Internet kann jeder eine große Schnauze haben“, schimpft er und stellt sich demonstrativ vor einen Mitarbeiter: „Er hat zu 100 Prozent richtig gehandelt“. In der Hoffnung auf sachdienliche Hinweise hatte Warth vorübergehend das Video seiner Überwachungskamera auf Facebook veröffentlicht. Darauf ist zu sehen, wie der Täter für wenige Sekunden sein Messer ablegt, um das Geld einzusammeln. „Da hätte ich ihm sofort auf die Fresse gehauen“, tönt ein Nutzer.

Niemand soll den Helden spielen

Warth kann darüber nur den Kopf schütteln. „Alle Mitarbeiter erhalten die klare Anweisung, bei Überfällen nicht den Helden zu spielen“, betont er. Der frühere Polizist weiß: „Viele Täter sind angespannt und auf Drogen. Eine falsche Bewegung und die Situation eskaliert“.

Deshalb erwartet Warth auch nicht, dass seine Mitarbeiter den Notknopf unter dem Ladentisch betätigen. Er stellt klar: „Ein Menschenleben ist mehr wert als alles Geld der Welt“. Letztlich zahlt bei ungeklärten Raubüberfällen ohnehin die Versicherung. Jedem seiner Angestellten habe er geraten, sich intensiv mit einem solchen Szenario zu beschäftigen, „damit im Ernstfall jeder weiß, wie er handeln muss“.

Ansturm auf die Tankstelle

Tatsächlich zeige seine Erfahrung, dass die Opfer, wie auch im aktuellen Fall, während der Tat kaum Angst empfinden. „Im Moment der größten Gefahr funktionieren die meisten“, erklärt Warth, „der Schock kommt oft erst hinterher, wenn die Verarbeitung beginnt.“ Sein Mitarbeiter habe sich nichts vorzuwerfen; und dennoch geriet der Mann in den Tagen nach dem Überfall in den Blickpunkt.

Die Überwachsungskamera fängt den Kassenbereich der Tankstelle ein (im Bild Axel Warth). | Foto: BNN

Neben klugen Ratschlägen und verletzenden Kommentaren aus dem Netz wurde er im Dienst mit ständigen Nachfragen konfrontiert. „Wie ist das passiert?“, „Geht es euch gut?“ und „Konnte man da nichts machen?“, wollten die Menschen wissen. In der Woche nach dem Raubüberfall kamen deutlich mehr Kunden als sonst, der Umsatz stieg um 20 Prozent. Irgendwann konnte der Mitarbeiter nicht mehr. „Wir mussten ihn einige Tage freistellen“, berichtet Warth. Mit der Presse will der Mann nicht reden.

Geld wird nicht verteidigt

Vier Überfälle wurden in den vergangenen Jahren auf von Warth betriebene Tankstellen verübt, darunter zweimal in Forbach und einmal in Gaggenau. Immer wurden die Täter gefasst. „Wer so etwas macht, ist dumm“, sagt Warth kopfschüttelnd, zumal „selten mehr als 1 500 Euro in der Kasse“ seien. Auch deshalb gelte: „Das Geld wird nicht verteidigt. Niemals“.

 

Die Pforzheimer Bäderkrise wird durch populistische Politik verlängert. Ein Kommentar von Daniel Streib. | Foto: ©jd-photodesign - stock.adobe.com

Grenzen überschritten

Der Überfall auf die Forbacher Tankstelle und sein Nachspiel im Netz zeigen einmal mehr: Das Maulheldentum in der behaglichen Anonymität des Internets ist ein Phänomen unseres digitalen Zeitalters. Dort kann jeder ungefragt seinen Senf zu dem geben, was ihn gerade umtreibt. Wenn Millionen Bundestrainer die Aufstellung der Nationalmannschaft kritisieren oder einige Neunmalkluge meinen, sie hätten die Politik persönlich erfunden, mag man darüber vielleicht noch schmunzeln.

Likes um jeden Preis

Bei persönlichen Beleidigungen indes hört der Spaß auf. Wird ein unbescholtener Bürger für ein paar jämmerliche Likes im Netz der Lächerlichkeit preisgegeben, wie es dem Forbacher Tankstellenmitarbeiter widerfahren ist, werden die Grenzen des Anstands deutlich überschritten. Was nur geht in Menschen vor, die andere bloßstellen, um sich selbst für einen Moment zu produzieren? Hier liegt der Verdacht nahe, dass hinter der großen Klappe nicht allzu viel steckt, in jedem Fall keine gute Kinderstube.

Plattform Facebook

Großmäuler, Populisten und Hetzer gab es freilich schon immer. Nur haben sie ihre dumpfen Parolen dereinst am Stammtisch verbreitet und die Allgemeinheit damit verschont. Heute bieten ihnen die sozialen Netzwerke eine Plattform, die sie nur zu gerne nutzen.

Rückendeckung vom Chef

Vorbildlich, dass sich Axel Warth vor seinen Mitarbeiter stellt; löblich auch, dass er seine Angestellten angewiesen hat, im Ernstfall nicht den Rambo zu spielen, sondern deeskalierend zu handeln. Als ehemaliger Polizist weiß Warth, wovon er spricht – im Gegensatz zu den vielen Helden an der Tastatur.