Jeder starrt aufs Handy: Thomas Feibel gibt Einblicke in die richtige Mediennutzung in der Familie. | Foto: Die Hoffotografen

Vortrag in Gernsbach

Handysucht als Erziehungsproblem

Anzeige

Übermäßige Handynutzung ist ein Hauptstreitthema in vielen Familien. Mit dieser Mammutaufgabe der Erziehung setzte sich der Berliner Bestsellerautor Thomas Feibel am Mittwoch in der Gernsbacher Stadthalle auseinander. Dabei machte er in seinem Vortrag schnell klar, dass es den perfekten Plan für die Lösung des Problems nicht gibt.

 

„Jedes Kind ist individuell. Viele Experten raten, dass der optimale Zeitpunkt für ein Handy in der fünften Klasse ist. Wir als Eltern müssen trotzdem unsere eigene Meinung bilden. Erst denken, dann schenken“, erklärte der geborene Mannheimer, der als führender Journalist in Sachen „Kinder und Neue Medien“ gilt. Es sei schließlich schier unmöglich, die Benutzung von mobilen Geräten zu kontrollieren. Zu leicht sind sie wieder versteckt oder woanders hin mitgenommen. Grundsätzlich sollten Eltern in ihrer Vorbildfunktion einen geregelten Handykonsum vorleben. Vom eigenen Bildschirm aufzublicken und sich über das Kind zu beschweren, helfe bei der medialen Erziehung nicht wirklich.

iPhones sind mittlerweile auch ständige Wegbegleiter von Kindern. | Foto: Ole Spata

Des Weiteren verdeutlichte Feibel, dass es im Internet „keinen Datenschutz gibt“. Unterschiedliche Plattformen spionieren das Einkaufsverhalten der Menschen im Internet aus und nutzen es für die eigenen Marketingstrategien. Deshalb sei es auch die Aufgabe der Schulen, den richtigen Umgang mit den Neuen Medien und deren Tücken zu vermitteln, betonte der Berliner. Der „Shop in der Hosentasche“ ist so auch mit einer gewissen Verantwortung verbunden und „kein Kinderspielzeug“.

Brettspiele fördern Kommunikation

Auch in vielen kostenlosen Spiele-Apps wie „Clash of Clans“ werden sogenannte In-App-Käufe angeboten, mit denen man spezielle Boni freischalten kann. „Die Spiele wollen selbst entscheiden, wann sie gespielt werden. Das ist ein trickreiches Geschäftsmodell. Brettspiele dagegen sind wahre Kommunikationsöffner und die Kinder lernen auch zu verlieren. Sie gehen zu Ende, Handyspiele nicht“, argumentierte Feibel. So sehe er die Sucht primär als Erziehungsproblem, aber schätzt die wirklichen Extremfälle eher selten ein. Generell riet er den Eltern, das Handy nicht heimlich zu kontrollieren oder als Strafe einzusetzen. Autoritäre Machtdemonstrationen bewirkten eher das Gegenteil des Erwünschten.

Reale Erlebnisse wichtig

Um die Kinder wirklich vom Handy zu trennen, sollten mehr Aktivitäten ohne die technischen Geräte stattfinden. Familienzeit mit ungeteilter Aufmerksamkeit für den Gegenüber sei der beste Weg, um die Kinder für reale Erlebnisse zu begeistern. Mit der Idee von Körbchen sorgte Feibel – wie häufiger in seinem Vortrag – für ein schmunzelndes Publikum. Damit meinte der Berliner eine Art temporäre Sammelstelle für die Mobilgeräte. Erst nach erfolgreich erledigten Hausaufgaben bekommen die Kinder dann ihre Handys wieder zurück.

Privatsphäre schützen

Beim Thema Instagram holte Feibel zum Vergleich mit früheren Zeiten aus: „In meiner Kindheit wurde ein Kind als Kind gesehen. Aber gerade junge Mädchen können sich auf Instagram heute als viel älter ausgeben als sie sind. Das verlockt natürlich.“ Deshalb gehöre es gerade in Zeiten von Cybermobbing zur Aufgabe der Eltern, die Privatsphäre ihrer Kinder zu schützen. Die Veranstalter waren die Schulsozialarbeiter unter der Trägerschaft des evangelischen Mädchenheims Gernsbach, die sich mit einem lokalen Präsent bei Feibel bedankten. Für seinen informativen Vortrag erntete der Autor großen Applaus. Die Anwesenden hatten ihr Handy für zwei Stunden vergessen.