Heike Borchers wirbt für Verständnis. Ihr Leben mit MS spiegelt sich in ihren Gedichten wider.
Heike Borchers wirbt für Verständnis. Ihr Leben mit MS spiegelt sich in ihren Gedichten wider. | Foto: Widmann

Teilnahme an Wettbewerb

Heike Borchers aus Gaggenau verarbeitet ihre Erkrankung an MS in Gedichten

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„Diese Müdigkeit ist bleiern, ich kann es nicht verschleiern […] dieses MS-Symptom, das sich einschleicht wie ein Phantom.“ Diese Zeilen stammen von Heike Borchers, 48 Jahre alt, aus Gaggenau. Sie ist an Multipler Sklerose (MS) erkrankt – und eine von zwölf Frauen, die es mit ihren persönlichen Beiträgen zum Leben mit MS in die Endrunde eines Wettbewerbs der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) geschafft haben.

Das Motto: „Keiner sieht’s. Einer spürt’s. MS – Vieles ist unsichtbar.“ Noch läuft im Internet die öffentliche Abstimmung für den besten Beitrag; im November werden die Gewinnerinnen in Berlin gekürt.

Der Alltag hat ein anderes Tempo

Vor zwei Jahren hat Heike Borchers begonnen, ihre Erfahrungen mit MS in Form von Gedichten zu verarbeiten. Seite um Seite eines großen Buchs füllt sie mit weichen Bleistiftzügen. Ehrliche Worte hält sie dort fest, die sie nicht jedem zeigt – Gedanken, die sie nicht selten Mut gekostet haben. Denn sie sind eine Form der Verarbeitung.

Das Buch hat sie von ihrem Mann geschenkt bekommen, nachdem sie krankheitsbedingt ihren Beruf aufgeben und sich – zum x-ten Mal seit ihrer Diagnose vor 20 Jahren – neu definieren musste. Diesmal musste sie sich beibringen, dass ihr Wert nicht an Arbeit oder Leistung hängt. Dass ihr Alltag ein anderes Tempo haben darf, als sie es bei anderen Menschen sieht.

MS bringt Erschöpfung

Ihr macht vor allem die Fatigue zu schaffen, eine tiefe und schnell einsetzende Erschöpfung. Große Gruppen und lange Gespräche rauben ihr in einem Maß Kraft und Konzentration, das nur schwer vorstellbar ist. Schon bei Spaziergängen muss sie mit ihrer Energie haushalten. Ein Vortragsabend nach einem langen Tag ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Grenzen stoßen auf Unverständnis

Sie muss deshalb alle Termine und Vorhaben gut planen – und immer wieder Grenzen setzen, sich selbst und anderen gegenüber. Damit stößt sie auch auf Unverständnis. Menschen, die sie nicht gut kennen, verstehen nicht, wenn sie Einladungen ablehnt oder Veranstaltungen früh verlässt.

Von außen sehen sie eine Frau, die im Bankwesen tätig war, als Teil eines Musikerinnentrios auftritt, nach ihrer Mutter sieht, in Urlaub fährt. Den Tremor im rechten Arm, den sie auszugleichen gelernt hat, können sie ebenso wenig sehen wie Taubheitsgefühle oder die Erschöpfung.

Multiple Sklerose ist nicht Rollstuhl.

„Multiple Sklerose ist nicht Rollstuhl“, sagt Heike Borchers deshalb bestimmt. Die Symptome der Erkrankten – die DMSG geht bundesweit von 240.000 Menschen aus – reichen von Sehstörungen über motorische Probleme bin hin zu Nervenschmerzen. Manches ist sichtbar, aber eben nicht alles.

Offenheit statt Schock

Wenn Borchers von ihrer Krankheit erzählt, ist die Reaktion oft Schock und Bedauern. Was sie sich jedoch wünscht, ist Interesse. Wenn sie erklären kann, wie MS ihr Leben und ihre Entscheidungen beeinflusst, tut das nicht nur gut.

Es sorgt auch für Verständnis – und nimmt Betroffenen zumindest eine Last: Die Angst, für faul, undynamisch oder desinteressiert gehalten zu werden. Sie hofft, mit ihrem Gedicht dazu beizutragen. „Mir geht’s nicht ums Gewinnen. Gewonnen haben wir so schon alle.“

Bis 13. Oktober 2019 ist es möglich, unter dmsg.de für einen der zwölf Beiträge abzustimmen. Beim Besuch der Webseite öffnet sich automatisch ein Fenster, das zu einem Überblick über die Teilnehmerinnen und ihre Lieder, Texte, Bilder und Videos führt.