Einen großen Bahnhof hat es bereits zum 70. Geburtstag von Heinz Goll (links) gegeben, hier gratuliert Landrat Jürgen Bäuerle. Am Freitag, 26. Oktober, wird der Gaggenauer Ehrenbürger Heinz Goll 80. | Foto: Mandic

Acht Fragen zum 80. Geburtstag

Heinz Goll: „Die Kirche sollte ihre Priester heiraten lassen“

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Er war Landtagsabgeordneter (1984 bis 2001), Gewerkschaftschef der IG Metall in Gaggenau (1980 bis 1998), er hat für seine vielen ehrenamtlichen Funktionen und Aufgaben das Verdienstkreuz erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland erhalten: Heinz Goll, Ehrenbürger der Stadt Gaggenau, hat sich beruflich und politisch vielfach engagiert – nur eines konnte er nie: Still sitzen. Das gilt auch jetzt noch, wenn der überzeugte Sozialdemokrat am Freitag, 26. Oktober, seinen 80. Geburtstag feiert. Unter anderem leitet er den Verein „Menschen für St. Laurentius“ und ist damit sehr nahe an der katholischen Kirchengemeinde. Im Interview mit BNN-Redakteur Thomas Dorscheid nimmt Heinz Goll unter anderem Stellung zur Krise der SPD, zu politischen Vorbildern, zu seinen für ihn bewegendsten Reden – und zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche.

In welcher Form begehen Sie Ihren Ehrentag zum 80. Geburtstag?

Goll: Eigentlich wollte ich mit meiner Frau verreisen, um dem Trubel zu entgehen. Doch man hat mir geraten, dies nicht zu tun, denn Tage danach würde ich dann doch noch von den Ereignissen des Geburtstags eingeholt. So haben meine Frau und ich beschlossen, den Tag zu Hause zu verbringen und am nächsten Tag mit Familie und Freunden zu feiern.

Angenommen, Sie haben einen Wunsch frei – wie würde der lauten?

Goll: Abgesehen davon, dass die Gesundheit und soziale Sicherheit meiner Familie an oberster Stelle steht, würde ich mir für alle Menschen ein Leben in Freiheit und Frieden wünschen. Als Kind habe ich die Schrecken des Zweiten Weltkrieges noch erlebt. Daher wünsche ich mir, dass sich ein so unmenschliches politisches System, das zu diesem schrecklichen Krieg führte und die Welt in eine Katastrophe stürzte, sich nie mehr wiederholen möge. Was wir vom Leben auch immer erhoffen, es gibt zwei unverzichtbare Dinge: Gesundheit und Frieden – das wünsche ich mir und allen Mitmenschen.

Sie haben einmal über sich gesagt: „Ich habe Angst, dass ich aufhöre zu existieren, wenn ich zu lange still sitze.“ Still sitzen war noch nie das Ding von Heinz Goll – welche Aufgaben wollen Sie auch nach Ihrem 80. Geburtstag noch ausüben?

Goll: Auch wenn ich jetzt 80 Jahre alt werde, kann ich mir nicht vorstellen, ruhig zu sitzen und die Hände in den Schoß zu legen. Auch wenn man älter wird, sollte man am Puls der Zeit bleiben. Außerdem sagte schon Nietzsche: ’Das Leben ist zu kurz für Langeweile.’ Ich stecke noch immer, trotz vieler schwerer gesundheitlicher Nackenschläge, voller Dynamik und Energie noch etwas zu bewegen. Wenn meine Gesundheit es mir erlaubt, werde ich mich noch weiter in die Gesellschaft einbringen. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, nichts zu tun, ich käme mir wertlos vor.

Sie sind ein „Urgestein der Sozialdemokratie“ – Mitglied seit 1962 und in vielen Funktionen für die Partei tätig (gewesen). Was muss die SPD deutschlandweit tun, um aus ihrem Tief zu kommen?

Goll: Natürlich bin ich mit der derzeitigen Situation meiner Partei nicht zufrieden. Wenn ich mir die gegenwärtigen Umfragewerte ansehe, dann gibt mir das schon sehr zu denken. Allerdings sollte man bei aller kritischen Betrachtung nicht übersehen: die SPD ist in dieser Bundesregierung der treibende Motor. Was durch Initiative der SPD auf sozialem Gebiet an fortschrittlichen Gesetzen zum Nutzen der Menschen auf den Weg gebracht wurde, kann sich schon sehen lassen. Um aus dem Tief herauszukommen, sollte die Partei sich weniger mit sich selbst beschäftigen und mehr ihre Leistungen in der Öffentlichkeit stärker herausstellen. Im Übrigen sollte die Partei sich auch wieder mehr auf ihre Grundwerte besinnen: Friede, Freiheit und soziale Gerechtigkeit.

Wer ist aktuell Ihr politisches Vorbild und bei wem würden Sie am liebsten den Fernseher ausschalten, wenn Sie ihn/sie dort sehen?

Goll: Um ehrlich zu sein, mit aktuellen politischen Vorbildern tue ich mich zurzeit schwer. Gegenwärtig ist die politische Landschaft in einer nicht gerade befriedigenden Situation, es ist für jeden Bürger nicht einfach, herausragende politische Persönlichkeiten zu erkennen. Für gefährlich halte ich den aufkommenden Rechtsradikalismus, Antisemitismus und den Populismus. Da ich auch keine Populisten mag, habe ich meine Probleme mit dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump. Doch wenn man informiert sein will, kann man den Fernseher nicht abschalten.

Gibt es jemanden aus der Promiszene nationaler oder internationaler Stars, den Sie gerne einmal treffen möchten?

Goll: Ich habe es nicht so sehr mit Promis und Stars, mich sehnt es nicht danach, mich mit solchen Personen zu treffen. Mir sind die Normalbürger lieber – Menschen wie Du und ich, da fühle ich mich wohl.

Sie haben in unterschiedlichsten Funktionen schon zahlreiche Reden gehalten – welche war die bewegendste für Sie?

Goll: Diese Frage ist für mich nicht einfach zu beantworten, denn es sind eigentlich drei Reden, die mich sehr bewegt haben und die ich nie vergessen werde. Das ist zum einen meine Jungfernrede im Landtag von Baden-Württemberg. Eine sehr schwierige und auch sehr diffizile und sensible Rede musste ich am Holocausttag bei der Histadrut (Dachverband der Gewerkschaften, Anmerkung der Redaktion) in Israel halten. Eine israelische Dame, deren Familie in Ausschwitz ermordet wurde, kam nicht zu meiner Rede und ließ mich wissen, ich solle es bitte nicht persönlich nehmen, aber an diesem Tag wolle sie keinen Deutschen sehen. Eine ebenso schwierige Rede hielt ich am 8. Mai 1971 in unserer Partnerstadt Annemasse. Die französische Widerstandsbewegung Résistance beging den Tag der Befreiung von Hitler-Deutschland und man hatte mich hierzu als Redner eingeladen. Die Reaktion der Zuhörer nach meiner Rede war für mich außergewöhnlich, ich habe in meinem Leben auch so etwas nie mehr erlebt. Zunächst war nach meiner Rede Stille – oh je, dachte ich. Dann begann der Beifall, der immer stärker wurde, danach standen die Menschen auf, klatschten weiter, verließen ihren Platz, kamen auf mich zugelaufen, standen um mich herum und klatschten weiter und weiter. Für mich war danach klar: ich bin mit meiner Rede bei den Franzosen angekommen.

Sie sind Vorsitzender des Bad Rotenfelser Vereins „Menschen für St. Laurentius“ und damit ganz nahe dran an der katholischen Kirchengemeinde. Die katholische Kirche will, so sagt sie, nach dem riesigen Missbrauchsskandal viele Dinge diskutieren. Gehört Ihrer Meinung nach auch das Zölibat auf den Prüfstand?

Goll: In einer christlichen Zeitung habe ich gelesen: ’Körperliche Liebe ist ein Gottesgeschenk’. Wenn das richtig ist, dann sollte die Kirche den Priestern dieses Gottesgeschenk nicht verweigern und sie heiraten lassen. Die von Jesus ausgewählten Apostel waren zum größten Teil verheiratete Männer. Das Zölibat ist durch Menschen eingeführt worden und sollte angesichts der unschönen Ereignisse von Menschen auch dringend auf den Prüfstand gestellt werden.