Beängstigende Ausmaße nahm das Hochwasser an der Murg in der Nacht zum Freitag an. An der Gernsbacher Stadtbrücke drohte das Wasser über die Ufer zu treten. | Foto: Dürr

Lange Nacht für Feuerwehren

Hochwassereinsätze im Murgtal

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Der rasant ansteigende Pegel der Murg hat in der Nacht auf Freitag die Feuerwehren im Murgtal in Atem gehalten. An der Gernsbacher Stadtbrücke sah es zwischenzeitlich sogar so aus, als würde der Fluss über die Ufer treten. Die Stadtbrücke war gegen 22.30 Uhr vorsorglich für den Verkehr gesperrt worden, ist mittlerweile aber wieder frei. Das Hochwasser beschäftigte die Floriansjünger bis tief in die Nacht hinein.

Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen

Am Morgen danach heißt es erst einmal Durchatmen: „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen“, bilanziert Dieter Spannagel, der leitende Kommandant der Gaggenauer Feuerwehr, im BNN-Gespräch am Freitagmorgen. Natürlich ist der Ärger und Aufwand für diejenigen Hauseigentümer, die jetzt Wasser in ihrem Keller haben, groß. Aber unter dem Strich steht: Es hätte schlimmer kommen können. Noch bis zum späten Donnerstagabend rechneten die Feuerwehren in Gaggenau und Gernsbach mit einem größeren Hochwasserereignis.

Video von Facebook-Nutzerin Karolina Anna Kowalska Sommerfeld

Hochwasser knapp vor 20-Jahres-Marke

Der Grund: Binnen weniger Stunden war der Murgpegel ab dem späten Donnerstagnachmittag schnell angestiegen. Im Landkreis Freudenstadt waren zuvor Starkniederschläge gegangen, die dann in wenigen Stunden über die stark ansteigende Murg das „badische Murgtal“ erreichten.

Spät am Abend musste die Gernsbacher Stadtbrücke für den Verkehr gesperrt werden. | Foto: Dürr

Um 0.30 Uhr in der Nacht zum Freitag war am Murgpegel Bad Rotenfels der Wert eines zehnjährigen Hochwassers überschritten, der Pegel zeigte 3,45 Meter an. Kurz vor der 20-jährigen Marke gab es allerdings einen „Knick“ und ab etwa ein Uhr senkte sich der Wasserpegel leicht. Vor allem auch, weil in der Nacht die Regenfälle zurückgingen.

Wiederholt sich das Szenario?

Es könnte aber sein, dass die Entspannung nicht allzu lange anhält. Nach einer Meldung des Landkreises Rastatt könnte es schon bald wieder zu Starkregen im Kreis Freudenstadt kommen, weshalb ein erneuter Anstieg der Murg nicht auszuschließen sei – damit könnte sich dieses Szenario vom späten Donnerstagabend im unteren Murgtal wiederholen. Am Freitag war aber erst einmal Entspannung angesagt.

22 Einsatzstellen in Gernsbach

In Gernsbach ist die Feuerwehr am Donnerstag um 18.30 Uhr mit der Warnmeldung über schnell steigende Murgpegel alarmiert worden. Ende des Einsatzes war gegen 3.30 Uhr, die Aufräumarbeiten werden laut Pressesprecher Daniel Klumpp aber noch mehrere Tage benötigen. Eingesetzt waren die Abteilungen Gernsbach, Obertsrot und Hilpertsau mit insgesamt 80 Einsatzkräften, zudem der Bauhof Gernsbach mit neun Mitarbeitern und die Straßenmeisterei mit einem Mitarbeiter. Insgesamt waren es in Gernsbach 22 Einsatzstellen, es wurden Sandsack-Wälle errichtet und Keller ausgepumpt. Gegen 19.30 Uhr wurden die Obersroter Straße und die Schloßstraße wegen Überflutung für den Verkehr voll gesperrt.

Stadtbrücke vorsorglich gesperrt

Dann kam die wichtigste Brücke der Stadt hinzu: gegen 22.30 Uhr wurde die Gernsbacher Stadtbrücke, die Alt- und Neustadt verbindet, aufgrund des hohen Wasserstandes vorsorglich ebenfalls für den Verkehr gesperrt. Gegen drei Uhr in der Nacht konnten die Sperrungen aufgrund sinkender Pegel wieder aufgehoben werden, erstmals war Entspannung angesagt. Die (bekannten) neuralgischen hochwasserrelevanten Mess- und Meldepunkte wurden während des Einsatzes regelmäßig abgefahren und kontrolliert.

Anwohner holen sich Sandsäcke

Alle verfügbaren Sandsäcke aus den Feuerwehrabteilungen sind in den Feuerwehrhäusern Gernsbach und Obertsrot zentral gesammelt und befüllt worden. Anwohner nutzten die Möglichkeit, Sandsäcke dort zu füllen und abzuholen, um selber die eigenen Sachwerte zu schützen. Bürgermeister Julian Christ machte sich vor Ort ein Bild über die Lage.

Einsatzleitung im Rettungszentrum

In Gaggenau wurde am Donnerstagabend im Rettungszentrum eine Einsatzleitung aufgebaut, nachdem kurz nach 20 Uhr die ersten Meldungen von Wassereintritten in Kellern bei der Feuerwehr gemeldet worden waren. Bei der Einsatzleitung fand sich auch Bürgermeister Michael Pfeiffer ein. Der Murgpegel sowie die oberen Pegelstände bis Baiersbronn wurden ständig beobachtet, um einschätzen zu können, wie und wann die Wassermassen Gaggenau erreichen würden.

Wasser auf Sportplatz gepumpt

Der Schwerpunkt der Einsatzstellen in Gaggenau lag in der Nacht rund um den Ottenauer Sportplatz in der Mozartstraße, Rembrandtstraße sowie Beethovenstraße. Der Bahnbach hatte sich zurückgestaut, kurzzeitig war auch ein Teil des Benz-Parkplatzes überflutet.

Pegel Bad Rotenfels/Murg | Foto: Hochwasservorhersagezentrale Baden-Württemberg der LUBW

Für die Feuerwehr und die Eigentümer der Häuser war es ein Geduldsspiel: Pumpte man an einer Stelle Keller leer, liefen sie anderswo wieder voll. Schließlich entschied die Feuerwehr, dass man einen Teil des Wassers auf den Ottenauer Sportplatz pumpte, sodass die Kanalisation etwas entlastet wurde. Der Wasserdruck war einfach zu hoch, um einen normalen Kanalabfluss gewährleisten zu können.

Einsatz bis zum frühen Morgen

Massive Einsatzkräfte der Feuerwehr und Pumpen wurden in Ottenau eingesetzt. Neben der Feuerwehrabteilung Ottenau waren auch Hörden, Bad Rotenfels und die Kernstadt im Einsatz. Die Pumpaktionen liefen bis in den frühen Morgen. Insgesamt mussten rund 40 Einsatzstellen abgearbeitet werden.Die Einsatzleitung konnte ihre Arbeit gegen drei Uhr vorerst beenden. Am frühen Abend bereits waren die Unterführungen im Bereich Rotherma-Querspange und in Hörden am Kanal zur Essel bereits von der Stadtverwaltung gesperrt worden.