Deutliche Worte und Bilder sollen Waldspaziergänger – wie hier im Freiolsheimer Forst – davon abhalten, in laufende Fällarbeiten zu geraten. Dennoch ignorieren Waldbesucher immer wieder solche Hinweise und bringen sich in Lebensgefahr.
Deutliche Worte und Bilder sollen Waldspaziergänger – wie hier im Freiolsheimer Forst – davon abhalten, in laufende Fällarbeiten zu geraten. Dennoch ignorieren Waldbesucher immer wieder solche Hinweise und bringen sich in Lebensgefahr. | Foto: Collet

Dem Förster auf der Spur

Holzeinschlag: Ein junger Wald hilft dem Klima

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Der Wald ist Handlungsort zahlreicher Märchen, mythologisch Symbol des Unzivilisierten und heute oftmals Naherholungsgebiet. Schon kleine Kinder haben eine konkrete Vorstellung davon, was ein Wald ist. Und ein Forst? Ist er dasselbe wie der Wald? Umgangssprachlich vielleicht, tatsächlich handelt es sich aber um nach forstwirtschaftlichen Grundsätzen bewirtschafteten Wald. Im letzten Teil für dieses Jahr (Fortsetzung folgt 2019) geht es um den klassischen Holzeinschlag am Beispiel des ehemaligen Gemeindewaldes von Freiolsheim.

Kettensägen kreischen, ein kurzes „Oh“, dann Stille. Dann ist das Knirschen und Knacken von Holz zu hören, bevor ein ohrenbetäubender Knall durch den ehemaligen Freiolsheimer Gemeindewald hallt. Jetzt, im Herbst und Winter, ist die klassische Zeit der „Holzernte“, wie das Baumfällen inzwischen genannt wird. „Und wo gesägt wird, da fallen Bäume.“

Ein Hieb ist wie eine Baustelle.

Es klingt wie ein banaler Scherz, was Clemens Erbacher da von sich gibt. Doch der Forstdirektor und sein Kollege, Revierleiter Martin Melcher, kennen haarsträubende Geschichten von Menschen, die trotz aller Absperrungen mitten durch einen Holzeinschlag spazieren. „Ein Hieb ist wie eine Baustelle. Wir sperren sämtliche Wege, stellen Schilder und Banner auf. Doch es hilft alles nichts“, sagt Melcher frustriert.

Gefährliche Lage

Dabei ist es für den Laien im durchaus noch dichten Herbstwald alles andere als einfach, einzuschätzen, wo die Waldarbeiter genau unterwegs sind. Und das klassische „Baum fällt“, das jeder Familienserien-Fan im Ohr hat, gibt es in Wirklichkeit auch nicht: „Das ruft kein Mensch. Oh oder andere Laute, mehr aber nicht“, klärt Erbacher auf.

Förster tragen Schutzausrüstung

Und die Gefahr für den Waldspaziergänger ist nicht nur der fallende Baum selbst. Immer wieder bleiben auch abgesägte Bäume hängen oder sorgen dafür, dass sich Totholz lockert. „Da braucht ein Ast nicht viel dicker als der Durchmesser eines Zwei-Euro-Stücks zu sein. Wenn der senkrecht auf den Kopf knallt, ist das mordsgefährlich“, sagt Revierleiter Melcher und klopft sich gegen den Helm. Ohne den geht während des Holzeinschlags gar nichts.

Das alles haben Waldbesucher nicht.

Pflicht sind außerdem Warnwesten, damit die Waldarbeiter Menschen im Hieb schnell erkennen können. Und für die Holzfäller selbst natürlich noch Sicherheitskleidung, damit eine verspringende Motorsäge nicht mehr als einen kleinen Ratscher verursacht. „Das alles haben Waldbesucher nicht. Und wenn was passiert, ist zuerst einmal der Holzfäller schuld“, so Erbacher. Der muss zuerst einmal beweisen, dass alle Sicherheitsmaßnahmen – wie eben das Absperren der Wege oder der Warnruf – gemacht worden sind. „Selbst wenn das juristisch gut ausgeht, bleibt immer noch die psychische Last, einen Menschen schwer verletzt zu haben.“

Bäume wandern in Industrie

Erbacher und Melcher haben die Waldarbeiter inzwischen erreicht. Gerade wird ein etwa 15-jähriger Kiefern- und Buchenbestand „abgeerntet“. Er wandert in die Industrie. Aus den krummen Stämmen werden Klopapier und Taschentücher gemacht, aus den anderen wird Furnier oder aber Bretter hergestellt.

Positive Aspekte

Revierleiter Melcher weiß, dass viele Menschen das Fällen von Bäumen kritisieren. Gerade deshalb plädiert er besonders leidenschaftlich für diesen Teil seines Berufsbildes: „Holz ist einer der wenigen nachwachsenden Rohstoffe und wird sehr naturnah produziert.“ Nirgendwo auf der Welt seien die Produktionsstandards höher, „das ist doch allemal besser als eine Plantage in Brasilien. Aber hier herrscht die romantische Vorstellung vor, den eigenen Wald stehen zu lassen. Stattdessen wird das Holz dann einmal um die Welt gekarrt“, ärgert er sich. Außerdem, ergänzt Erbacher, sei ein junger Wald für das Klima viel nützlicher als ein alter: „Ein Wald, der sich immer verjüngt, bindet viel mehr Kohlendioxid als ein alter.“

Einen alten Hiebschaden zeigt Forstdirektor Clemens Erbacher. Hier hat ein fallender Baum die Kiefer vor vielen Jahren beschädigt. Sie überlebte die Verletzung – bis jetzt.
Einen alten Hiebschaden zeigt Forstdirektor Clemens Erbacher. Hier hat ein fallender Baum die Kiefer vor vielen Jahren beschädigt. Sie überlebte die Verletzung – bis jetzt. | Foto: Collet

Nachhaltiger Plan

Auch wenn die Bäume lange vor ihrer natürlichen Zerfallsphase geschlagen werden – Kiefern können locker 300 Jahre alt werden, Buchen 250 – stecke ein nachhaltiger Plan hinter jedem Holzeinschlag. „Wir gehen nicht einfach hin und sägen ein paar Bäume um, weil sie schön sind“, betont Revierleiter Melcher. „Da steckt Strategie dahinter.“

Über Generationen hinweg denken.

Und die sieht wie folgt aus: Alle fünf bis sieben Jahre gibt es in einem Bestand einen Verjüngungshieb – alte Bäume werden „entnommen“, so dass die jüngeren mehr Licht bekommen und besser wachsen können. Diesmal sind es 80 bis 90 Festmeter pro Hektar. Das sind etwa ein Fünftel des Vorrates. Die dann durch natürliche Aussaat nachwachsenden Bäume bleiben wieder 120 bis 150 Jahre stehen. „Ich kann durch die Menge des Lichts einen Baum zwar schneller wachsen lassen. Aber es dauert trotzdem mindestens 100 Jahre, bevor er dick genug zum Fällen ist“, erklärt Melcher. „Wir müssen also jetzt schon über Generationen hinweg denken.“

Mischwälder gegen Klimawandel

Und da kommt der Forst auch beim Holzeinschlag am Dauerbrenner „Klimawandel“ nicht vorbei: „Wie kommen unsere heimischen Bäume mit dem Klimawandel klar? Das ist die große Frage, die uns alle beschäftigt“, sagt der Revierförster. Melcher und Erbacher sind überzeugt: „Wir haben nur die Möglichkeit der Vielfalt, also Mischwälder, um dagegen anzukommen.“

Stürme und Käfer als Problem

Bereits jetzt werde durch die Globalisierung und die Klimaerwärmung alles munter durchgetauscht – Nützlinge wie Schädling. Da tröstet es auch nicht, dass die Förster in Asien und Amerika dieselben Probleme haben. Erbacher: „Jetzt ist schon wieder ein asiatischer Laubholzbock im Anmarsch.“ Der hat es auf Ahorn abgesehen – ob die Auswirkungen so schlimm sind, wie beim Eschentriebsterben, wird sich zeigen. In diesem Jahr machen außerdem Stürme und Käfer Probleme.

Holzeinschlag beginnt mit kranken Bäumen

Deshalb stehen bei jedem Holzeinschlag zuerst die beschädigten, kranken und alten Bäume auf der Liste. Danach jene, die zu viel Licht für den „Nachwuchs“ klauen. Da man Alterserscheinungen wie Totäste besser im Winter erkennen kann, wenn kein Laub sie verdeckt, wird vor allem im Winter Holz gemacht. „Außerdem stehen die Laubbäume dann nicht im Saft“, so Erbacher.

Tiere brauchen den Wald zum Nisten.

Im Frühjahr und Sommer etwa läuft zwischen Stamm und Rinde regelrecht das Wasser herunter. „Wenn dann ein fallender Baum gegen einen stehenden schlägt, platzt die Rinde einfach ab.“ Der verletzte Baum müsste dann auch gefällt werden. Zudem verfärbt sich das im Saft stehende Holz gerne schwarz und wird von Pilzen befallen – was sich auf die Qualität auswirkt. „Und dann beginnt im Frühling natürlich die Vegetationsperiode und die Tiere brauchen den Wald zum Nisten.“

Der Kampf ums Licht

Wenn die Bäume geschlagen sind, dann werden sie mit einem Rückeschlepper über eigens ausgezeichnete Gassen an den nächsten Fahrweg gebracht und dort direkt nach Güteklassen sortiert. Danach geht es um die „Schlagpflege“: Alle Bäume, die beim Fällen verletzt oder umgeknickt wurden, werden entfernt. Dann auch noch jene, die den gewünschten Baumarten Licht stehlen würden. Denn, so Melcher: „Im Wald ist es immer der Kampf ums Licht.“

Bei anderen alten Bäumen blutet mir das Herz.

Und den gewinnen, wenn der Mensch nicht eingreift, die Buchen. „Dann hätten wir statt einem Mischwald zu 95 Prozent Buchen hier stehen.“ Und Buchenwälder seien wegen ihrer Dunkelheit relativ arten- und auch fraßarm – beherbergen also wenig Insekten und damit auch andere Tierarten. Auch deshalb hat Revierförster Melcher mit einer gefällten Buche wenig Mitleid. „Aber bei anderen alten Bäumen, einer Eiche etwa, blutet auch mir das Herz.“