Das war im Juni 2016: Unter Tränen wird die evangelische Kirche Weisenbach entwidmet. Sie steht ebenso zum Verkauf wie die Johanneskirche in Bad Rotenfels, die am 21. Januar 2018 entwidmet werden soll. | Foto: Fischer

Evangelische Gemeinden

Im Murgtal: Fusionen sind ein schmerzhafter Prozess

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Man solle nicht so sehr zurückschauen, sondern den Blick nach vorne richten, appellierte die Kirchengemeinderatsvorsitzende Jutta Walter beim „Fusionsgottesdienst“ im vergangenen Juni an die Gläubigen in der evangelischen Markuskirche. In dieselbe Kerbe hieb Pfarrerin Helga Lamm-Gielnik in ihrer Predigt, sprach davon, „dass wir uns frei machen müssen von eingefahrenen Vorstellungen“. Nun lässt sich aber ein Aufbruch nicht so ohne weiteres „verordnen“, das wissen auch die Verantwortlichen der Fusion vor Ort.

Kirchen vor dem Verkauf

Eine Fusion im kirchlichen Bereich, stets begleitet (und geleitet?) vom sanften Druck des Oberkirchenrats und des Kirchenbezirks, ist vielmehr ein längerer Prozess, der mit tiefen Empfindungen, naturgemäß mit Enttäuschungen, zuweilen auch Verletzungen – da lieb Gewonnenes verloren geht – einhergeht. Dieser schmerzliche Prozess trifft zunächst für Gaggenau zu, wo der Zusammenschluss von drei selbstständigen Pfarrgemeinden zu einer evangelischen Kirchengemeinde formell am 1. Juni diesen Jahres in Kraft getreten ist – er trifft aber auch auf Gernsbach und die evangelische Gemeinde Forbach/Weisenbach zu, wo der Fusionsprozess noch am Anfang steht. In beiden Fällen äußerst schmerzlich: Der geplante Verkauf von Kirchen geht vielen Gläubigen ganz besonders nahe, löst Trauer aus wie sonst keine Entscheidung in der Kirche, führt zuweilen auch zu Wut. In Weisenbach wurde das Kirchengebäude bereits im Juni 2016 entwidmet; es hat mindestens einen konkreten Interessenten für eine Wohnnutzung gegeben, zum notariell beurkundeten Verkauf der Immobilie kam es bislang aber noch nicht.

Kirchenabriss soll vermieden werden

Für Sonntag, 21. Januar 2018, ist die Entwidmung der Johanneskirche in Bad Rotenfels vorgesehen, auch hier steht die Kirche (neben weiteren Gebäuden der Gesamtgemeinde) auf der Verkaufsliste. Im ärgsten Fall droht sogar ein Abriss, um Platz für einen verdichteten Wohnungsbau in Regie eines Bauträgers zu schaffen. Die Kirchengemeinderatsvorsitzende Jutta Walter will diese Möglichkeit nicht ausschließen, betont aber im BNN-Gespräch: „Wir sind bemüht, dass sie nicht abgerissen wird, denn es gibt durchaus andere Möglichkeiten.“ Und: Es sei nicht nur Wohnbebauung möglich, konkreter möchte sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht werden.

Rheinschmidt möchte ein Gebetshaus

Hat der Vorschlag von Achim Rheinschmidt doch noch eine Chance, der dafür wirbt, die Kirche als überkonfessionelles Gebetshaus zu erhalten und der vorsieht, den Kauf über einen noch zu gründenden Verein und über ein „500 mal 1 000-Modell“ (500 Personen geben jeweils 1 000 Euro) zu realisieren? Noch im November, sagt Walter, werde Rheinschmidt Gelegenheit erhalten, seine Idee vor dem kompletten Kirchengemeinderat vorzutragen. In diesem Monat werde es aber definitiv noch keine Entscheidung zur Zukunft der Johanneskirche geben.

Pfarrhaus ist schon verkauft

Stichwort Bad Rotenfels – die Johannesgemeinde verliert nicht nur ihre Selbstständigkeit und ihre Kirche, sondern auch den evangelischen Kindergarten („Johannesbären“; wurde bereits geschlossen) und das Pfarrhaus, das nach dem Wegzug des in Ruhestand gegangenen Pfarrers Ralf Velimsky ebenfalls auf der Verkaufsliste der evangelischen Gemeinde Gaggenau gelandet war; das Pfarrhaus werde an eine junge Familie verkauft, so Walter, der Notartermin folge in Bälde.

Bad Rotenfels sieht sich als Verlierer

Somit sieht sich der Bad-Stadtteil als der große Verlierer der Fusion, macht sich bei nicht wenigen das Gefühl breit, bei dem Prozess des Zusammengehens gänzlich hinuntergefallen zu sein. Entsprechend kritisch fallen in Bad Rotenfels die Fragen aus. Zum Beispiel: Wurden die Ältesten aller bisherigen Gemeinden wirklich zu jedem Zeitpunkt mit den notwendigen Informationen versorgt oder war es ein von vornherein gelenkter Prozess mit feststehendem Ausgang zu Lasten von Rotenfels? Wurde genau deshalb schon vor Jahren nicht mehr adäquat in die Johanneskirche investiert?

Symbolbild zur Fusion in Gaggenau: Zum Beginn der vereinigten evangelischen Kirchengemeinde schreiten die Pfarrerinnen Helga Lamm-Gielnik (links) und Andrea Kampschröer gemeinsam nach vorne. | Foto: Kocher

Stößt die fusionierte neue Gemeinde sogar mehr Immobilien ab als es die prokiba (Pro kirchliches Bauen, genauer: Gesellschaft für Projektentwicklung und Projektsteuerung für kirchliches Bauen in Baden; Sitz in Karlsruhe) empfohlen hat? Und wurde die „Variante B“ mit dem Umbau der Johanneskirche zum Gemeindezentrum (statt eines Neubaus neben der Markuskirche, wie er derzeit vorbereitet wird) überhaupt ausreichend erörtert?
Bestätigt ist, dass in Bad Rotenfels im Zuge der Fusionsgespräche zwei Älteste zurückgetreten sind.

Innenstadtkirche war  „gesetzt“

Jutta Walter zeigt für die starken Bedenken im Bad-Stadtteil Verständnis („Natürlich trifft es die Rotenfelser hart“) – aber: Man habe und nutze jetzt die Chance, die Gemeinde für die nächsten 30 Jahre und noch länger fit zu machen. Und: „Wir hatten viel zu viel Fläche für unsere Gemeindemitglieder, wir mussten handeln.“ Weil man dies tue, sei man eine der wenigen finanziell noch selbstständigen Gemeinden, betont Walter.
Die genannte „Variante B“ sei auch deshalb nicht zum Tragen gekommen, weil es erwiesen sei, „dass man Leute verliert, wenn das Gemeindehaus zu weit weg von der Kirche“ sei. Und die Markuskirche als Kirche der Innenstadt sei zu keinem Zeitpunkt in Frage gestanden, also gewissermaßen eine Vorgabe der Landeskirche. Walter: „Die Kirche im Zentrum war gesetzt.“

Ottenau behält Pfarrhaus

Auch in Ottenau gibt es im Zuge der Fusion noch Trauerarbeit zu verrichten, sagt Cornelia Becker, frühere Ältestenkreisvorsitzende der Lukasgemeinde und heute Mitglied im Lenkungsausschuss des fusionierten Kirchengemeinderats Gaggenau. Ihr Fazit: „Es bewegt einen. Aber alles in allem hören wir: Es ist zwar schmerzlich, aber wir sehen das ein.“ Ottenau behält im Zuge der Fusion das Pfarrhaus als Wohnsitz von Pfarrerin Andrea Kampschroer; verkauft wird aber das große Gemeindehaus an der Murg – dieser Verkauf werde aber laut Walter zunächst zurückgestellt, da man für eine Übergangszeit die Räume für Gemeindezwecke noch benötige.
Fusion im mittleren Murgtal

Klare Worte der Pfarrerin

Schmerzlich verläuft auch der Fusionsprozess im mittleren und oberen Murgtal. Dort hat bereits im September 2015 bei ihrer Amtseinführung in Forbach Pfarrerin Margarete Eger, ohnehin bekannt für ihre klare Wortwahl, den Kurs der Einsparung wie auch den der Fusion vorgegeben. Eger am Festtag ihrer Amtseinführung ganz ungeschminkt: Auf Dauer könne sich die Kirche keine drei Gebäude in der evangelischen Gemeinde Forbach/Weisenbach mit unter 1 000 Mitgliedern leisten; es sei möglich, dass man sich von der Weisenbacher Kirche trennen müsse.

219000 Euro für Kirche

Aus dieser Ankündigung ist längst Realität geworden: ein Gernsbacher Makler bewirbt nach wie vor den Kirchenverkauf in Weisenbach („Kirche in wunderschöner Lage zum Wohnhaus umwandelbar“, Kaufpreis 219 000 Euro). Hintergrund: Mit dem Geld von Weisenbach – auch dem zukünftig eingesparten – soll die Forbacher Kirche zukunftsgerecht umgebaut werden. Egers damalige Ankündigung, gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Gernsbacher Pfarrer Ulrich Eger, das Pfarrhaus in Gernsbach zu bewohnen, hat inzwischen aber keinen Bestand mehr: Das Pfarrerehepaar bewohnt vielmehr seit Januar 2016 das Pfarrhaus Forbach – sehr zum Verdruss der stolzen Gernsbacher Jakobsgemeinde. Deren Kritik kennt Margarete Eger, sie sagt im BNN-Gespräch: „Es gab unterschiedliche Gründe für diese Entscheidung. Wir können nur an einer Stelle wohnen.“

Unmut in Gernsbach

Bei der Gemeindeversammlung in Gernsbach im Juli kam über diese Entwicklung Unmut hoch; man habe doch das Pfarrhaus in Gernsbach eigens herrichten lassen, hieß es unter anderem. Gesagt wurde im Sommer aber auch, dass Dekan Thomas Jammerthal die (Wohnsitz)Wahl für die Egers getroffen habe.
Der Unmut in Gernsbach dürfte noch größer werden, wenn dort das kommt, was in Gaggenau bereits voll im Gange ist – eine Art „Gebäudemasterplan“, der weitere schmerzhafte Anpassungen mit sich bringen könnte. Wie viel Platz haben wir jetzt und was brauchen wir tatsächlich? Und was können wir finanzieren? Diese Fragen, die in Gernsbach wie bereits in Gaggenau gestellt werden (müssen), werden noch für viel Diskussionsstoff in den Ältestenkreisen sorgen.

Eine Pfarrerstelle weniger

Personell dürfte die mittelfristige Personalplanung feststehen: Bedingt durch den geplanten Ruhestand von Pfarrer Hans-Joachim Scholz (Paulusgemeinde Staufenberg) werden wohl ab 2020 von den bislang drei Pfarrerstellen (Forbach/Weisenbach eingerechnet) auf dem Weg zur fusionierten „Kirchengemeinde mittleres Murgtal“ nurmehr zwei erhalten bleiben: Und viele Fragen, die eine Gemeindefusion nun mal aufwirft, könnten unmittelbar vom Ehepaar Eger intern (aus)diskutiert werden. Ganz sicher eine Sonderform des kirchlichen Fusionsprozesses…