Im Einsatz für Barrierefreiheit: Rosalinde Balzer weist bei einem Rundgang durch die Gernsbacher Ortsmitte auf verschiedene Problemstellen hin – angefangen mit unebenen Oberflächen, die den Tritt instabil machen. Gehen wird dort zur regelrechten Konzentrationsübung. | Foto: Hans-Jürgen Collet

Inklusion

In Gernsbach fehlt Barrierefreiheit

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Gernsbach. Menschen mit Geh- oder Sehbehinderungen haben es in Gernsbach nicht leicht. Vor allem die Altstadt mit ihren unebenen Pflastersteinen und leicht erhöhten Gebäudezugängen ist eine Herausforderung. Doch das ist keineswegs der einzige Problembereich.

Nachdem Betroffene die BNN auf die Situation angesprochen hatten, hat Rosalinde Balzer sich bereit erklärt, einen Rundgang durch den historischen Ortskern und ums Rathaus zu unternehmen. Ihr Blick für das Thema Barrierefreiheit ist geschärft: Sie hat aufgrund einer Erkrankung selbst Schwierigkeiten mit dem Gehen, ist Mutter einer behinderten Tochter und war im Pflegebereich unter anderem als Hospiz- und Heimleiterin tätig. Als Stadträtin in Gaggenau hat sie mehrfach Mängel angekreidet und Verbesserungen eingefordert.

Kopfsteinpflaster ist das Hauptproblem in der Altstadt

In der Altstadt fallen Balzer besonders drei Probleme auf. Das größte ist das allgegenwärtige Kopfsteinpflaster. Da die Oberflächen uneben sind, wird der Tritt unsicher. Fehlt ein Stein, entsteht eine Stolperfalle. Auch mit Blindenstock dürften Steine und Ritzen zum Hindernisparcours werden. Rollstuhlfahren wird – so muskelbetrieben – ebenfalls ganz schön anstrengend.

Das zweite Problem sind fehlende Haltegriffe: An einzelnen Treppenaufgängen zu Geschäften finden gehbehinderte Menschen keinen Halt. Von Rollstuhlrampen ganz zu schweigen.

Hinzu kommen Tische, Stühle und Dekorationsobjekte auf Gehwegen und Stufen. Manche sind recht gut zu umgehen. Doch stellenweise blockieren sie den Weg. „Es sind Kleinigkeiten“, sagt Balzer – doch für Betroffene machen sie einen Unterschied.

Hoher Bordstein ist nur schwer zu bewältigen

Keine Kleinigkeit ist hingegen eine Problemstelle, die ihr auf der anderen Seite der Murg auffällt. Wer an der Ecke Igelbachstraße/Loffenauer Straße die Fahrbahn überqueren will – beispielsweise um zum Bahnübergang oder zur Murginsel zu gelangen – muss flussseitig einen hohen Bordstein hinauf- oder hinunterkraxeln. Trotz einer Absenkung am Zebrastreifen. Links und rechts ist der Bordstein noch höher.

„Ich könnte da gar nicht hochgehen“, sagt Balzer. Doch es braucht weder Gehstock noch Rollator, um dort Schwierigkeiten zu bekommen – ein Kinderwagen reicht.

Der Salmenplatz ist gut ausgebaut

Zurück zum Rathaus, entlang der Gebäude, bemerkt Balzer auf dem Gehweg unter anderem eine Engstelle, die für Rollstühle kaum passierbar erscheint.

Dann der Lichtblick: der Salmenplatz. Er verfügt über gut gelegene Behindertenparkplätze, ebenes Pflaster sowie einen Gehstreifen zur Touristinfo und zum Rathauseingang mit speziellem Belag und taktilen Elementen.

Zugang zum Rathaus nur über Umwege

Am Rathauseingang gibt es sogar einen Treppenlift. Leider ist er außer Betrieb. Wer ins Rathaus will, muss sich über die Touristinfo zum Aufzug und zu höhenversetzten Büroebenen geleiten lassen.

Das ist genau das, wogegen ich mich wehre

Wer gar abends die Gemeinderatssitzung besuchen möchte, muss sich vorher anmelden. Die Touristinfo hat da bereits geschlossen.

„Das ist genau das, wogegen ich mich innerlich total wehre“, sagt Balzer. Menschen mit Behinderung sollten am gesellschaftlichen Leben teilhaben – ohne Umwege, Voranmeldung und Hilfsbedarf. Das bekräftigen das Behindertengleichstellungsgesetz von 2002 und das Bundesteilhabegesetz von 2016.

Rosalinde Balzer fordert ein Konzept

Ihr Lösungsvorschlag: „Da muss einfach ein Konzept her.“ Stadt und Gemeinderat sollten sich mit Betroffenen zusammensetzen, konstruktive Vorschläge entwerfen und diese anschließend abarbeiten.

Ihr ist bewusst: „Da muss man dicke Bretter bohren“, sprich: kräftig investieren. „Die Kommunen haben in den kommenden Jahren schon Mammutaufgaben.“ Doch sie betont: Auch wenn Kommunen nicht alles machen können, müssen sie doch handeln.

Das sagt die Stadt
„Eine sehr unglückliche Situation“ herrsche im Bereich der Igelbachstraße, gibt Bauamtsleiter Jürgen Zimmerlin zu. Die hohen Bordsteine entlang der Landesstraße seien Sicherheitsbelangen geschuldet. „Hier wollen wir im Rahmen der Straßenplanung mit der Verkehrsbehörde eine Lösung suchen.“ Er kündigt ferner an, eine Verkehrsschau anzuregen.
Für Barrierefreiheit innerhalb des Rathauses gebe es bereits „gute Lösungsansätze“, weil die Stadt eine Sanierung ins Auge gefasst hat. Ferner werde das Thema bei jedem Bauprojekt berücksichtigt.
Probleme bereitet der Bestand: „Eine flächenhafte Verbesserung wird nicht umsetzbar sein.“ Doch die Stadt ist nicht untätig: Beispielsweise sei das Kopfsteinpflaster in der Amtsstraße abgefräst und eine Blindenführung von der Scheffel- bis zur Bleichstraße eingerichtet worden.
Zimmerlin ist wichtig, dass Betroffene auf ihn zukommen. Dann könnten Lösungen gefunden werden. Empfehlungen für die Stadt, Gewerbe und Gebäudeeigentümer wurden 2010 erarbeitet. „Leider ist daraus nicht die gewünschte Dynamik entstanden.“