Zwischen Geschichte und Autobiografie: Eindrücke von Krieg und Flucht, aber auch geschichtliche Figuren wie eine Königin von Ugarit (rechts unten) stellt der syrische Künstler Mohammad Abdlatifissakharaba in seinen Bildern dar. | Foto: Baier

Königinnen und Kornsammler

Syrischer Künstler stellt in Gaggenau aus

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Kreativ arbeiten trotz lebendiger Erinnerungen an Krieg, Terror und Flucht? Für Mohammad Abdlatifissakharaba stellt das keinen Gegensatz dar: „Als ich es nach Deutschland geschafft hatte, war alles gut. Ich war in Sicherheit, wollte wieder malen.“ In seinem Heimatland Syrien hatte Abdlatifissakharaba nach mehreren Jahren als selbstständiger Künstler und Restaurator ein Studium in Damaskus aufgenommen. Im Frühling 2016 floh er jedoch wegen der zunehmend gefährlichen politischen Entwicklung im Land. In Deutschland begann der Künstler schon nach wenigen Wochen, in Gemeinschaftsunterkünften in Bad Rotenfels und Ottenau an neuen Werken zu arbeiten. Das Interesse von Besuchern kleiner Ausstellungen habe ihn motiviert, meint der 36-Jährige. „Ich habe die Hoffnung, hier eine Chance zu bekommen.“

Ausstellung bis Mitte Februar

Nun sind Abdlatifissakharabas Bilder auch in der Stadtbibliothek in Gaggenau zu sehen, die Ausstellung dauert bis zum 11. Februar. „Es war uns ein Anliegen, dem Künstler hier einen Platz zu geben“, betont Ulrich Freist, Leiter der Stadtbibliothek. „Auch wenn die räumlichen Bedingungen nicht unbedingt ideal sind.“ Weil vor den Wänden Regale stehen, haben die Mitarbeiter der Bibliothek die Bilder an der Fensterseite, zum Marktplatz hin, aufgestellt. Hier bilden ihre kräftigen, erdfarbenen Töne einen interessanten Kontrast vor Glas und Himmel.

Wurzeln in der Kindheit

Abdlatifissakharabas Begeisterung für Pinsel und Papier reicht weit in seine Kindheit zurück: In kleinen Kunstwerken fing er Personen und Landschaften seiner Heimatstadt Dier Alzor ein. „Mir gefällt es, das abzubilden, was ist“, meint der syrische Künstler mit einem fast entschuldigenden Lächeln.
Einige abstrakte Motive finden sich aber auch unter den in Gaggenau ausgestellten Bildern. Ein besonders eindrückliches heißt „Danke, Deutschland“: ein Meer aus bunten Federn und angedeuteten Figuren. Vielleicht so etwas wie Engel? Der Künstler nickt.

Eine Vorstellung geben, was Flucht und Krieg bedeuten.

Die anderen, figürlichen Motive sind breit gefächert: Eine Frau, die mit ihrem Kind auf dem Rücken am Flussufer Getreide sammelt, wirkt friedlich. Das archaische Antlitz einer alten Königin der historischen Stadt Ugarit schaut dem Betrachter hingegen Ehrfurcht gebietend entgegen. Viele Motive spiegeln natürlich auch Eindrücke von Krieg und Flucht wider: Ein Mensch, der sich beim Ertrinken an einen zentralen Moment in seinem Leben erinnert, dargestellt durch personenhafte Schatten um sein Gesicht.
Andere Bilder zeigen ein Kind vor einer zerfallenen Brücke, das zerstörte Heimathaus des Künstlers. „Als erstes möchte ich, dass den Menschen meine Bilder gefallen und sie sagen: Der hat eine gute Arbeit gemacht“, meint der Künstler zur Wirkung, die er mit seinen Werken anstrebt. „Aber zusätzlich hoffe ich auch, dass die Bilder den Betrachtenden eine Vorstellung davon geben, was Flucht und Krieg bedeuten.“