Schwere Schäden: Beim amerikanischen Luftangriff am 10. September 1944 treffen 23 Bomben die Papierfabrik von Schoeller & Hoesch in Gernsbach. Die Aufräumarbeiten mussten zeitig anlaufen, um rasch wieder produzieren zu können. | Foto: Repro Fieting

NS-Akten

Kontrolle reichte bis in die Betriebe

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Gernsbach war eine Hochburg der Nationalsozialisten. Davon zeugen tausende Seiten NS-Akten, die Stadtarchivar Wolfgang Froese seit Monaten auswertet. BNN-Redakteur Dominic Körner hat einen Blick ins Archiv geworfen und berichtet in einer dreiteiligen Serie über den Nationalsozialismus in der Papiermacherstadt. Heute Teil 2: Die Rolle der NSDAP in den örtlichen Betrieben.

Die Nationalsozialisten wollen die Gesellschaft früh ideologisch indoktrinieren. Zur Identifikation von Abweichlern entwickeln sie ein engmaschiges Überwachungssystem, das bis in die örtlichen Betriebe reicht. Ein wichtiges Kontrollinstrument ist der Monatsbericht des Gernsbacher Ortswalters an die Kreiswaltung der Deutschen Arbeitsfront, der die Stimmung in Industrie, Handel und Handwerk abbilden soll.

Engmaschiges Überwachungssystem

In seinem Bericht vom Januar 1936 warnt er vor „kommunistischen Umtrieben“ und „gewissenlosen Elementen“, die Unruhe in die Betriebe brächten. „Es scheint, dass von dieser Seite gewühlt wird“, schreibt er und fordert: „Die Geheime Staatspolizei sollte strenger durchgreifen.“ Auf keinen Fall dürfe es so weitergehen, „wenn die Autorität des Staates nicht leiden soll.“

Verhaftungen wegen „kommunistischer Umtriebe“

Sein Bericht zeigt offenbar Wirkung: Wenige Wochen später meldet der Ortswalter die „Verhaftung zweier Gefolgschaftsmitglieder wegen kommunistischer Umtriebe“. Den Haupttäter habe man in das Konzentrationslager Kislau gebracht. Dennoch haben die Nationalsozialisten in den Betrieben zunächst einen schweren Stand. Aus der Papierfabrik „Schoeller & Hoesch“ – heute Glatfelter – berichtet der Ortswalter: „Von dem Propagandaheft ‘Zwangsarbeit in der Sowjetunion‘ wurden 320 Stück bestellt. Vom ‘Stürmer‘ etwa 70.“ Am 20. Januar 1935 schreibt er, die Arbeiter seien „darüber empört, dass die Doppelverdiener immer noch nicht beseitigt sind.“ Der Ortswalter nennt die Namen von zwei Bürgern, die nebenbei Architektenarbeiten ausführen, „obwohl mehrere vorhanden sind, die keine Arbeit haben.“ Um möglichst schnell eine Vollbeschäftigung zu erreichen, ist das nicht gewollt: „Eine Änderung ist sehr erwünscht, damit einmal Ruhe einkehrt.“.

Sonntagsarbeit für Jugendliche

Im Mai 1939 schildert der Gernsbacher Ortswalter große Probleme, junge Arbeiter zu halten: „Die meisten gehen wegen der Nachtschicht und werden bei der Firma Bosch in Stuttgart sofort eingestellt.“ Mit dem Kriegseintritt wenige Monate später verschärft sich die Situation in der Papierfabrik weiter. „Der Krieg und die damit bedingten Einberufungen (in die Wehrmacht, die Red.) haben auch bei uns die größten Schwierigkeiten aufkommen lassen“, heißt es im Januar 1940. Von neun Maschinen seien nur noch sieben in Betrieb. Zur Linderung der Personalnot gestattet das Gewerbeaufsichtsamt im Juni 1941 die Sonntagsarbeit für Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren.

Monatliche Berichte: Die Deutsche Arbeitsfront musste über die Stimmung in den Betrieben informiert werden. | Foto: Körner

Kriegsgefangene werden eingesetzt

Nach und nach werden auch Kriegsgefangene in den Betrieben eingesetzt, zunächst Elsässer, später auch Holländer und Osteuropäer. Die Zahl deutscher Arbeiter nimmt durch Verpflichtungen für das Militär immer weiter ab, und die neuen Kräfte ziehen mitunter den Unmut der Nazis auf sich. Am 18. Februar 1943 meldet der Ortswalter einen Elsässer, der sich mehrfach mit französischen Kriegsgefangenen unterhalten habe: „Auf meine Erklärung hin, dass er jetzt Deutscher sei und mit den Franzosen keine Arbeit mehr habe, erklärt er mir, er sei kein Deutscher und auch kein Franzose, sondern Elsässer. Ich lasse den Burschen genauer überwachen.“

Luftangriff hinterlässt beträchtliche Schäden

Beim amerikanischen Luftangriff am 10. September 1944 schlagen 23 Bomben in der Gernsbacher Papierfabrik ein. Der Schaden ist beträchtlich. Zehn Tage später teilt der Ortswalter mit: „Die Gefolgschaft war am Tage nach dem Angriff voll angetreten, die Fliegergeschädigten wurden sofort freigestellt, um ihre Schäden in der Wohnung zu beheben. Sämtliche Beschädigte erhielten noch Arbeitskräfte zugeteilt, um die Arbeiten zu beschleunigen.“ Die Gefolgschaft habe sich „mustergültig verhalten und sich bei den Aufräumungsarbeiten tatkräftig eingesetzt.“

Rückmeldung aus den Betrieben

Weniger reibungslos verläuft offenbar die Rückmeldung aus den Betrieben. Am 19. November 1935 moniert der Kreiswalter der Deutschen Arbeitsfront den „sehr schlechten Eingang der monatlichen Berichte“ und nimmt seine Ortswalter in die Pflicht. „Auf die Ausführung von ungeschminkten Tatsachenberichten wird größter Wert gelegt“, schreibt er und ergänzt: „Sie leisten uns dadurch eine wertvolle Mitarbeit, die im größten Interesse sämtlicher Arbeitskameraden liegt.“

Ortswalter fordert Konsequenzen

Der Gernsbacher Ortswalter weist die Verantwortung von sich. Aus der Firma Kasimir Kast könne er nichts berichten, „weil der Betriebszellenobmann gänzlich versagt.“ Er kümmere sich nicht um seine Aufgaben, obwohl er ihn wiederholt darauf hingewiesen habe. Der Ortswalter fordert daher Konsequenzen: „Ich bitte darum, dass er einen Verweis erhält.“