Engagiert setzt sich Stadtarchivar Wolfgang Froese (links) für die Umwidmung ein. Das Projekt geht auf einen Vorstoß von Bürgermeister Julian Christ zurück. Auf dem Hügel im Hintergrund ist das Kriegerehrenmal zu sehen.
Engagiert setzt sich Stadtarchivar Wolfgang Froese (links) für die Umwidmung ein. Das Projekt geht auf einen Vorstoß von Bürgermeister Julian Christ zurück. Auf dem Hügel im Hintergrund ist das Kriegerehrenmal zu sehen. | Foto: Christiane Widmann

Auftakt am Montag

Kriegerdenkmal in Gernsbach: Umwidmungsprozess startet

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Das Kriegerdenkmal auf dem Rumpelstein soll noch in diesem Jahr zum Mahnmal und Lernort umgestaltet werden. Infotafeln, Bildmaterial und Bildungsangebote sollen es in seinen historischen Kontext einordnen: die Kriegsverherrlichung der NS-Zeit. Das hat der Gemeinderat Ende September einstimmig beschlossen.

Der nächste Schritt der vorgesehenen Bürgerbeteiligung ist ein Infoabend am Montag. Bürgermeister Julian Christ und Stadtarchivar Wolfgang Froese berichten vorab, warum sie das Projekt für wichtig halten und was sie Kritikern entgegnen.

Wie die Stadt Gernsbach mit dem Kriegerehrenmal umgeht, hat eine symbolische und eine praktische Ebene.

Symbolisch betrachtet ist die Umwidmung eine Chance, Stellung zu beziehen. Da sind sich Julian Christ und Wolfgang Froese einig. Sie ist ein Akt der Distanzierung, der deutlich macht: Die Werte, die die Nationalsozialisten vor Jahrzehnten vermittelt haben, gelten nicht mehr.

Im Grundgesetz stehen Werte wie Frieden und Menschenwürde an erster Stelle, sagt Froese. „Wir haben mit diesem Denkmal eine Chance, uns dieser Werte zu vergewissern: wo wir stehen, was wir wollen.“

Wir haben hier eine große Chance, uns mit der NS-Geschichte lokal auseinanderzusetzen.

Wolfgang Froese, Archivar der Stadt Gernsbach

Dafür ist es nötig, klar aufzuzeigen, welche Werte das Bauwerk mit seiner Bildsprache und Gestaltung vermittelt. Von allen Gernsbacher Zeitzeugnissen gilt das Denkmal als das ideologisch eindeutigste.

„Wir können diesen Ort als Lernort nutzen“, betont Froese deshalb. „Wir haben hier eine große Chance, uns mit der NS-Geschichte lokal auseinanderzusetzen. Das sollten wir nutzen.“

Auftakt am Montag
Der Umwidmungsprozess startet am Montag, 20. Januar, mit einem Informationsabend in der Stadthalle. Er beginnt um 19 Uhr mit einem Grußwort von Bürgermeister Julian Christ.
Stadtarchivar Wolfgang Froese informiert das Publikum mit Bild- und Filmmaterial über den geschichtlichen Hintergrund und die inhaltlichen Kernaussagen des Gefallenendenkmals auf dem Rumpelstein. Dieses wurde 1936 von Nationalsozialisten erbaut. Froese begründet, warum es mit Informationsangeboten zum Lernort umgestaltet werden sollte.
Ferner stellt er alternative Gedenkformen auf den örtlichen Friedhöfen vor. Er zeigt anhand von Beispielen aus Heilbronn und Waldkirch, wie Städte mit Bauwerken der NS-Zeit umgehen können. Abschließend gibt es eine Diskussionsrunde.
Wer möchte, kann sich vor Ort zur Mitarbeit in einem Arbeitskreis melden. Dieser wird konkrete Umsetzungsvorschläge erarbeiten.

Mit symbolischen Akten für die Demokratie einstehen

Auch die dunklen Kapitel der 800-jährigen Stadtgeschichte aufzuarbeiten, sieht Bürgermeister Christ als seine Aufgabe an. „Vorwurfsfrei. Aber in dem Bewusstsein, dass wir heute eine Pflicht daraus haben“, betont er. „Eine Pflicht, für die Demokratie einzustehen.“ Das gelte umso mehr, wenn sie in Politik und Bevölkerung in Frage gestellt werde.

Seit seinem Amtsantritt im Jahr 2017 hat Christ das Thema schon mehrfach aufgegriffen. Ein markantes Beispiel ist die Umwidmung seiner Amtskette. Diese hatte der als NS-Verbrecher verurteilte Walter Buch 1938 gestiftet.

Geschichte lässt sich nicht einfach vergessen.

Julian Christ, Bürgermeister der Stadt Gernsbach

Christ ließ ein Bekenntnis zu Weltoffenheit und Rechtsstaatlichkeit auf die Rückseite gravieren. „Geschichte lässt sich nicht einfach vergessen“, sagte er damals. „Die Amtskette soll uns eine mahnende Erinnerung daran sein, welche Verbrechen Menschen begehen können.“

Praktisch betrachtet stellt sich unter anderem die Frage, inwieweit das Denkmal künftig erhalten und saniert werden soll. Das wird ebenfalls ein Thema der Bürgerbeteiligung sein.

Kritiker melden sich zu Wort

Die Umwidmung erhielt nicht nur Zuspruch. Einzelne Kritiker haben sich online und im persönlichen Gespräch zu Wort gemeldet.

Manche fürchteten, die gefallenen Soldaten könnten pauschal zu Tätern stilisiert werden. Andere monierten, der Aussichtspunkt werde durch die Neugestaltung als Mahnmal verschandelt. Weitere Personen hielten das Vorhaben schlicht für unnötig. Entweder, weil die NS-Zeit längst vergangen sei; oder, weil sie die ideologische Bildsprache für selbsterklärend hielten.

Die meisten Reaktionen seien jedoch positiv ausgefallen, betonen beide Männer. Nach Einschätzung des Bürgermeisters stecken hinter der Kritik teils Gewohnheiten, teils persönliche Betroffenheit.

Das Denkmal inszeniert gefallene Soldaten des Ersten (und später auch Zweiten) Weltkriegs im Kontext von Sieg, Heldentum und Ruhm. | Foto: Christiane Widmann

Schuldfrage steht persönlichen Erinnerungen gegenüber

Gerade die Frage nach Tätern und Opfern ist ein sensibles Thema. Der Traditionserlass der Bundeswehr aus dem Jahr 2018 erkennt an: „Die Wehrmacht diente dem nationalsozialistischen Unrechtsregime und war in dessen Verbrechen schuldhaft verstrickt.“

Es ist eine Frage der historischen Ehrlichkeit, dass wir uns solchen Fragen stellen.

Wolfgang Froese, Stadtarchivar

Dem stehen persönliche Erfahrungen gegenüber. „Das sind natürlich Erinnerungen an Menschen, die man lieb hat“, sagt Froese. „Da fällt es schwer zuzugestehen, dass jemand, um den man trauert, einerseits Opfer war – auf jeden Fall Opfer – und auf der anderen Seite auch Teil eines verbrecherischen Regimes war, ob er nun wollte oder nicht. Aber es ist eine Frage der historischen Ehrlichkeit, dass wir uns solchen Fragen stellen.“

Dabei können auch versöhnende Elemente zu Tage treten: „Es gab auch Soldaten, die als Pazifisten zurückgekehrt sind, als Antimilitaristen.“

Doch die wichtige Erkenntnis sei: „Helden“, wie sie das Ehrenmal nennt, waren sie alle nicht. Und auch die dort beschriebene „Dankbarkeit“ ist angesichts eines Vernichtungskriegs fragwürdig.

Aufklären statt überzeugen

„Ich glaube nicht, dass man jeden überzeugen muss“, betont Christ. „Ich glaube nicht, dass das möglich ist. Unser Auftrag ist es, Aufklärungsarbeit zu leisten und den Menschen eine andere Perspektive aufzuzeigen.“ Andere Sichtweisen seien zu respektieren. „Aber ich fände es fahrlässig, diese Themen, die auf der Hand, auf der Straße liegen, nicht anzusprechen.“