Großer Zusammenhalt: Beim Projekt „Sadiqa“ kommen Flüchtlingsfrauen und Einheimische miteinander in Kontakt. Es wird bis 2019 vom Land gefördert. | Foto: privat

Projekt „Sadiqa“ in Gaggenau

Kritische Fragen an Flüchtlingshelfer

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Die Stimmung kippt: Nach den von Flüchtlingen begangenen Gewalttaten in Kandel und Freiburg müssen sich ehrenamtliche Flüchtlingshelfer im Murgtal zunehmend kritische Stimmen gefallen lassen. „Oft heißt es: Warum macht ihr das denn noch?“, erzählt Eva Rigsinger vom Verein „Kindgenau“. Laut Annika Weber, der städtischen Ansprechpartnerin für Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe, ist die „Hilfsbereitschaft nach der ersten großen Welle 2015 stark zurückgegangen.“ Doch die beiden Frauen lassen sich davon nicht beeindrucken. Sie haben das Projekt „Sadiqa – ein Jahr gemeinsam“ initiiert, das deutsche und Flüchtlingsfrauen zusammenbringen soll.

Flucht vor Krieg und Verfolgung

Gemeinsames Nähen steht bei „Sadiqa“ ebenso auf dem Programm wie Kochstunden und Themenabende zum Leben in Deutschland. | Foto: privat

Bei ihrer Arbeit kommen die Flüchtlingshelfer mit bewegenden Schicksalen in Berührung. Ein Beispiel: Eine katholische Syrerin flieht aus Glaubensgründen aus ihrem vom Bürgerkrieg gepeinigten Heimatland. Ihr Mann ist krank, die Familie muss sie zurücklassen. „Ihre Töchter dürfen nicht aus dem Haus, weil die Eltern um ihr Leben fürchten“, sagt Rigsinger. Mit dem Familiennachzug hat es bis heute nicht geklappt. Die Frau leidet unter der Trennung, lässt sich aber nicht unterkriegen. Rigsinger: „Mittlerweile arbeitet sie in einem Pflegeheim, Sozialhilfe will sie nicht.“ Noch immer ist die Syrerin von Krieg und Flucht traumatisiert.

„Sadiqa“ bringt Frauen zusammen

Bei „Sadiqa“ (deutsch: Freundin) hat sie Anschluss gefunden. Rund 40 Frauen treffen sich regelmäßig. Sie stammen vornehmlich aus Syrien, Afghanistan, dem Irak – und Flüchtlingshelfer aus Deutschland. Gemeinsam kochen und nähen sie und kommen miteinander ins Gespräch. „Den Frauen tut der Kontakt gut“, sagt Rigsinger. Das Projekt ist zunächst auf ein Jahr befristet. Bis September wird es vom baden-württembergischen Sozialministerium mit 15 000 Euro gefördert. „Sadiqa“ soll Frauen die Möglichkeit geben, Integration und Ehrenamt zu leben.

Neue Freiheiten in Deutschland

„Wir wollen Vorurteile abbauen und ein friedliches Miteinander fördern“, betont Weber. Nachdem eine Flüchtlingsfamilie zur Anschlussunterbringung in das Jugend- und Familienzentrum (JuFaZ) eingezogen war, sei ihr klar geworden, so Rigsinger, „dass die Menschen weiterhin unsere Hilfe benötigen.“ Das Projekt geht deshalb über die Freundschaftspflege hinaus: Die Frauen sollen lernen, selbstsicherer zu werden und die Freiheiten, die ihnen die deutsche Gesellschaft bietet, zu nutzen. „Aus der Heimat kennen viele das nicht“, erklärt Rigsinger.

Flüchtlingshelfer aus Überzeugung

Im kommenden Jahr findet unter anderem ein kulturelles Training unter dem Titel „Kultur verstehen“ im „JuFaZ“ statt. Ein Flugblatt mit dem Programm 2019 soll in Kürze veröffentlicht werden. „Wir sind offen für Neuzugänge“, unterstreicht Weber. Auch für deutsche Männer, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Zwar bleiben die Frauen bei „Sadiqa“ unter sich; das Männerprojekt „Sport verbindet“ ist mittlerweile eingeschlafen. „Vielleicht finden sich wieder Interessierte“, hofft Rigsinger.

Kontakt:
Eva Rigsinger: info@kindgenau.de, Telefon (07225)77481
Annika Weber: annika.weber@gaggenau.de, Telefon (07225)962509

Zunächst liegt der Fokus der Flüchtlingshelfer indes auf den Frauen. Die meisten hätten sich mittlerweile gut akklimatisiert, berichtet Rigsinger. Man unterstütze sie gerne, müsse aber immer wieder auch Eigenverantwortung einfordern: „Wir dürfen ihnen nicht alles abnehmen“, erklärt die Flüchtlingshelferin, „schließlich wollen wir sie zur Selbstständigkeit motivieren.“ Ein wenig Enttäuschung ist Rigsinger anzumerken, als sie erzählt, dass nicht alle Frauen Kontakt halten, die nicht mehr ins „JuFaZ“ kommen. „Wir würden gerne wissen, wie es ihnen danach ergangen ist“, sagt sie. Allzu viel Dankbarkeit solle man nicht erwarten, „denn das ist nicht unser Antrieb. Wir helfen aus Überzeugung.“