Alle Kreisräte und viel Publikum: Zur Wahl des neuen Landrats hatte sich kein Mitglied des Gremiums entschuldigt. Am Sitzungssaal wurden die Glaswände entfernt, damit alle Zuhörer Platz haben. Im Bistro wurde die Veranstaltung zusätzlich auf Leinwand übertragen, selbst auf der Treppe saßen Interessierte.
Alle Kreisräte und viel Publikum: Zur Wahl des neuen Landrats hatte sich kein Mitglied des Gremiums entschuldigt. Am Sitzungssaal wurden die Glaswände entfernt, damit alle Zuhörer Platz haben. Im Bistro wurde die Veranstaltung zusätzlich auf Leinwand übertragen, selbst auf der Treppe saßen Interessierte. | Foto: Collet

Rastatter Kreistag hat gewählt

Künftiger Landrat Huber verspricht Präsenz und Leidenschaft

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Im tosenden Applaus der Kreisräte und Zuhörer fiel ihm dann doch ein Stein vom Herzen. Toni Huber, gerade zum Landrat gewählt, geht strammen Schrittes nach vorn und lässt sich von Amtsinhaber Jürgen Bäuerle beglückwünschen. „Viele Monate habe ich mich mit dieser Wahl befasst“, erklärt Huber, „ich danke für das Vertrauen.“ Der Weisenbacher Bürgermeister und CDU-Fraktionschef im Kreistag ist an seinem Ziel angekommen: Er wird Bäuerle am 1. Mai als Landrat beerben.

Bereits im ersten Wahlgang hat er mit 31 Stimmen die Nase vorn, aber es fehlten noch zwei Stimmen für die erforderliche absolute Mehrheit. Im zweiten Anlauf klappt es dann mit 34 Stimmen. Den Hauptkonkurrenten Knut Bühler, Erster Landesbeamter aus Karlsruhe, lässt Huber klar hinter sich, er kommt auf 23 Stimmen. Damit braucht die CDU einen neuen Fraktionschef – und Weisenbach einen neuen Bürgermeister.

Stabübergabe: Jürgen Bäuerle (links), der am 30. April in den Ruhestand geht, und der strahlende Wahlsieger Toni Huber.
Stabübergabe: Jürgen Bäuerle (links), der am 30. April in den Ruhestand geht, und der strahlende Wahlsieger Toni Huber. | Foto: Collet

Der neue Landrat Huber

„Ich bin sicher, dass Toni Huber das, was er angekündigt hat, auch umsetzen wird“, erklärt FW-Fraktionschef Karsten Mußler im BNN-Gespräch. Er freut sich auf die Zusammenarbeit. Der Landkreis könne stolz drauf sein, dass sich mehrere gute Kandidaten für das Amt zur Verfügung gestellt haben, so Mußler.
Etwas nüchterner fällt das Urteil von Manuel Hummel aus, Fraktionschef der Grünen: „Der Ausgang ist etwas schade, aber keine Katastrophe für den Landkreis.“ Die Grünen hatten Bühler favorisiert. SPD-Fraktionschef Jonas Weber sicherte Huber die Unterstützung für seine Projekte zu. „Ich hoffe, dass es ihm gelingt, auch die Kreisräte zu gewinnen, die ihn nicht gewählt haben“, so Weber.

Keine tragbare Konstellation

Die ihn nicht gewählt haben, gaben ihre Stimmen unter anderem an Knut Bühler. Er sei von mehreren Fraktionen angesprochen worden, ob er kandidieren wolle als Rastatter Landrat, erklärt er in seiner Vorstellungsrede. Er betont seine Kontakte und Netzwerke. Als einziger Sprecher macht er deutlich, dass sich die derzeitige Konstellation des Klinikums Mittelbaden „auf Dauer nicht tragen wird“. Dies zukunftsfähig zu machen, sei eine der zentralen Aufgaben eines Landrats, so Bühler. Kommunale Interessen müssten seiner Meinung nach künftig deutlicher bei Bund und Land eingefordert werden.

Fairer Wahlkampf.

Weitere Stimmen entfallen auf den Ersten Landesbeamten aus Rastatt, Jörg Peter. Er habe engste Kontakte in die Ministerien hinein und sei selbst Gemeinderat. Er plädiert für einen sozialen Landkreis und will eine Wohnungsbaukonferenz einberufen. Gründen will er eine gemeinnützige Beschäftigungsgesellschaft. In Sachen 5G-Ausbau müssten Betreiber schon jetzt in den Kreistag eingeladen werden. Peter will den Bio-Landbau fördern, außerdem unterstützt er die Bahnverbindung von Saarbrücken über das Elsass nach Rastatt. Peter erhält im ersten Wahlgang elf und im zweiten sechs Stimmen. Peter spricht gegenüber den BNN von einem „fairen Wahlkampf“, letztlich gebe die Parteipolitik den Ausschlag.

Toni Huber kündigt ein Zukunftskonzept Landkreis 2030 an, bekennt sich zur Unterstützung des Klinikums und zum Ausbau der Infrastruktur an den Schulen sowie der Schulsozialarbeit. Die Verkehrsprobleme müssten mit allen Verbänden gelöst werden, mit dem Kreistag will er eine Exkursion in den Nationalpark machen. Die derzeit befristete Energieagentur will Huber über das Jahr 2020 hinaus weiterführen. Er verspricht „Präsenz und Leidenschaft“ bei seiner Arbeit.
Toni Huber wird am 7. Mai als Landrat eingeführt.

Kommentar zur Landratswahl 2019

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Die geplante Ausweisung des Täters im Offenburger Arztmordprozess dürfte kaum auf Verständnis stoßen. | Foto: ©jd-photodesign - stock.adobe.com

 

Verlässlich

Der Rastatter Kreistag setzt mehrheitlich auf die solide Lösung. Mit Toni Huber wird ein Landrat an den Start gehen, der die Region bestens kennt, der an laufenden Projekten schon jetzt maßgeblich beteiligt ist – und der die Anatomie des Leitungsgremiums genau kennt. Das hat viele Vorteile, die Arbeit des Landkreises wird auf verlässlichen Spuren weiterlaufen.

Neue Akzente für die Region

Das ist auf alle Fälle eine gute Lösung. Huber hat schon bisher nicht die Binnensicht des Bürgermeisters gepflegt, der in erster Linie nur für seine Gemeinde etwas herausschlagen will. In seinen Debattenbeiträgen klang immer der regionale Aspekt mit, nicht nur für das Murgtal, sondern ebenso für die nördlichen Gemeinden und das Gebiet des ehemaligen Landkreises Bühl. In seiner engagierten Vorstellungsrede machte er zudem deutlich, dass er durchaus noch einiges mit dem Landkreis vorhat. Er wird sicherlich nicht nur ein Erbe weiterverwalten, sondern neue Akzente setzen. Diese Mischung aus solidem Basiswissen und Neugierde auf die kommende Zeit wird der Region gut tun.

Qualifizierter Nebenbewerber

Neben Huber gab es zumindest zwei ebenso qualifizierte Bewerber – das ist ein gutes Zeichen für den Landkreis Rastatt, der offenbar einen glänzenden Ruf hat. Vor allem der hiesige Erste Landesbeamte Jörg Peter lieferte eine spritzige und fundierte Rede mit vielen pfiffigen Ideen ab. Auch ihm hätte man die Geschicke des Landkreises getrost in die Hände legen können. Aber am Ende kann halt nur einer gewinnen.

Wenig Zeit bis zum Start

Gleichwohl: Mehr als ein Drittel des Kreistags hat nicht für Huber gestimmt. Die spontan von den BNN eingesammelten Stimmen bei den Fraktionen deuten allerdings darauf hin, dass der neue Landrat auf eine solide Basis und ein konstruktives Miteinander weiter bauen kann. Diesen Zusammenhalt der Konstruktiven wird es sicherlich brauchen, wenn in den nächsten Jahren weniger Steuern in den Kreishaushalt schwappen und der Kreistag nach der Kommunalwahl am 26. Mai möglicherweise kleinteiliger oder gar populistischer wird. Für diese Ausgangslage ist Toni Huber nun viel Glück zu wünschen. Eine lange Einarbeitungszeit wird er bis dahin nicht haben.