Lesezeit: In der Merkurschule haben Leseveranstaltungen ihren festen Platz. Zehntklässler lesen Erstklässlern regelmäßig als Paten vor, und umgekehrt. Einmal im Monat liest die ganze Schule: eine Unterrichtsstunde lang, vom Lehrer bis zur Sekretärin.
In der Merkurschule haben Leseveranstaltungen ihren festen Platz. Zehntklässler lesen Erstklässlern regelmäßig als Paten vor, und umgekehrt. Einmal im Monat liest die ganze Schule: eine Unterrichtsstunde lang, vom Lehrer bis zur Sekretärin. | Foto: Slobodan Mandic

Pisa-Studie 2018

Lehrerinnen in Gaggenau sagen: Leseförderung beginnt Zuhause

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Deutsche Schüler lesen nicht gut genug. Das ist eine Schlussfolgerung aus der aktuellen Pisa-Studie. Doch Lesen gilt als Schlüsselkompetenz im Leben. Sie öffnet nicht nur die Tür in fiktive Welten, sondern gewährt den Zugang zu wichtigen Informationen. Viele Blicke richten sich nun auf die Schulen und Lehrkräfte. Doch sowohl die Gaggenauer Bibliothekarin Bianca Grittmann als auch Deutschlehrerinnen der Merkurschule sagen eindeutig: Die wichtigste Arbeit beginnt Zuhause.

Arbeits- und Mietverträge, Betriebsanleitungen, Zeitungsberichte, Formulare, Hinweisschilder, Restaurantmenüs: Alles ist schriftlich. Wer den Sinn der Worte nicht erfassen kann, hat schlechte Karten. Klar ist deshalb: Die Fähigkeit zu lesen muss gefördert werden.

Vorlesen verschafft Kindern einen Vorsprung

Schüler, denen als Kind zuhause regelmäßig vorgelesen wurde, haben einen merklichen Vorsprung, wenn sie selbst lesen sollen. Sie sind offen gegenüber Texten, haben einen großen Wortschatz, kennen Vergangenheitsformen, bleiben aufmerksam.

Just da hapert es jedoch. Zwar vermitteln manche Eltern ihren Kindern einen Zugang zu Texten. Sie lesen ihnen vor, gehen mit ihnen in die Bücherei, motivieren sie, selbst ein Buch oder eine Zeitschrift aufzuschlagen. In anderen Familien spielen Texte kaum eine Rolle – sei es, weil die Eltern keine Zeit haben, nicht gerne lesen oder es selbst einfach nicht gut können.

Die Ergebnisse der Pisa-Studie 2018 sind im Dezember 2019 vorgestellt worden.
Die Schüler waren zwar in allen drei geprüften Bereichen – Lesekompetenz, Mathematik und Naturwissenschaften – besser als ihre Vorgänger im ersten Untersuchungsjahr 2000. Aber sie haben schlechter abgeschnitten als die Schüler in den Jahren dazwischen. In Mathe und Naturwissenschaften ging es schon seit 2012 abwärts. Die Lesekompetenz war zuletzt der einzige Bereich, in dem Schüler sich noch stetig verbessert haben.
Die Studie der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) wird alle drei Jahre durchgeführt.

Entsprechend erlebt Bianca Grittmann in der Stadtbibliothek vor allem Eltern und Kinder, die begeistert nach Büchern Ausschau halten. „Die Mitte fehlt mir“, sagt sie. In ihrer wöchentlichen Lese-AG für Grundschüler sieht sie derweil, wie schwer es ist, Lesen nachträglich zur Gewohnheit zu machen. „Das braucht Übung.“

Wir sollen’s richten.

Nuran Weiler, Deutschlehrerin an der Merkurschule, zu fehlendem Vorwissen.

In jeder Klassenstufe finden sich mittlerweile Schüler, die Worte und Redewendungen nicht verstehen, kein sicheres Gefühl für Rechtschreibung und Grammatik entwickelt haben, nicht zwischen den Zeilen lesen können. Sie können nicht lange zuhören, nicht lange bei der Sache bleiben.

„Und wir sollen’s richten“, sagt Nuran Weiler. Sie ist in der Merkurschule für die Schülerbibliothek und die Leseförderung zuständig.  „Es müsste eigentlich Vorlese-Förderung heißen“, betont sie. Das Problem ist, die Eltern zu motivieren.

Zehn Minuten Lesezeit sind ein guter Anfang

Kinder sind leicht zu begeistern, da sind sich Nuran Weiler und ihre Deutsch-Kolleginnen Katharina Follath und Maren Eggs einig. Alles, was es braucht, sind zehn Minuten gemeinsame Lesezeit am Tag. Ideal wären 30 Minuten. Gute-Nacht-Geschichten für Kleinkinder oder gemeinsame Lektüre-Rituale für größere Kinder helfen.

„Die Bereitschaft zu lesen hat ganz viel mit Emotionen zu tun“, erklärt Weiler. Gerade Vorlese-Rituale hinterlassen ein positives Gefühl bei Kindern.

In welcher Sprache vorgelesen wird, ist erst einmal zweitrangig. Es ist auch nicht entscheidend, ob Eltern oder ältere Geschwister es tun. Es geht um das Erlebnis: die gemeinsame Zeit, eine tolle Geschichte, das raschelnde Papier, den Ansprechpartner bei Fragen, den Aha-Moment, die Fantasie.

Um den Kinder- und Jugendbereich der Stadtbibliothek kümmert sich Bianca Grittmann, die stellvertretende Leiterin. | Foto: Christiane Widmann

Comics und Zeitschriften können Begeisterung wecken

Letztlich müssen Kinder freilich selbst ins Lesen kommen, betont Follath. Denn nur so entwickeln sie ein Gefühl für Rechtschreibung und Grammatik. Sie können auch in anderer Hinsicht davon profitieren: Sie lernen, sich selbst zu beschäftigen, die Perspektive zu wechseln. Sie finden Vorbilder und Möglichkeiten, Konflikten zu begegnen.

Dafür müssen sie keine Romane zur Hand nehmen. Auch Bilderbücher, Comics, Zeitschriften oder Sachbücher erweitern den Horizont. Hauptsache, sie fesseln sie.

Kinder in ihrer Lebenswelt abholen

Im Unterricht funktionieren Bücher und Texte gut, die die Schüler in ihrer Lebenswelt abholen und Spaß machen. Die Lehrer der Merkurschule machen verschiedene Angebote, um ihre Klassen einzubinden und im Niveau anzugleichen. Sie beteiligen Schüler an der Buchauswahl, erklären Worte, bebildern Geschichten, stellen Szenen nach oder vertonen sie, bilden Übungsgruppen, tragen Lesewettbewerbe aus. Doch die Zeit an der Schule bleibt begrenzt.

Die Bibliothek bietet ergänzende Angebote: Sie organisiert Klassenführungen, Autorenlesungen und Vorlesenachmittage, stellt Bücherkisten zusammen und verleiht große Kamishibai-Rahmen mit Bildkarten. Diese helfen, Geschichten zu illustrieren.

Doch vor allem bietet sie die Möglichkeit, Lektüre nach Hause zu bringen – ob gebunden, als E-Book oder Tiptoi-Buch. Denn dort muss sie hin.