Idyllischer Arbeitsplatz, knallharte Arbeitszeiten: Leona Sakowski ist mit Leib und Seele Schäferin. | Foto: bba

Über Stock und Stein

Schäferin in Gaggenau: Leona Sakowski

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Nach dem Abitur einen Fachbereich finden, der einen leidlich interessiert, einige Jahre an der Uni und dann einen Büro-Job im Warmen: dieser weit verbreitete Lebensentwurf kam für Leona Sakowski nicht in die Tüte. Stattdessen entschied sich die blonde Ostfriesin für den seltenen Beruf der Schäferin. Und hat es bis heute nicht bereut.

Wind und Wetter trotzen

Frisch pfeift der Wind über die Wiesen am Stahlbach, kurz vor dem Ortsschild „Winkel“. Doch Sakowski und ihre wolligen Schützlinge, rund vierhundert sind es heute an der Zahl, stört das wenig. „Eine Sache, die man in diesem Beruf sehr schnell lernt, ist, das Kleidung wirklich funktional sein muss“, meint die 31-Jährige lächelnd. Dazu gehören Thermostiefel, Regenhose und eine Jacke, die gut und gerne das Vierfache von dem kostet, was Menschen sonst in der Regel für eine Jacke ausgeben – wenn sie eben nicht den größten Teil ihres Arbeitslebens im Freien verbringen. Doch der körperlich anstrengende Einsatz bei Wind und Wetter lohnt sich aus Sicht der Schäferin. „Wenn man diesen Job macht, muss einem beim Anblick der zufrieden grasenden Tiere einfach das Herz aufgehen, sonst ist man fehl am Platz“, ist sie sich sicher. Auch Freude am routinierten Tagesablauf und die Bereitschaft, sich mal richtig schmutzig zu machen, gehören ihrer Ansicht nach zur Grundausstattung jedes Schäfers. Seit einem Jahr hütet die 31-Jährige die Herde der Schäferei Studer aus Bad Rotenfels. Ungefähr diesen Zeitraum brauche es auch, bis Herde und Schäfer wirklich zusammengewachsen seien, meint sie. Dann verstehen sich Mensch und Tier, der Rhythmus aus Verweilen und Weiterziehen wird natürlich und harmonisch.

Helfer auf vier Pfoten

Stets mit von der Partie, wenn Sakowski ihre Tiere auf die Wiesen in Loffenau, am Dobel oder nach Gaggenau-Winkel treibt, sind ihre Hunde. Die Geschwister Janko und Nera, eine altdeutsche Hütehunde-Rasse, laufen unermüdlich einen Feldweg ab und führen einzelne Ausreißer wieder in die Gruppe zurück. Border-Collie Justus hingegen liegt neben seiner Schäferin und überblickt das Geschehen von seiner Warte aus. Doch die entspannte Haltung täuscht: ein kurzer Befehl, und Justus saust los. „Ihn könnte ich auf eine komplizierte Route schicken und er würde genau meinen Anweisungen folgen. Auch auf der Alb, wo ganz andere Strecken zurückzulegen sind als hier, wusste er sofort, worauf es ankommt“, meint Sakowsi mit zufriedenem Blick auf ihren schwarz-braunen Helfer. Alle drei Hunde kennt die Schäferin von Welpenbeinen an, hat mit ihnen Kurse absolviert und sie auf sich geprägt. „Es gibt auch Schäfer, die sich einfach einen fertig ausgebildeten Hütehund kaufen, weil sie sich die Arbeit nicht machen wollen“, weiß Sakowski. Für sie wäre das aber keine Option gewesen: Bei nicht aufeinander eingespielten Teams aus Schäfer und Hund gibt es zu viele Missverständnisse, ein Befehl des Schäfers wird schnell mal falsch interpretiert.

Auch am Wochenende im Einsatz

Ihre Erfahrungen im Beruf hat die Tierfreundin zehn Jahre lang in ganz Deutschland und Teilen der Schweiz gesammelt. „Weil man als Schäfer keine normale Fünf-Tage-Woche hat, sondern zum Beispiel während der Lämmer- oder Heuzeit oft mehrere Wochen am Stück im Einsatz ist, war mir besonders wichtig, dass die Atmosphäre am Hof meines Arbeitgebers stimmt“, erklärt sie ihre lange Suche. Es ist ein Beruf, der ein genaues Auge und Einfühlungsvermögen erfordert und neben einem umfangreichen Wissen über die Tiere auch Kenntnisse in BWL und Buchhaltung. Weil die Arbeit so vielseitig ist, gehört eine dreijährige Ausbildung als Geselle und eine theoretische und praktische Prüfung dazu, bevor sich ein Schäfer „Meister“ nennen darf. Auf diese Prüfung bereitet sich die Gaggenauer Schäferin in den kommenden Wochen vor. Ob ihre Schützlinge sich von dem Titel wohl beeindrucken lassen? Vermutlich nicht. Sie folgen ihrer „Chefin“ mit den freundlichen, blauen Augen schließlich jetzt schon vertrauensvoll von einer schmackhaften Wiese zur nächsten.