Der Redakteur an der Stock Saw: In dieser Disziplin sind Präzision und Schnelligkeit gefragt. Zwei schmale Holzscheiben werden von einem Stamm abgesägt. | Foto: Collet

Redakteur am Limit: Holzfällen

Mann gegen Baum

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Raus dem Alltag, auf ins Abenteuer lautet die Losung bei „Redakteur am Limit“. Für einen Tag, einige Stunden oder nur wenige Minuten schlüpft BNN-Redakteur Dominic Körner in für ihn ungewohnte Rollen. Am Boden, zu Wasser und in der Luft geht er bis an seine Grenzen. Heute heißt es: „Mann gegen Baum“ beim Sportholzfällen mit dem Deutschen Meister.

Außerhalb der Komfortzone

Schon nach wenigen Sekunden schwant mir: Heute bin ich der falsche Mann am falschen Ort. Mit der Axt in beiden Händen und schier unbändiger Kraft drischt Robert Ebner auf ein Stück Stammholz ein, das mir fast ein wenig leidtut. Wenige Wimpernschläge später ist der 32 Zentimeter starke Block gespalten – und Roberts Puls kaum höher, als hätte er gerade ein Kreuzworträtsel gelöst.

Für die vierte Folge von „Redakteur am Limit“ bin ich zu Gast beim Deutschen Meister im Sportholzfällen („Timbersports“) und als handwerklicher Totalausfall mit einem Bizepsumfang von 25 Zentimetern weit außerhalb meiner Komfortzone. „Jetzt du“, sagt Robert, 32, der im Gaggenauer Statteil Hörden wohnt und im Garten eines Bekannten in Schirrhein (Elsass) trainiert.

Beinrasur mit der Axt

In sechs Disziplinen – ich darf in dreien ran – messen sich die weltbesten Holzfäller an Axt und Säge miteinander. Beim „Underhand Chop“ wird das Zerteilen eines gefällten Baumes simuliert. Auf einem horizontal verankerten Block stehend, versuchen die Athleten, durch Axthiebe den Stamm von beiden Seiten durchzuschlagen.

Eines vorweg: Den Weltrekord (19,44 Sekunden) verpasse ich um gut zehn Minuten. Weil die Axt messerscharf ist – zur Demonstration hat mir Robert vorher damit die Beine(!) rasiert – trage ich Kettenstrümpfe unter meiner Hose. Damit, versichert mir der Profi, komme ich in jedem Fall zweibeinig nach Hause.

Der Puls rast

Mit ausgestreckten Armen hole ich über meinem Kopf mächtig Schwung, der mich auf dem Weg nach unten aber schnell verlässt. Zu groß ist die Angst, Bein statt Baum zu treffen. Mehrfach bleibt die Axt im Holz stecken. Schon nach wenigen Hieben rast mein Puls. Minutenlang arbeite ich mich keuchend an diesem verfluchten Stamm ab, bis er endlich in zwei Teile bricht. „War gar nicht so schlecht“, meint Robert lapidar, während ich um Luft ringe.

Beim „Underhand Chop“ wird ein Holzblock mit der Axt gespalten. | Foto: Collet

Im Expresstempo hat sich der gebürtige Franke an die Weltspitze gesägt und geschlagen. Kaum zu glauben: Schon zwei Jahre nach seinen Anfängen wird er 2008 erstmals Deutscher Meister. Vier weitere Titel folgen, zuletzt im vergangenen Jahr. 2010 wird er Vize-Weltmeister. „Das Sportholzfällen ist meine Bestimmung“, ist Robert überzeugt. Ihn faszinieren das Zusammenspiel von Kraft und Technik, das Duell „Mann gegen Mann“ auf der Bühne – und die historischen Wurzeln der „Timbersports“.

Ursprung im 19. Jahrhundert

Die Sportart entwickelte sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts aus den Wettkämpfen der Forstarbeiter Tasmaniens. Die Holzfäller von „Down Under“ zählen noch heute zur Weltklasse, starke Konkurrenz kommt vor allem aus Nordamerika und Neuseeland. „Die Jungs aus der Weltspitze können dank Sponsorengeldern vom Sport leben“, erzählt Robert. Sein zweites Standbein als Sicherheitscoach beim Forst BW will er indes nicht aufgeben. „Zu riskant“, findet er: „Bei Misserfolg oder Verletzungen sieht es dann schlecht aus.

Jetzt nehmen wir die Frauensäge!

Robert Ebner mit einer deutlichen Ansage an Redakteur Dominic Körner

 

Richtig schlecht sehe auch ich bei meiner zweiten Disziplin aus. Beim „Single Buck“ gilt es, mit einer zwei Meter langen Handsäge eine Holzscheibe von einem horizontal befestigten Block (Durchmesser: 46 Zentimeter) abzusägen. „Hier sind der Rhythmus und die Dynamik des Sportlers entscheidend“, steht im Netz. Offenbar habe ich weder das eine noch das andere.

Collet
„Single Buck“: Die zwei Meter lange Handsäge sträubt sich heftig.

Immer wieder verkantet sich das Ungetüm im Holz. Meine Muskeln brennen. Schließlich hat Robert ein Einsehen: „Jetzt nehmen wir die Frauensäge“, feixt er, „die läuft besser“. Was für eine Blamage. Immerhin: Mit der Damenausführung klappt’s. Nach einer Minute ist der Stamm durch.

WM-Titel vor Augen

Spätestens jetzt wird mir klar, wie viel Arbeit Robert in diese Sportart investiert. Vor Wettkämpfen trainiert er fast täglich am Holz, dazu geht’s in die Muckibude, „die Schnellkraft verbessern“. „Meiner Freundin wird es manchmal zu viel“, sagt er, doch der Mann ist ehrgeizig. Der achte Platz bei der Weltmeisterschaft 2017 in Lillehammer schmeckt ihm nicht. Seine Ziele: „Die Deutsche Meisterschaft will ich unbedingt verteidigen. Und die Krönung wäre der WM-Titel“. Zuletzt schwächelte er an der „Hot Saw“, einer getunten Motorsäge mit Furcht einflößenden 70 PS.

Finale an der „Stock Saw“

Das Modell, mit dem ich heute ans Holz gehe, hat nur ein Zehntel der Power. Und doch ist mein Respekt groß, schließlich hatte ich noch nie eine Motorsäge in der Hand. Jetzt ist Präzision gefragt: Mit der „Stock Saw“ muss ich von einem 40 Zentimeter starken Block innerhalb eines markierten Bereichs von zehn Zentimetern zwei schmale Scheiben („Cookies“) absägen – erst von oben, dann von unten.  Am Vorabend hatte ich mir im Internet Videos angeschaut, die den gefürchteten Rückschlageffekt („Kickback“) einer Motorsäge zeigen. Die Angst sägt mit.

Der Meister in Aktion: Robert Ebner bei einem Wettkampf am „Springboard“. | Foto: Kraufmann

Wenn ich am Gashebel ziehe, kreischt der Motor so durchdringend, dass auch der letzte Langschläfer in der Nachbarschaft aus dem Bett fällt. Mit meinem Gesicht bleibe ich auf Sicherheitsabstand. Diesmal läuft es besser: Nach 50 Sekunden bin ich durch. Allerdings sind meine Scheiben zehn und 25 Zentimeter dick, und der Weltrekord liegt bei unter zehn Sekunden.

Muskelkater inklusive

Robert, der in seiner Freizeit auch mal Freunde an Axt und Säge lässt, hat sicher schon bessere Erst-Holzfäller gesehen. Bei der Verabschiedung meint er noch schmunzelnd: „Morgen wirst du deine Muskeln spüren“. Recht hat er. Als ich mich am nächsten Tag aus dem Bett quäle, wächst meine Bewunderung für Robert und all die anderen „harten Kerle aus dem Wald“. Wie machen die das nur?