Hoffen auf eine bessere Zukunft: Im Rahmen des Insolvenzverfahrens in Eigenregie zahlt die Arbeitsagentur drei Monate lang die Gehälter der Beschäftigten, ab dem vierten Monat liegt die Verantwortung wieder beim Unternehmen. | Foto: Gerbig

Insolvenz in Eigenregie

Mitarbeiter des City-Kaufhauses Gaggenau bangen um ihre Arbeitsplätze

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Kostenminimierung ist das Gebot der Stunde im City-Kaufhaus Gaggenau, das sich im Insolvenzverfahren in Eigenregie befindet. Aus der Belegschaft ist zu hören, dass mit mehreren Beschäftigten Gespräche geführt wurden mit dem Ziel, die Arbeitszeit abzusenken. Es geht um 65 Arbeitsplätze im Kaufhaus, darunter eine große Zahl an Teilzeit- und 450-Euro-Kräften.

Einen Betriebsrat, der diese Form des Insolvenzverfahrens mit Blick auf die Mitarbeiterinteressen konstruktiv begleiten könnte, gibt es nicht. Auch die Gewerkschaft verdi in Karlsruhe ist nach eigenen Angaben nur am Rande tangiert, indem spezielle Nachfragen einiger Mitglieder beantwortet werden.

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Seit Jahren soll es keine Lohn- oder Gehaltssteigerungen mehr gegeben haben, von einer großen Fluktuation in der Belegschaft ist ebenfalls die Rede. Die Mitarbeiterversammlung, in der über die Einleitung des Eigenverwaltungsverfahrens informiert wurde, soll sehr kurzfristig bekanntgegeben worden sein: Eingeladen hierzu wurde am Mittwoch, 13. Mai, die Versammlung fand bereits am Folgetag morgens statt. Einige Mitarbeiterinnen erfuhren folglich erst später von den gravierenden Veränderungen im Haus.

Verkürzte Kündigungsfristen im City-Kaufhaus

Viele Beschäftigte, so ist zu hören, sehen dem Hochsommer mit gemischten Gefühlen entgegen. Drei Monate, beginnend mit der Mai-Abrechnung zum Monatsende, ist das Gehalt zwar sicher, es wird als Insolvenzgeld von der Arbeitsagentur in Höhe des letzten Nettoentgelts gezahlt. Ab dem vierten Monat liegt die Verantwortung für die Auszahlung der Löhne und Gehälter grundsätzlich wieder beim Unternehmen.

Die Mitarbeiter wissen, dass in einem Insolvenzverfahren – auch in der vorliegenden abgeschwächten Form einer Sanierung in Eigenregie – generell verkürzte Kündigungsfristen gelten. Viele bangen jetzt um ihren Arbeitsplatz, entsprechend ist die Stimmung.

Experten unterstützen Geschäftsführer

Die beiden Geschäftsführer Harry Schneider und Michael Meurers leiten das Unternehmen auch weiterhin; aber sie haben nicht mehr alleine das Sagen. An ihrer Seite stehen jetzt zwei Experten, die auf Insolvenzrecht spezialisiert sind.

Da ist zum einen Matthias Kühne von der Kanzlei Nickert in Offenburg in der Funktion eines Sachberaters. Damit ist er sehr nahe dran am operativen Geschäft und mitbeteiligt an der Aufstellung eines Sanierungsplans des Unternehmens. Kühne ist laut Mitteilung seiner Kanzlei auch zuständig für die Kommunikation mit den Gläubigern und mit der Presse.

Hinzu kommt Dirk Pehl von der renommierten Acherner Anwaltssozietät Schultze & Braun als vom Amtsgericht Baden-Baden eingesetzter Sachwalter: Diese Funktion kann man sich wie eine Art Aufsichtsrat vorstellen, der die Entwicklung nicht zuletzt aus der Sicht der Gläubiger verfolgt.

Hoffnung auf mehr Konsum

Matthias Kühne sagt auf BNN-Nachfrage, dass „ein Abbau von Arbeitsplätzen nach aktuellem Stand nicht geplant“ sei. Die Einschränkung: Man müsse die Gesamtentwicklung abwarten.

Anwalt Kühne spricht davon, dass Corona mit der Schließung des Großteils des Hauses der Auslöser für die Schräglage des City-Kaufhauses gewesen sei; er sieht auch „eine gesamtwirtschaftliche Unsicherheit“. Man habe aber die Hoffnung, dass in absehbarer Zeit sich das Verbraucherverhalten wieder ändern werde und der Konsum anziehe. Aktuell sei man in Kontakt mit Lieferanten, Einkaufsverbänden und dem Vermieter der Immobilie. Auch das Sortiment wird im Zuge des Gesamtprozesses hinterfragt.

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Eine großflächige Neugestaltung des City-Kaufhauses Gaggenau hat es zuletzt im Jahr 2011 gegeben, als die Tisch&Trend-Abteilung wegfiel und das Angebot an Textilien deutlich ausgeweitet wurde. Bereits 2009 war die Lebensmittelabteilung im Erdgeschoss geräumt worden, der Drogeriemarkt und eine Bäckerei mit Café kamen damals hinzu.