Natur-Idylle pur an der Hütte Heppenau. Im Kerbtal sollen sich nach der Erhöhung der Wassermenge in der Murg langsam auch wieder die Fischbestände erholen. | Foto: Schaub

Fischbestand wird aufgebaut

Murg erwacht zum Leben

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Über 50 Kilometer schaukelt das „Fischfass“ am Haken eines Dienstfahrzeugs des Regierungspräsidiums von der Fischtreppe bei Iffezheim Richtung Murgtal: An Bord Barben, Nasen und Döbel. Stephan Hüsgen, Mitarbeiter der Fischereibehörde, hat die Süßwasserfische mit einem Kescher aus der Reuse an der Staustufe gefischt. Die zappelnden Exemplare werden gezählt, katalogisiert und vermessen. Bei einem Zwischenstopp beim Wasserkraftwerk Rotenfels können sich die Tiere nach einem kurzen Wasseraustausch an das kühlere Murgwasser gewöhnen. „Wir wollen anschließend keinen Fischburger haben“, beschreibt Frank Hartmann, Leiter der Fischereibehörde des Regierungspräsidiums (RP) Karlsruhe den aufwendigen Transport, mit dem der Durchbruch im jahrelangen Kampf für eine ökologische Aufwertung der Murg dokumentiert werden soll.

 

Wasserqualität hat sich verbessert

Die Süßwasserfische werden nämlich an einer wiederbelebten Ausleitungsstrecke der Murg ausgesetzt, die sich nach der Erhöhung der Wasserzuleitung und verbesserten Fischpässen fast wieder in einem Zustand wie vor 1 000 Jahren befindet. Am Lkw-Parkplatz der B 462 zwischen Weisenbach und Forbach schlängelt sich ein schmaler Waldweg zu einem Naturparadies: Eingebettet in natürliche Felszüge und schroffe Abhänge liegen riesige Findlinge, die schon vor Jahrtausenden von der Macht des Wassers herangetragen wurden. Vögel zwitschern, auch der Eisvogel wurde schon gesichtet. Und wo früher Wanderungen im trockenen Flussbett angeboten wurden, strömt heute die Murg auf der Länge von 14 Kilometern wieder mit 1 200 Liter pro Sekunde an der Hütte Heppenau vorbei. In zwei bis drei Jahren soll die Murg dort 1 650 Liter pro Sekunde führen.

Zur Laichzeit wird diese Nase , die an der Fishtreppe Iffezheim gefangen wurde, in der Murg ausgesetzt. | Foto: Schaub

Ideale Bedingungen also, denn der Fischbestand hat sich in der kurzen Zeit noch nicht erholt: „Die Erfolge dieser Maßnahmen werden aber nicht lange auf sich warten lassen“, bekräftigt Frank Hartmann von der zuständigen Fischereibehörde des RP. Die ersten Exemplare wurde bereits vor drei Wochen ausgesetzt. Und auch jetzt haben die Mitarbeiter der Fischereibehörde wieder einige Exemplare der Karpfenfische im Gepäck, um sie rechtzeitig zur Laichzeit am Oberlauf der Murg auszusetzen.

Dort im Sand hat früher auch der Lachs – das Flaggschiff – seine Eier abgelegt. Heute laichen im Kies und unter Steinen eher anspruchslosere Arten, die mit wenig Wasser zurecht kommen, wie Forellen, Elritzen, Schmerlen oder Äschen. Vor drei Jahren wurde der Lachs immerhin schon in Gernsbach gesichtet, bereits 2006 waren seine Laichplätze in Bad Rotenfels registriert worden: Ein großer Erfolg, denn 1925 wurde das letzte Exemplar in der Murg gefangen.

In absehbarer Zeit soll der Lachs dank der verbesserten Durchgängigkeit der Murg zwischen der Rheinmündung und Baiersbronn auch wieder Laichplätze weiter flussaufwärts erreichen. Bis zu 31 heimische Fischarten sollen sich in den nächsten Jahren in der Murg ansiedeln, die sich heute in einem deutlich besseren ökologischen Zustand befindet, als noch zu Beginn des Jahrhunderts.

Ringen mit Wasserkraftbetreibern

Entsprechend stolz sind Frank Hartmann und Stephan Hüsgen von der Fischereibehörde sowie Petra Neff vom Rechtsreferat der Umweltabteilung, dass sie nach jahrelangem Ringen mit den Wasserkraftbetreibern in Teilbereichen eine Murg fast wie vor 1 000 Jahren präsentieren können. Begeistert lassen die Mitarbeiter des RP in der Murg, die wieder fröhlich um ihre Gummistiefel gurgelt, die am Rhein gefangenen Fische frei. Blitzschnell sind Barben, Nasen und Döbel in den Fluten der Murg verschwunden. Regelmäßig soll in Zukunft überprüft werden, ob sich die Artenvielfalt in der Murg wunschgemäß wieder entwickelt.

Bewirtschaftskonzept für Angler

Wenn alle Gewässerfunktionen im kleinen Rahmen wieder hergestellt sind, dann finden auch die 31 heimischen Fischarten einen angemessenen Lebensraum wieder, hofft Frank Hartmann. Nachdem mit den Wasserkraftbetreibern ein Vergleich geschlossen und Fischpässe und Mindestabflüsse vereinbart wurden, sollen auch die Angler ins Boot geholt werden. „Die brauchen wir als zuverlässige Partner“, verweist Fischereiexperte Hartmann auf das Bewirtschaftungskonzept, das mit detaillierten Vorgaben, Fangbeschränkungen und Mindestmaßen aufgestellt wird. „Nutzung und Schutz des Flusses werden nun besser in Einklang gebracht“, sind Petra Neff und Frank Hartmann überzeugt. Das Murgtal zählt oberhalb von Weisenbach zu den schönsten Flusstälern Baden-Württembergs. Genau in diesem Abschnitt wurde der Fluss wieder zum Leben erweckt.