Dieses Foto aus dem Jahr 1932, das die beiden Söhne des Rastatter Arztes Alfred Grünebaum auf dem Ohrensessel zeigt, hielt die Erinnerung über 80 Jahre lebendig. | Foto: privat

Jüdische Spurensuche

Nach 80 Jahren kehrt Sessel zur Familie zurück

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Von Irene Schneid-Horn

Deutschland im Jahr 1935: Die Nürnberger Gesetze treten in Kraft. Die jüdischen Bürger werden mehr und mehr entrechtet, drangsaliert und an ihrer Berufsausübung gehindert. Wegen des Terrors der Nationalsozialisten beschließt eine junge jüdische Familie aus Rastatt, ihre Heimat zu verlassen.
Ihr gutbürgerliches Leben und einen Großteil ihrer Habe muss sie zurücklassen – unter anderem einen Ohrensessel mit geblümtem Bezug. Dieser Sessel überdauert Jahrzehnte im ehemaligen Rastatter Wohnhaus, bis der Enkel, Eyal Grunebaum, letztes Jahr zur Spurensuche in die Region kommt und das Erinnerungsstück ausfindig macht. Es hat nun in dessen Heim im kanadischen Toronto einen Ehrenplatz bekommen – am Ende einer Reise, die über 80 Jahre dauerte.

BNN-Serie stellt den Kontakt nach Kanada her

Nicht ganz unbeteiligt am glücklichen Ausgang dieser Geschichte ist die 2008 erschienene BNN-Serie der Redaktion Gaggenau zum jüdischen Leben in Gernsbach. Eyal Grunebaum findet den Text im Internet und nimmt Kontakt mit der Verfasserin der Serie auf. Diese unterstützt ihn bei den Recherchen zu seiner Familiengeschichte und ist auch beim Transport des Sessels nach Amerika behilflich.

Familie wandert nach Palästina aus

Rückblick: Einer glücklichen Zukunft scheint Dr. Alfred Grünebaum Anfang der 1930er Jahre entgegenzugehen. Grünebaum hat eine Familie gegründet und wirkte in Rastatt als angesehener Allgemeinarzt und Geburtshelfer; Praxis und Wohnung befanden sich im Obergeschoss einer stattlichen Villa in der Josefstraße. Seine Frau Ruth stammt aus Gernsbach. Dort betreibt ihr Vater Emil Nachmann ein bedeutendes Kaufhaus. Ein Familienfoto aus dem Jahre 1932 zeigt die beiden kleinen Söhne Yochanan und Michael (als Baby) auf dem geblümten Ohrensessel. Alfred Grünebaum ahnt sofort, dass die Nürnberger Gesetze nur der Anfang von schrecklicheren Verfolgungen sein würden. So fasst er den Entschluss, mit seiner Familie umgehend nach Palästina auszuwandern, wo man sich Grunebaum nennt.

Hausstand samt Sessel bleibt zurück

Da nicht der gesamte Hausstand mitgenommen werden kann, wird einiges an eine Zahnarztfamilie übergeben, die im selben Haus lebt. Unter diesen Möbeln befindet sich der geblümte Ohrensessel.
Dieser Sessel wird zwar in Rastatt zurückgelassen, nicht aber vergessen. Im Jahre 1983 betritt Michael Grunebaum, der Sohn des Rastatter Arztes Alfred Grünebaum, erstmals nach der Emigration wieder deutschen Boden. Als Kinder-Radiologe nimmt er an einem Kongress in Berlin teil und macht anschließend mit Ehefrau Sara und seiner Mutter Ruth einen Abstecher ins Mittelbadische, um die einstige Heimat der Familie wiederzusehen. Sie besuchen Gernsbach, den jüdischen Friedhof in Kuppenheim und auch Rastatt. Mit Hilfe der Mutter ist in Rastatt das ehemalige Wohnhaus leicht ausfindig zu machen. Zur Freude aller trifft man dort die Tochter des Zahnarztes an. Diese führt die einstigen Nachbarn in ihre Wohnung, wo – welch eine Überraschung – der alte Ohrensessel (mit neuem Bezug) steht. An eine Mitnahme nach Israel ist nicht zu denken, aber immerhin weiß man den Sessel in guten Händen und macht Erinnerungsfotos.

Jetzt ein Ehrenplatz in Toronto

2015 kommt nun Michael Grunebaums Sohn Eyal, Medizinprofessor aus Toronto, nach Baden. Es gelingt ihm mit einiger Mühe, das Haus in der Rastatter Josefstraße zu finden und Zutritt zu erhalten. Auf dem Speicher kann er schließlich ein gepolstertes Möbelstück ausfindig machen. Und tatsächlich: Es ist der alte Ohrensessel, den er von den Fotos aus dem Familienalbum kennt. Eyal Grunebaum zaudert nicht, er kauft ihn dem aktuellen Besitzer ab und bringt ihn mit seinem Leihwagen nach Gernsbach. Hier harrt das Möbelstück einige Zeit in der Garage der Autorin, die die BNN-Serie zum jüdischen Leben in Gernsbach recherchiert hat, aus, bis seine Reise nach Kanada organisiert ist. Nach einigen Umwegen über Hamburg und Sinsheim nimmt ihn schließlich eine auswandernde Familie aus München mit nach Kanada. Nun ist der Sessel in Toronto angekommen. Nach über 80 Jahren befindet er sich wieder im Besitz der Familie Grunebaum, hat dort einen Ehrenplatz – und kann künftigen Generationen bewegte Geschichte erzählen.