Menschliches Eingreifen: In der Pufferzone des Parks werden umgestürzte und befallene Bäume entfernt, damit sich der Borkenkäfer nicht ausbreitet.
Menschliches Eingreifen: In der Pufferzone des Parks werden umgestürzte und befallene Bäume entfernt, damit sich der Borkenkäfer nicht ausbreitet. | Foto: Körner

Borkenkäfer-Management

Pufferzone im Nationalpark Schwarzwald umfasst vier Millionen Bäume

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Der Aufschrei war groß: Als der Nationalpark Schwarzwald 2014 aus der Taufe gehoben wurde, befürchteten seine Gegner eine massenhafte Ausbreitung des Borkenkäfers. Der gefräßige Winzling, nur wenige Millimeter klein, mag es warm und trocken. Von ihm befallene Fichten sterben ab. Deshalb umgibt das Schutzgebiet eine 500 Meter breite und 114 Kilometer lange Pufferzone, in der Forstarbeiter das Insekt bekämpfen.

Nach fünf Jahren zieht Thomas Waldenspuhl eine positive Bilanz: „Die Pufferzone wirkt“, betont der Nationalparkleiter bei einem Pressetermin in Herrenwies. In der Kernzone steht der Prozessschutz im Vordergrund. Das heißt: „Wir lassen die Natur Natur sein“, erklärt Gebietsleiter Bernd Schindler.

Einhalt für den Borkenkäfer

Sie macht rund ein Drittel der Gesamtfläche des Nationalparks aus und wird durch die Management- und Pufferzone vom umliegenden Wirtschaftswald getrennt. So wollen die Forstarbeiter verhindern, dass sich der Borkenkäfer über die Parkgrenzen hinaus ausbreitet.

Ist eine Fichte befallen, muss sie innerhalb von zwei Wochen gefällt und abtransportiert werden.

Ein leichtes Unterfangen ist das nicht: Laut Waldenspuhl müssen die 15 Mitarbeiter des Nationalparks und ihre Kollegen vom Forst BW in der Management- und Pufferzone insgesamt vier Millionen Bäume im Blick haben – bei Streifzügen durch den Wald und mit dem Fernglas. „Ist eine Fichte befallen, muss sie innerhalb von zwei Wochen gefällt und abtransportiert werden“, so Waldenspuhl. Damit das funktioniert, bedient sich der Park moderner Technik. Befallene Bäume werden von Forstarbeitern markiert und per Tablet in eine zentrale Software eingespeist. Werden sie nicht innerhalb von fünf Tagen als gefällt markiert, löst das System einen Alarm aus.

Infografik
Infografik | Foto: BNN

Die Lage im Nationalpark

2018 war ein glänzendes Jahr für den Borkenkäfer. Er mag es heiß und trocken, wenn die geschwächten Bäume nicht ausreichend Harz zur Abwehr der Angreifer produzieren können. Sie werden von bis zu 100.000 Käfern befallen und sterben ab. Dieses Jahr ist es ruhig um den Borkenkäfer – noch: „Über die warmen Ostertage sind einige Tiere geflogen, mittlerweile ist es wieder zu kühl“, weiß Michael Albrecht.

Prüfender Blick: Forstarbeiter Michael Albrecht mit einer Käferfalle.
Prüfender Blick: Forstarbeiter Michael Albrecht mit einer Käferfalle. | Foto: Körner

Der Forstwirt und seine Kollegen kontrollieren die acht Borkenkäfer-Fallen im Nationalpark wöchentlich, um das Flugverhalten der Insekten zu analysieren. Sie überleben auch bei Kälte, etwa unter der Baumrinde, fliegen indes nur ab 16 Grad Lufttemperatur. In der mit dem Lockstoff Pheromon präparierten Falle findet Albrecht am Montag gerade einmal 60 Käfer. „In starken Wochen können es bis zu 5 000 Exemplare sein“, erklärt er den staunenden Pressevertretern.

Wichtige Lebensräume

In der Kernzone des Nationalparks setzt der Mensch dem Borkenkäfer keine Grenzen. So bietet sich den Teilnehmern der Ortsbegehung das Bild eines wilden, unberührten und gewollt-chaotischen Waldes: Äste, Wipfel und abgestorbene Bäume verteilen sich über den Boden. Für einige Tierarten, unterstreicht Bernd Schindler, entstünden so wichtige Lebensräume.

Sein Überleben hängt vom Käfervorkommen ab.

Ein Profiteur ist beispielsweise das seltene Auerhuhn, das auf lichte Strukturen mit Heidelbeerbewuchs angewiesen ist. Ein anderer war im Nordschwarzwald fast schon ausgestorben: Der Dreizehenspecht. Er ernährt sich vom Buchdrucker, einer Borkenkäferart. „Sein Überleben hängt vom Käfervorkommen ab“, so Schindler. Mittlerweile habe man wieder zwei Brutpaare im Nationalpark entdeckt, möglicherweise gebe es sogar mehr.

Bekämpfung in der Pufferzone

In der Kernzone greift der Mensch nicht ein, in der Entwicklungszone nur, wenn es sein muss. In den Pufferzonen wird der Borkenkäfer bekämpft, Totholz als mögliche Brutstätte entfernt. Waldenspuhl: „Das sind völlig unterschiedliche Welten.“

Kommentar
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Kommentar: Halb so wild

Es wurde gestritten, geschimpft und gepoltert: Der Nationalpark Schwarzwald war beileibe keine leichte Geburt. Ein Zankapfel: Der nur wenige Millimeter kleine Borkenkäfer. Ohne eine Bewirtschaftung der Kernzone werde sich das Insekt massenhaft verbreiten und ganze Fichtenwälder dahinraffen, befürchteten die Gegner.

Fünf Jahre später ist die Realität eine andere. Alles halb so wild, könnte man sagen. In der Pufferzone, die den unberührten Forst vom Wirtschaftswald trennt, betreiben der Nationalpark und Forst BW ein intensives Käfermanagement. So will man die ungehemmte Ausbreitung des Winzlings verhindern und damit sicherstellen, dass die Kritiker von damals Recht behalten. Beim Pressetermin am Montag wurde deutlich, wie wichtig der Nationalparkleitung die Kontrolle des Borkenkäferbestandes ist – nicht zuletzt, weil ihr hitzige Diskussionen vorausgegangen sind. Die Verantwortlichen tun gut daran, eine transparente Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben, denn gerade Unwissenscheit schürt Ängste.

Sicher: Vier Millionen Bäume im Auge zu behalten, ist eine Herkules-Aufgabe. Aber wenn sie irgendwo bewältigt werden kann, dann im Nationalpark. Dort findet unter dem kritischen Blick seiner Gegner und dem Einsatz enormer Ressourcen ein Käfermanagement statt, das landesweit seinesgleichen suchen dürfte. Es wird auch künftig notwendig sein, denn der Klimawandel begünstigt das Insekt. Für die Forstarbeiter gilt also: Nur nicht nachlassen.