Belastete Amtskette: Die früheren Gernsbacher Bürgermeister Dieter Knittel (links) und Rolf Wehrle auf einem Foto aus dem Jahr 2009. | Foto: Fieting

Ehrenbürgerschaft soll enden

Nazi-Größe stiftete Bürgermeister-Amtskette

Die Geschichte der Amtskette des Bürgermeisters der Stadt Gernsbach und deren Stifter Walter Buch stellte Bürgermeister Julian Christ an den Beginn seiner Neujahrsansprache am Freitagabend. Christ nutzte den Anlass der traditionellen Zusammenkunft, um ein unrühmliches Kapitel der Stadtgeschichte – das vermutlich vielen unbekannt sein dürfte – noch einmal aufzuschlagen (Kommentar siehe unten). 

Kette stammt aus dem Jahr 1938

„Die Kette, die ich trage, stammt aus dem Jahr 1938. Sie wurde dem damaligen Bürgermeister der Stadt Gernsbach von Walter Buch geschenkt. Viele von Ihnen werden sich fragen: Wer war Walter Buch? Ich habe unser Stadtarchiv gebeten, mir hierzu Informationen zukommen zu lassen“, so Christ.
Wie aus den Aufzeichnungen des Stadtarchivs hervorgeht, war Walter Buch ein Bürger der Stadt Gernsbach und lebte in Scheuern. Im Auftrag seines Vaters traf er bereits 1920 Adolf Hitler, um ihm ein Buch zu überreichen und war von dieser Begegnung nachhaltig begeistert. 1922 wurde Buch Mitglied der NSDAP. Ab 1923 baute er die fränkische SA auf und beteiligte sich im selben Jahr am Umsturzversuch Hitlers in München.

Stifter Walter Buch unterstützte das Euthanasie-Programm

Buch wurde später Präsident des Obersten Parteigerichts der NSDAP in München und Reichsleiter. Er beteiligte sich an Säuberungsaktionen innerhalb der NSDAP, unterstützte deren Euthanasie-Programm und war mitverantwortlich für den Tod von etwa 100 Juden bei der Reichskristallnacht in München. Im Nachgang der Nürnberger Prozesse wurde Buch als Hauptschuldiger eingestuft und nahm sich nach Entlassung aus der Haft 1949 das Leben.

Gravur auf der Rückseite

„Walter Buch war ein Verbrecher und Nationalsozialist und ist der Stifter der Amtskette, die ich heute trage“, so Christ weiter. „Als ich diese Hintergründe vor wenigen Wochen erfahren habe, habe ich diese Amtskette mit anderen Augen gesehen und mich selbst gefragt: Möchte ich diese Kette überhaupt noch tragen? Und ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich diese Kette wie all meine Vorgänger tragen werde. Denn Geschichte lässt sich nicht einfach vergessen und auch diese Kette ist Teil der Geschichte Gernsbachs. Sie soll uns eine mahnende Erinnerung daran sein, welche Verbrechen Menschen begehen können.

Ehrenbürgerschaft soll Buch aberkannt werden

Diese Amtskette soll zugleich für ein weltoffenes und rechtsstaatliches Deutschland stehen. Daher habe ich veranlasst, dass die Rückseite der Kette mit einem entsprechenden Bekenntnis graviert wird“, informierte Christ. „Walter Buch ist bis heute ein Ehrenbürger der Stadt Gernsbach. Unsere Ehrenbürger sind verdiente Persönlichkeiten, die sich für unsere Stadt und das Gemeinwohl eingesetzt haben. Ein Täter des Dritten Reiches hat unter ihnen nichts zu suchen. Deswegen werde ich dem Gemeinderat vorschlagen, ihm im Februar die Ehrenbürgerschaft abzuerkennen.“

 

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Von Thomas Dorscheid

Das muss man erst mal sacken lassen: Ein Nazi aus den ersten Reihen, ein später in die Kategorie „Hauptschuldiger“ eingestufter Verbrecher, ist bis zum heutigen Tage Ehrenbürger der Stadt Gernsbach. Walter Buch war ein früher Weggenosse und Bewunderer Hitlers, gewährte ihm nach den Recherchen des Stadtarchivs Gernsbach im Gefolge des gescheiterten Hitler-Putschs von 1923 Unterschlupf in seinem Haus in Gernsbach-Scheuern. Buch war später Präsident des Obersten Parteigerichts der NSDAP und schon ab Juni 1933 einer der Hitler direkt unterstellten Reichsleiter der Partei und und und. Und heute ist Buch immer noch Ehrenbürger der Alten Amtsstadt.

Neuer Bürgermeister legt Geschichte offen

Gerade mal 100 Tage im Amt, ist Bürgermeister Julian Christ auf diese schier unfassbare Geschichte gestoßen. Anlass war, dass er sich für die Herkunft der Amtskette, die ein Bürgermeister bei festlichen Anlässen trägt, interessiert und das Stadtarchiv mit der Recherche beauftragt hat. Die Gernsbacher Kette, die nun auch Christ trägt, hat Buch 1938 dem damaligen Bürgermeister geschenkt.

Verfahren ist überfällig

Dies alles hat Christ am Freitagabend vor großem Publikum, beim Neujahrsempfang der Stadt Gernsbach, öffentlich gemacht. Seine Entscheidung ist vollkommen richtig: Die Amtskette wird zusätzlich graviert und erhält ein Bekenntnis zu einem weltoffenen Deutschland; vor allem aber wird das Verfahren zur Aberkennung der Ehrenbürgerschaft von Walter Buch umgehend eingeleitet. Dies ist notwendig und längst überfällig.

Offene Fragen

Aber Fragen bleiben: Ist vor Christ wirklich kein Verantwortlicher in 70 Jahren Nachkriegsgeschichte auf die Idee gekommen, sich einmal die Liste der Gernsbacher Ehrenbürger genauer anzusehen? Hat niemand etwas gewusst – oder wissen wollen? Was ist mit den früheren Bürgermeistern, also den Amtsvorgängern vor Julian Christ? Haben sie sich zu keinem Zeitpunkt mit der Vita der Ehrenbürger ihrer Stadt befasst? Was ist mit den Gemeinderatsfraktionen, schließlich werden Ehrenbürger ja nicht im Alleingang ernannt? Stehen vielleicht sogar noch weitere Verbrecher auf der Liste?

Klar positioniert

Christ hat es beim Neujahrsempfang an deutlichen Worten nicht mangeln lassen, er hat mit Blick auf die Ehrenbürgerliste nicht um den heißen Brei herumgeredet: „Ein Täter des Dritten Reiches hat unter ihnen nichts zu suchen.“ Unter allen Handlungen und Ankündigungen seiner noch jungen Amtszeit in Gernsbach ragt diese klare Positionierung eindeutig hervor. Chapeau.