Eine unglückliche Figur gab Dominic Körner bei der Bedienung des Scanners ab. Post-Zustellerin Sandro Zarbo nahm die ungewollte Geduldsprobe zunächst mit Humor. Dann griff sie doch lieber selbst zum Gerät. | Foto: Collet

Redakteur am Limit in Forbach

Paketbote im Vorweihnachtsstress

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Raus aus dem Alltag, auf ins Abenteuer lautet das Motto bei „Redakteur am Limit“. Für einen Tag, einige Stunden oder nur wenige Minuten schlüpft Dominic Körner in für ihn ungewohnte Rollen. Am Boden, zu Wasser und in der Luft geht er bis an seine Grenzen. Für die Weihnachtsfolge arbeitet der BNN-Redakteur als Paketbote bei der Post in Forbach.

Paketbote für einen Vormittag

Nach fünf Minuten hat Sandra Zarbo genug: „Wenn wir so weitermachen, liefere ich heute kein Paket mehr aus.“ Unterdessen hat auch ihre letzte Kollegin von der Post in Forbach ihren Wagen beladen und braust davon. Die arme Frau Zarbo muss sich dagegen noch immer gedulden, weil der Paketscanner nicht so will wie ich – und ich anscheinend nicht wie sie.

Mit strengem Blick mahnt sie zur Eile: „Etwas schneller wäre schön.“ Einen Vormittag lang bin ich als Paketbote Aushilfskraft bei der Post und Sandra Zarbo in der stressigen Vorweihnachtszeit vor allem ein Klotz am Bein. Schließlich übernimmt der Profi den Scanner. Wenige Minuten später – ob meines Versagens bin ich noch ein wenig zerknirscht – rollen wir schließlich vom Hof.

150 Pakete am Tag

Unser Ziel ist das beschauliche Hundsbach, wo die Postbotin für viele Kunden fast zur Familie gehört. „Ich liebe meinen Job“, sagt Sandra Zarbo auf der Fahrt in den Höhenortsteil, „man ist an der frischen Luft und kommt unter die Leute.“ Die 44-Jährige ist Teamleiterin in Forbach und selbst für rund 500 Haushalte zuständig. In der Zeit vor dem Fest brummt der Laden. An starken Tagen müssen die einzelnen Postmitarbeiterinnen – das Team besteht ausschließlich aus Frauen – mehr als 150 Pakete zustellen. Zusätzlich zur Briefpost.

Der Boom im Online-Handel trägt seinen Teil dazu bei. „Als ich vor 25 Jahren bei der Post angefangen habe, war ein Paketbote täglich für 50 Päckchen und alle Forbacher Ortsteile zuständig“, erinnert sich Zarbo, „heute sind es fünfmal so viel.“ Einen Groll gegen die Online-Käufer und ihre Bequemlichkeit hegt die Postbotin allerdings nicht. Im Gegenteil: „Ich bestelle selbst gerne im Internet“, gesteht sie lachend.

Plätzchen statt Schneeketten

Kontakt zum Kunden: BNN-Redakteur Dominic Körner (rechts) bei der Paketzustellung in Hundsbach. | Foto: Collet

Als wir Hundsbach erreichen, wird mir ein weiteres Problem klar, das die Paketboten im Winter plagt. Die teils steilen Straßen, Wege und Einfahrten sind vereist, Allrad hat das Postfahrzeug nicht. „Im schlimmsten Fall muss ich für ein paar Meter die Schneeketten aufziehen“, sagt Zarbo, „das ist nervig, aber manchmal geht’s nicht anders.“ Immerhin das bleibt ihr heute erspart. Gemeinsam klappern wir Haus um Haus ab und schnell wird deutlich, wie beliebt die lebenslustige Zustellerin bei ihren Kunden ist. Eine Frau kommt dem Postauto entgegen, um Zarbo die Fahrt über den rutschigen Weg zu ihrem Anwesen zu ersparen. Ein paar Straßen weiter hat ihr eine Bewohnerin Weihnachtsplätzchen vor die Tür gelegt. Zarbo strahlt: „Ist das nicht schön?“  Weniger Freude bereitet ihr der unbeholfene Praktikant der BNN. „Wir sind zeitlich hintendran“, meint Zarbo, als sie mir ein Paket zur Auslieferung an der Eingangstür in die Hand drückt. Ein freundliches Hallo, die Übergabe, eine Unterschrift und eine knappe Verabschiedung – wir müssen weiter.

Fahrräder und Bienen im Paket

Spektakulär, das räumt Zarbo ein, mag ihr Job nicht sein. Aber er sei wichtig, gerade für Menschen, die in dünn besiedelten Gebieten im Nordschwarzwald leben. Die Dienste der Post würden hier besonders rege in Anspruch genommen. Bisweilen ist die Paketzustellung Schwerstarbeit. Zarbo erinnert sich an Pakete mit Matratzen, Fahrrädern und Sperrholz. Für Tierliebhaber liefert die Gaggenauerin auch schon mal Lebendpost aus, etwa Grillen als Leguan-Futter oder Bienenköniginnen zur Zucht.

Nackte Tatsachen an der Tür

„Es gibt fast nichts, was es nicht gibt“, sagt Zarbo, auch mit Blick auf manches Abenteuer an der Haustür. Vom klassischen Postbotenschreck, dem gereizten Kläffer, der nach ihrem Arm schnappte, bis hin zu kuriosen Anekdoten. „Eine Frau hat einem Kollegen einmal nackt die Tür geöffnet, weil sie mit ihrem Mann gerechnet hatte“, erzählt Zarbo schmunzelnd. „Nachdem sie ihren Irrtum bemerkt hatte, schlug sie dem Boten hektisch die Tür vor der Nase zu. Dabei ging dessen Brille kaputt.“

Ich habe mich zu Hause für heute Abend abgemeldet.

Mein Einsatz in Hundsbach bleibt ohne Zwischenfälle. Die Menschen sind nett, freuen sich über ihre Post und nehmen sich ein wenig Zeit für einen kurzen Plausch an der Türschwelle. Nach drei Stunden ist für mich Schluss und mich beschleicht das Gefühl, Sandra Zarbo ist darüber nicht unglücklich. Ihr Fazit: „Das Einscannen war nix. Und insgesamt habe ich mittlerweile eine Stunde verloren.“ Offenbar hatte sie schon eine Vorahnung. Lachend sagt Zarbo: „Ich habe mich zu Hause für heute Abend abgemeldet.“ Mich ist die Postbotin nun los. Der Stress des Weihnachtsgeschäfts aber begleitet sie noch bis zum Fest.