Heroin war zwischenzeitlich die Hauptdroge von Maja S.
Heroin war zwischenzeitlich die Hauptdroge von Maja S. | Foto: Peter Steffen/dpa

Gaggenau

Patientin der Rehaklinik Freiolsheim über ihre Drogensucht: „Das ging dann so weit, dass ich tatsächlich auch auf den Strich musste“

Anzeige

Drogensucht ist kein Thema, über das Betroffene leichthin sprechen. Zwei Patienten der Rehaklinik in Freiolsheim haben sich trotzdem bereit erklärt, über ihren Weg in die Sucht zu sprechen, über ihr Leben mit Drogen – und ihre Entscheidung, sich in Therapie zu begeben. Hier ist das ausführliche Interview mit Maja S. (22) (Name geändert).

Die Rehaklinik in Freiolsheim hat sich der medizinischen und sozialen Rehabilitation drogen- und mehrfachabhängiger Menschen verschrieben. Von welcher Abhängigkeit wollen Sie sich befreien?

Maja S.: Ich habe mit 14 angefangen zu trinken und seitdem eigentlich so ziemlich jede Droge außer Crystal Meth und „Krokodil“ (das Opiod Desomorphin, Anmerkung der Redaktion) durch.

Mit 16 angefangen zu kiffen, mit 17 chemische Drogen und mit 19 dann heroinabhängig geworden. Das letzte halbe Jahr, bevor ich auf Therapie kam, kam noch Kokain intravenös dazu. Man sagt „polytox“ dazu, aber Heroin und Koks waren meine Hauptdrogen.

Man versucht, sich selbst zu heilen mit den Drogen

Maja S. über die Gründe ihrer Drogensucht

Was war Ihr Weg in die Sucht?

Ich hatte schon sehr früh Interesse dran, einfach durch Musik und Pop-Kultur. Diese ganzen Hippie-Sachen. Janis Joplin und Jimmy Hendrix waren’s. Die Prävention in der Schule hat auch das Gegenteil bewirkt. Ein paar Jahre später kam dann ein falscher Umgang. Freunde, die konsumieren, wo ich dann ziemlich schnell Gefallen dran gefunden habe.

Nur weil’s cool ist, macht man das nicht einfach so, vor allem so eine junge Person nicht. Ich denke, fehlendes oder mangelndes Selbstwertgefühl wird ein Grund gewesen sein, später auch Depressionen. Und das wird dann zum Teufelskreis. Man versucht, sich selbst zu heilen mit den Drogen.

Kreativität und auch Coolness wird mit ein Faktor gewesen sein, nicht so schüchtern sein müssen. Ja, dazugehören. In der Schule hatte ich nicht wirklich Freunde. Da kam es mir echt gelegen, dass andere Außenseiter auf mich zukamen, mich gefragt haben: Hey, willst du Einen kiffen in der Pause? – Ja, klar!

Wenn du eh schon dieses Narrativ verinnerlicht hast, dass Drogen cool sind und dass es dir damit besser geht, dass du kreativer sein kannst, wenn du einfach nur das Zeug nimmst, dann machst du es natürlich. Besonders, wenn du 15 bist. Und nicht wirklich viel Glauben an die Welt hast.

Das ging dann so weit, dass ich tatsächlich auch auf den Strich musste für einige Monate

Maja S. über die schlimmen Konsequenzen ihrer Drogensucht

Mehr zum Thema: Alkohol, Kokain und Co.: Wie viele Patienten der Rehaklinik Freiolsheim welche Abhängigkeiten haben

Was hat die Abhängigkeit für Ihren Alltag bedeutet?

Am Anfang – Superkräfte! Vor allem, wo ich angefangen habe, Heroin zu nehmen. Ich schlafe besser, ich bin ausgeglichener, ruhiger, kreativer. Ich habe die schönsten Texte geschrieben. Die schönsten Bilder gemalt. Ich bin durch meinen Ex-Freund auf Heroin gekommen. Ich konnte besser arbeiten, ich habe damals FSJ gemacht mit Behinderten. Ich wusste, wenn ich nach Hause komme, zieh‘ ich ’ne Nase und dann kann ich chillen. War cool damals. Aber hält halt nicht lange an.

Ich habe dann angefangen, auf eine Kunstschule zu gehen. Ich bin schon nach einigen Wochen nur noch sehr sporadisch hingegangen, weil die Geldsorgen anfingen und auch der körperliche Entzug sich einstellte. Ich hatte auch nicht die Zeit dazu, wegen Beschaffungsfragen. Ich muss dauernd hinfahren, um mir Zeug zu holen, ich habe aber kein Geld, wie komme ich an Geld, … – Stress einfach!

Am schlimmsten war’s, als ich keine Arbeit hatte für drei Monate. Da kamen noch Depressionen hinzu, weil ich das Gefühl hatte, dass ich einfach keinen Zweck habe auf der Welt. Schlechte Beziehung mit den Eltern, weil die wussten: Irgendwas stimmt da nicht, wieso geht die nicht arbeiten? Wieso macht sie keine Ausbildung oder ihr Studium? Schlechte Beziehung mit dem Freund, weil: Beides Junkies. Das gibt auf relativ kurze Sicht schon viel Stress.

Meine Eltern haben das ungefähr ein Jahr lang echt nicht gewusst. Es kam dadurch raus, dass mein Ex-Freund uns beklaut hat, als ich schon an der Kunstschule war. Er hat sich die Kreditkartendaten abgegriffen und sich Geld geschickt. Und ich habe mich trotzdem nicht von ihm getrennt.

Zwischenzeitlich hatte ich dann wieder Arbeit, halt in Teilzeit. Das habe ich bis kurz vor der Therapie gemacht. Das Geld hat halt trotzdem nicht gereicht.

Das ging dann so weit, dass ich tatsächlich auch auf den Strich musste für einige Monate. Als das Koksen anfing, die letzten Monate vor der Therapie, habe ich keinen anderen Ausweg gewusst. Ich wollte nicht klauen, ich kann nicht klauen. Ich habe mir dann gedacht: Okay, gibt es einen Weg, das möglichst wenig eklig zu machen? Ja, schon. Ok, dann machen wir’s so.

Ich habe das gar nicht gecheckt in dem Zustand. Es wurde mir erst bewusst, was ich mit mir gemacht hab, als ich schon auf Therapie war. Das musste ich dann auch erst mal sacken lassen.

Ich habe schon davor immer mal wieder getragene Socken und Unterwäsche verkauft. Teilweise kommen die Leute einfach auf Facebook auf Einen zu mit Fake-Name und fragen Einen das.

Ich habe dann eine Internetseite gefunden, da mein Inserat hochgeladen, und hatte dann am Tag 300 Messages. Konnte mir dann also ziemlich einfach aussuchen, mit wem ich mich treffe. Hol mich da und da ab, okay, wir machen dies und das, so und so viel kriege ich dafür. So einfach. Es ist eigentlich echt erschreckend, wie einfach das geht.

Mehr zum Thema: Rehaklinik-Leiter in Freiolsheim: Nächster Trend auf dem Drogenmarkt sind Schmerz- und Schlafmittel

Hatten Sie da keine Angst?

Ich hatte immer einen Kollegen, der eingeweiht war. Ein etwas älterer Freund, der immer Bescheid wusste: Ich bin da und da. Wenn ich mich da und da nicht melde, dann ist irgendwas passiert, ruf mich dann an.

Therapie statt Gefängnisstrafe

Woran haben Sie erkannt, dass bei Ihnen etwas schief lief?

Dass es nicht mehr lange so weiter geht, wusste ich eigentlich die ganze Zeit schon. 2018 wurde ich im Zug erwischt, auf dem Rückweg vom Drogenkaufen, mit meinem Ex zusammen. Da kamen Beamte, haben uns kontrolliert. Im Mülleimer neben uns unser ganzes Zeug. Es wäre nichts passiert, hätte der Polizist nicht was vom Boden aufgehoben und es in genau diesen Mülleimer reingeworfen.

Ungefähr ein Jahr später – so lange haben sie sich tatsächlich Zeit gelassen, ein Jahr in dem noch einiges passieren konnte – habe ich dann das Urteil bekommen: Therapie statt Strafe. Darauf habe ich hin verhandelt, weil ich einfach nicht in den Knast wollte. Und wohl auch selber wusste, dass ich nicht mehr lange so mitmache. Hat dann noch gut acht Monate gedauert, bis ich tatsächlich hier aufgenommen wurde.

Ich habe meinen Ex zweimal überdosieren sehen und hab’s gerade so geschafft, ihn zurückzuholen

Maja S.

Die Fachklinik in Freiolsheim bietet nach ihrem eigenen Verständnis viele Freiheiten, ist aber zugleich ein strenges Haus. Wer einen Rückfall hat, fliegt. Warum haben Sie sich diese Klinik ausgesucht?

Mein Ex hat’s mir empfohlen, viele Freunde von ihm auch. Ich hab’s mir hier angeschaut, dachte mir: Sieht eigentlich ganz nett aus.

Ich habe gewusst, ich mach’s nicht mehr lange. Ich habe meinen Ex zweimal überdosieren sehen und hab’s gerade so geschafft, ihn zurückzuholen. Und trotzdem: Irgendwie noch so ein Widerwille in mir. [Hält inne.] Also, ich wusste einfach nicht, wie ich das packen soll nüchtern. Ich bin letztlich echt glücklich darüber, dass ich mich drauf eingelassen habe.

Ich fand’s gut, dass Heimfahrten hier eher die Ausnahme sind. Ich glaube, ich hätte es nicht geschafft, wenn ich zurück wäre zum Besuch. Ich habe ja in wahrscheinlich jeder Ecke dort schon konsumiert.

Auch dass sie ohne Rückfall arbeiten, war für mich tatsächlich ein Pluspunkt. Schaffe ich es echt mal, sechs Monate clean zu bleiben? Man hat mich auch echt gut hier aufgenommen, war sehr wohlwollend mit mir. Am Anfang habe ich mich echt gegen die ganzen Regeln gesträubt.

Ich habe meine Therapie verlängert. Ich hätte das niemals gedacht. Mein Gedanke am Anfang war: Schauen wir mal, wie’s wird. Aber unterdessen habe ich echt wieder Zukunftspläne aufgebaut. Ich will da nicht zurück. Also, in das Leben, das ich vor der Therapie gelebt habe.

Natürlich, Suchtgedanken hat man trotzdem immer wieder mal. Ich glaube, es ist niemandem hier fremd, dass man sich denkt: Jetzt was zu konsumieren wäre … geil. Jetzt Einen rauchen oder jetzt einen schönen Schuss setzen. Wir sind halt süchtig. Konsumieren wäre halt einfach. Sich nüchtern den Sachen stellen … eher nicht so.

Mittlerweile stehen meine Eltern echt hinter mir. Kein Vergleich dazu, wie es zugegangen ist bei uns zuhause. Es war echt Krieg teilweise

Maja S. über die Auswirkungen der Drogensucht auf ihre Familie

Was motiviert Sie, am Ball zu bleiben? Was erhoffen Sie sich für die Zukunft?

Tatsächlich: Zukunftsängste sind echt so ein Ding, das mich immer wieder runterzieht und auch zu Suchtgedanken bringt. Ich habe mir die spätere Zukunft aufgeschoben auf die Adaptionseinrichtung in Lahr. Um mich jetzt einfach nicht zu überfordern. Ich kann hier ja auch gar nicht mal so viel machen.

Mittlerweile stehen meine Eltern echt hinter mir. Kein Vergleich dazu, wie es zugegangen ist bei uns zuhause. Es war echt Krieg teilweise. Als Eltern ist man ziemlich machtlos. Man will dem Kind helfen, das Richtige tun – und die meisten Eltern versagen dabei auf voller Linie und unterstützen die Sucht eher noch.

Wir haben vereinbart, dass ich die Stadt am besten ganz meiden werde, außer vielleicht mal für einen Besuch. Es ist halt schon ein Risiko.

Mehr zum Thema: Zum zweiten Mal in Drogen-Reha: Ein Patient berichtet

Ich will mir einfach was ganz Neues aufbauen, in einer neuen Stadt mit neuen Leuten. Ein Studium oder eine Ausbildung anfangen. Ich will schon in Richtung Soziales bleiben, aber mit Jugendlichen, also Familienhilfe oder halt Jugend- und Heimerzieher. Den Wunsch hatte ich tatsächlich schon früher. Ich hatte eine Familienhilfe, mit 16, 17, die mir viel geholfen hat.

Ich habe mir gedacht, wenn ich das mache, kann ich der Gesellschaft was zurückgeben. Wenn’s nur Eine ist. Auch so ein 16-jähriges Mädchen wie mich davon abhalten, genau da zu landen, wo ich gelandet bin.

Wenn ich hier mit der Therapie fertig bin, geht‘s in die Adaptionseinrichtung nach Lahr. Vier Monate. Werde da wahrscheinlich ein Praktikum machen, hoffentlich in diese Richtung gehend. Und dann schaue ich mal.

Aber auf jeden Fall einfach nicht mehr dahin zurück. Neue Leute kennenlernen. Eine Beziehung führen, in der ich nicht immer misstrauisch sein muss, ob ich meinem Partner jetzt glauben kann oder ob er einfach nur darauf aus ist, mich abzuziehen.

Vielleicht auch selber irgendwann eine Familie haben. Aber da mache ich mir Gedanken drum, weil – [zögert] – wenn mein Kind so wird wie ich, weiß ich auch nicht. Ist eine Idee für spätere Jahre, ich bin gerade 22.

Aber ja, was motiviert mich, am Ball zu bleiben? Ein gutes Leben führen.