Langer Leerstand: Die verfallenen Gebäude auf dem Pfleiderer-Areal werden voraussichtlich im kommenden Winter für das dort geplante Bauvorhaben abgerissen. Unklar ist, ob sie Fledermäusen im Sommer als Wochenstube dienen. Deshalb muss vor dem Rückbau zunächst der Nachweis erbracht werden, dass die Tiere ihre Ausweichquartiere annehmen. | Foto: Körner

Winzling mit großer Wirkung

Pfleiderer-Areal: Gernsbacher Jahrhundert­projekt hängt an der Fledermaus

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Die Neugestaltung des Pfleiderer-Areals hängt an einem Winzling: Kaum größer als ein Feuerzeug, kann die Zwergfledermaus Investoren und Stadtplanern das Leben schwer machen. Für die Industriebrache gilt: Nimmt der kleine Segler die von Fachleuten installierten Nistkästen nicht an, steht das gesamte Projekt auf der Kippe. „Dann haben wir ein großes Problem“, räumt Uwe Reinhard von der Investorengruppe Krause ein. Spielt die Fledermaus hingegen mit, könnten bereits im kommenden Winter die Bagger anrollen. Mit einem Baubeginn rechnet Reinhard nicht vor der zweiten Jahreshälfte 2020. (mit Kommentar)

Bei einer Ortsbegehung auf dem Pfleiderer-Areal gewährten der Investorenvertreter und Gutachter den BNN einen Einblick in die Planungen für das Gernsbacher Jahrhundertprojekt. „Wir investieren viel Zeit und Geld in diesen Standort“, erklärt Reinhard mit Blick auf die nunmehr fünfjährigen Vorbereitungen, „allein die Gutachten und Untersuchungen auf dem Gelände kosten rund 300.000 Euro.“

Das ist das Risiko eines Investors.

Dabei ist keineswegs gesichert, dass ein Investment auch Rendite bringt. Laut Reinhard scheitern sieben von zehn Projekten noch vor dem ersten Baggerbiss. Weil sie sich als unwirtschaftlich erweisen oder strenge Artenschutzauflagen den Planern einen Strich durch die Rechnung machen: „Das ist das Risiko eines Investors.“

Nehmen Fledermäuse Nistkästen an?

Der Bebauung des Pfleiderer-Areals steht nach Ansicht der Experten (eigentlich) nichts im Wege – wäre da nicht die Fledermaus. „Der Nachweis, dass die Tiere ihre Nistkästen annehmen, ist eine zwingende Voraussetzung für das Projekt“, betont Peter Beck. Der Gutachter der Firma Ökologie & Stadtentwicklung mit Sitz in Darmstadt hat das Pfleiderer-Areal im Spätsommer 2018 auf Fledermaus-Vorkommen untersucht. Ergebnis: Das Gelände ist ein Tummelplatz der segelnden Säuger.

An drei Standorten erfassten sogenannte „Batcorder“ zwischen August und Oktober insgesamt 54.000 Rufe, die allermeisten von der Zwergfledermaus. „Das bedeutet nicht, dass hier so viele Tiere leben“, erklärt Beck, schließlich würden die Signale einzelner Fledermäuse mehrfach aufgezeichnet: „Aber wir wissen, dass sie zahlreich vorkommen.“


Nachweis ist Voraussetzung für Abriss

Möglicherweise nutzen die Fledermäuse die verwinkelten und daher schwer einsehbaren Werkshallen im Sommer als Wochenstube zur Geburt ihres Nachwuchses. Deshalb muss vor ihrem Abriss nachgewiesen werden, dass die Tiere ihr Ersatzquartier annehmen. Zu diesem Zweck installieren Beck und Kollegen bis Juni Nistkästen für mehr als 1 000 Exemplare an Bäumen am Murgufer.

Erfahrener Experte: Peter Beck mit einem Nistkasten, der als Wochenstube für Fledermäuse dienen soll. | Foto: Körner

Einen Haken gibt es: „Die Fledermäuse haben wenig Antrieb, eine neue Wochenstube zu suchen, weil die alten Gebäude dann noch stehen“, erklärt der Experte. Er sei dennoch „optimistisch, dass der Nachweis gelingt.“ Falls nicht, müsse man in Kooperation mit der Naturschutzbehörde und Naturschutzverbänden „über eine Alternative nachdenken.“ Wie diese aussehen könnte, sei heute schwer zu sagen.

Keine Genehmigung für Sommer

Im Sommer dürfen die Gebäude nicht abgerissen werden – es gilt das Tötungsverbot. „Eine Ausnahmegenehmigung habe ich noch nie erlebt“, sagt Beck. In der kalten Jahreszeit ist der Rückbau dagegen zulässig. Man habe keine Hinweise gefunden, dass die Tiere auf dem Pfleiderer-Areal überwintern, berichtet der Geograf: „Die Zwergfledermäuse ziehen nach Süden, und für andere Arten bieten die Hallen keinen ausreichenden Frostschutz.“

Geschützte Arten auf dem Pfleiderer-Areal

Dennoch sind die Auswirkungen des Bauvorhabens auf die Fauna und damit einhergehende Ausgleichsmaßnahmen nicht zu unterschätzen. Unter anderem müssen auf dem Gelände Mauereidechsen eingefangen und umgesiedelt werden. Nach Schätzungen von Christoph Artmeyer (Fachbüro arguplan) handelt es sich um rund 50 Exemplare, für die am Galgeneck ein Ersatzlebensraum aufgeschüttet wird. Zudem hat der Gernsbacher Naturschützer und Gemeinderat Stefan Eisenbarth laut eigener Aussage an der Murg am Pfleiderer-Areal den streng geschützten Eisvogel gesichtet. Wenn dort, wie für die Bauarbeiten vorgesehen, Gehölz entfernt werde, verliere er Ansitzmöglichkeiten für die Jagd, so Eisenbarth.

Bei der Wirtschaftlichkeit gibt es eine Schmerzgrenze.

Uwe Reinhard hält die Revitalisierung der Brache trotz aller Hindernisse für ein „spannendes Projekt“. Jedoch werde es viele Jahre dauern, bis sich die Investitionen für die Krause-Gruppe auszahlen. Für Voruntersuchungen, Gutachten, den Grundstückserwerb und die Bauarbeiten nehme man voraussichtlich rund zehn Millionen Euro in die Hand. Erträge durch Grundstücksverkäufe und Mieten sind erst mittelfristig zu erwarten. Reinhard: „Bei der Wirtschaftlichkeit gibt es eine Schmerzgrenze.“

Verwinkelte Gebäude: Der Hohlraum unter der Deckenverkleidung in den alten Hallen ist schlecht einsehbar. Dort könnten Fledermäuse leben. | Foto: Körner

Keine Angaben will der Projektentwickler zum Vollsortimenter machen, der sich auf dem Areal niederlassen wird. Wie berichtet, hatten Edeka und Rewe Interesse am Standort bekundet. Wer den Zuschlag erhält, steht laut Reinhard bereits fest. Das Verhandlungsergebnis wolle er aber erst dann kommunizieren, „wenn die Sache in trockenen Tüchern ist.“ Das heißt: Wenn der Gemeinderat – vermutlich in den kommenden Monaten – den Bebauungsplan als Satzung beschlossen hat.

 

Kommentar
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Tierische Probleme

Kommen sich Artenschutz und Bauprojekte ins Gehege, wird es für Investoren und Planer mitunter haarig. In Nordrhein-Westfalen musste RWE Kraftwerkspläne wegen des Feldhamsters begraben. In Frankfurt verzögerte sich der Bau einer Flughafen-Halle, weil für Hirschkäfer-Larven Baumstümpfe versetzt wurden. Und in Gernsbach? Scheitert die Neugestaltung des Pfleiderer-Areals am Ende an der Zwergfledermaus?
Eines vorweg: Experten rechnen nicht damit. Sie sind guter Dinge, dass der Winzling die für ihn installierten Nistkästen als Ausweichquartier annimmt – eine zwingende Voraussetzung für den Abriss der alten Werkshallen. Gelingt es indes nicht, den Tieren ihre neuen Wochenstuben mit Murgblick schmackhaft zu machen, gerät das Projekt ins Wanken. Die Geschichte des Pfleiderer-Areals wäre dann um ein (kurioses) Kapitel reicher.

Artenschutz hat Berechtigung

Sicher: Der Artenschutz treibt bisweilen seltsame Blüten. Und man ist versucht, ungläubig mit dem Kopf zu schütteln, wenn seinetwegen Millionenprojekte auf Eis gelegt werden. Aber er hat, gerade in der Bauplanung, seine Berechtigung. Nach Angaben des Bundesamtes für Naturschutz ist jede dritte Art in Deutschland gefährdet – ihr Aussterben könnte das Ökosystem in Schieflage bringen. Wollen wir das? Nein, denn der Mensch trägt gegenüber der Natur eine moralische Verantwortung. Behörden und Verbänden kommt die wichtige Rolle eines Korrektivs zu: Sie müssen Bauherren bei ihrer Arbeit genau auf die Finger schauen, um Naturschutzsünden im Vorfeld einen Riegel vorzuschieben.

Frage der Verhältnismäßigkeit

Letztlich aber muss immer die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden. Wird ein Großprojekt, von dessen Realisierung die Allgemeinheit profitieren würde, zugunsten einer streng geschützten Grille gekippt, ist das der Öffentlichkeit nur schwer vermittelbar.

Sinnvolle Nutzung

In Gernsbach kommt hinzu: Zur Zeit seiner letzten Nutzung als Produktionsstätte für Betonschwellen stand das Pfleiderer-Areal sicher nicht für unberührte Natur. Sie hat das Gelände erst nach jahrelangem Leerstand zurückerobert. Der Vergleich mit einer grünen Wiese, die aus Profitgier blindlings zubetoniert wird, verbietet sich also. In den kommenden Jahren soll die Brache nun wieder einer sinnvollen Nutzung zugeführt werden – und das wird hoffentlich nicht am Artenschutz scheitern.