Sichtbarer Protest: Die Bürgerinitiative Giftfreies Gernsbach (BIGG) setzte sich vor Beginn der Gemeinderatssitzung einmal mehr für eine vollständige Entgiftung des Pfleiderer-Areal ein. Über dieses Thema wird in der Papiermacher-Stadt seit vielen Jahren kontrovers diskutiert.

Beschluss im Gemeinderat

Pfleiderer-Areal: Hitzige Debatte vor vollem Haus

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Der Gemeinderat Gernsbach hat die Aufstellung des Bebauungsplans „Im Wörthgarten“ beschlossen. Er betrifft die umstrittene Neugestaltung des Pfleiderer-Areals. 18 Gemeinderäte votierten für den Aufstellungsbeschluss, elf dagegen – darunter die Grünen und die CDU mit Ausnahme von Friedebert Keck.

Protest vor dem Rathaus

Bereits vor der Gemeinderatssitzung hatten knapp 100 Menschen – organisiert von der Bürgerinitiative Giftfreies Gernsbach (BIGG) – vor dem Rathaus gegen die Pläne der Stadt und des Investors Krause-Gruppe protestiert. Strittig ist vor allem die Entgiftung des unter anderem mit Arsen und Quecksilber belasteten Erdreichs.

Emotionale Debatte

Das Bürgerinteresse war derart groß, dass der Gernsbacher Ratssaal aus allen Nähten platzte.
Nachdem Bürgermeister Julian Christ eine städtebauliche Skizze zur Neugestaltung des Areals vorgestellt hatte, entwickelte sich eine emotional geführte Diskussion mit den bekannten Positionen. Die CDU lehnte die Aufstellung des Bebauungsplans mehrheitlich mit der Begründung ab, man kaufe die „Katze im Sack“ (Sylvia Felder). Zwar hatte die Krause-Gruppe eingewilligt, die Altlasten für bis zu 4,5 Millionen Euro „weitestgehend zu sanieren“.

Wir wissen nicht, was genau saniert wird.

Die Formulierung „weitestgehend“ war indes vor allem den Christdemokraten zu schwammig: „Wir wissen nicht, was genau saniert wird“, betonte Felder. Auch das von der Krause-Gruppe angepriesene „grüne Tor zur Stadt“ konnte sie auf der Visualisierung nicht ausmachen. Beate Benning-Groß (Grüne) erklärte, sie sei „nicht davon überzeugt“, dass Gernsbach die auf dem Pfleiderer-Areal vorgesehenen Lebensmittelmärkte brauche. Sie befürchtet durch sie zudem ein erhöhtes Verkehrsaufkommen durch neue Großmärkte. Mit Blick auf Bürgermeister Julian Christ kritisierte Benning-Groß, sie habe den Eindruck, es würden „an den Bürgern vorbei Tatsachen geschaffen.“

Rückenwind von Freien Bürgern und SPD

SPD und die Freie Bürger sind sich dagegen darin einig, dass es ein „Signal an den Investor“ benötige, wie Uwe Meyer (Freie Bürger) und Irene Schneid-Horn (SPD) erklärten. „Wir möchten Entwicklung, keinen Stillstand“, betonte Schneid-Horn. Wenn sich jetzt nichts tue, „dann auch nicht die nächsten 15 bis 20 Jahre.“

Mischkonzept geplant

Auf dem Pfleiderer-Areal wollen die Stadt Gernsbach und der Investor Krause-Gruppe in den kommenden Jahren Wohnbebauung, Naherholung und Nahversorgung vereinen. Auf dem 25 000 Quadratmeter großen Grundstück sollen „bezahlbarer Wohnraum“, eine Einrichtung für betreutes Wohnen, Parkflächen und ein Kinderspielplatz entstehen. Mit einem Steg für Fußgänger und Radfahrer über die Murg will die Stadtverwaltung das neu gestaltete Pfleiderer-Areal und die Altstadt miteinander verbinden. Auch die Ansiedlung eines Vollsortimenters – im Gespräch sind Edeka und Rewe – ist geplant. Christ spricht sich zudem für den Umzug des Lidl-Marktes von der Nordstadt auf das Pfleiderer-Areal aus. Er hatte deshalb die vom Gemeinderat bereits abgesegnete Erweiterung der Verkaufsflächen von Aldi und Rewe in der Schwarzwaldstraße auf Eis gelegt.

Kommentar
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Verhärtete Fronten

Mit der Niederschrift der Gemeinderatsdebatten zum Pfleiderer-Areal ließe sich ein Buch füllen – und seit Montag wäre es um ein Kapitel reicher. In einer emotionsgeladenen Sitzung hat das Gremium den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan gefasst. Überraschend kam das Votum nicht: Letztlich nutzten die Befürworter der von Bürgermeister Julian Christ favorisierten Neugestaltung ihr Stimmenübergewicht, um einem der umstrittensten Projekte der Stadtgeschichte den Weg zu ebnen: der Realisierung von Wohnbau und Nahversorgung auf belastetem Boden.

Katze im Sack

Denn nichts anderes bedeutet der Gemeinderatsbeschluss nach heutigem Wissensstand. Zwar hat sich die Krause-Gruppe dazu verpflichtet, das Filetstück für bis zu 4,5 Millionen Euro weitgehend zu entgiften. Da indes die Kosten für eine vollständige Sanierung in bisherigen Gutachten auf elf bis 24 Millionen Euro beziffert wurden, liegt die Prognose nahe, dass nicht alle Altlasten – wenn überhaupt ihr größter Teil – aus dem Erdreich geräumt werden. Noch immer existieren unterschiedliche Auffassungen darüber, ob eine Komplettsanierung für eine künftige Bebauung überhaupt notwendig ist. Die CDU hat sich klar dafür ausgesprochen. Vor diesem Hintergrund ist das Veto der Christdemokraten der einzig logische Schritt: Wie soll man ein Projekt absegnen, wenn man nicht weiß, was man bekommt?

Schwierige Investorensuche

Gleichwohl dürfte es kaum gelingen, einen Investor zu gewinnen, der eine Sanierung im zweistelligen Millionenbereich stemmt. Nachvollziehbar daher, dass SPD und Freie Wähler mit dem Gemeinderatsbeschluss Bewegung in die festgefahrene Angelegenheit bringen wollen. Die sinnvollste Variante ist, wie so oft, auch die kostspieligste: Die Stadt müsste das Grundstück erwerben und in Eigenregie sanieren lassen. Diese Option ist nun endgültig vom Tisch. So bleibt mit dem Blick auf die kommenden Generationen zu hoffen, dass der Gemeinderat die richtige Entscheidung getroffen hat – und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit im Gremium wieder möglich ist. Derzeit scheinen die Fronten verhärtet.