Werkstore geschlossen, die Produktion steht still: Die IG Metall hatte unter anderem an den Daimler-Standorten, wie hier in Gaggenau, zum 24-Stunden-Streik aufgerufen. | Foto: Collet

24-Stunden-Streik

Produktion in Benz-Werken Rastatt und Gaggenau steht still

Anzeige

„Streiken kann auch Spaß machen“, lacht einer der IG Metall-Vertrauensleute. Die Stimmung im Zelt an Tor eins in der Gaggenauer Hauptstraße ist aufgeräumt, denn das Streikziel – das zeichnet sich bereits am Freitagvormittag ab – ist erreicht. Die Produktion ruht in den Mercedes-Benz-Werken Gaggenau und Rastatt sowie beim Daimler-Zulieferer Antolin in Rastatt. Die Gewerkschaft hatte vor dem Hintergrund der festgefahrenen Tarifverhandlungen erstmals in ihrer Historie zum 24-Stunden-Streik aufgerufen. Von Freitagmorgen, sechs Uhr, bis Samstagfrüh, sechs Uhr, stehen die Bänder „im Benz“ still. Eine Kundgebung findet nicht statt, die meisten Beschäftigten bleiben einfach Zuhause.

„Richtig gute Stimmung“

Am frühen Freitagabend zieht Claudia Peter, Erste Bevollmächtigte der IG Metall Gaggenau, in einer Pressekonferenz eine erste Bilanz: Rund 13000 Beschäftigte waren in den drei Werken zum Streik aufgerufen, „keine 50 wollten unbedingt arbeiten“. Peter spricht von einer „richtig guten Stimmung“ und einem „durchschlagenden Erfolg“.

Grillen an Tor eins

Streiken kann Spaß machen – vor Tor eins am Werk in Rastatt ist dies besonders augenfällig: Ein Grill ist aufgebaut worden, 50 Kilogramm Grillgut liegen bereit, weiße und rote Würste, Steaks und Putenfleisch warten auf Abnehmer. In den Zelten der Streikposten ist der Platz am Heizpilz sehr beliebt: Es ist frisch draußen. Streiken kann Spaß machen – zum kleinen „Streikfest“ mit Musik herrscht am frühen Abend gute Stimmung an Tor eins in Gaggenau, zufrieden kann Bilanz gezogen werden. Die Gewerkschaft hatte mit generalstabsmäßiger Vorbereitung darauf hingearbeitet, dass das Streikziel erreicht wird. Das begann bei der Einteilung der Streikposten an den Werkstoren und hörte mit der Beschaffung der Zelte samt Inventar oder der Organisation der Riesen-Kaffeekannen nicht auf.

Eingangstore zugesperrt

Die Eingangstore an den Werken sind entweder mit einer Kette zugesperrt oder personell mit Betriebsräten und Vertrauensleuten bestückt, was bedeutet: Wer hier rein will, wird von den Streikposten angesprochen, muss diskutieren. Von der Arbeit abgehalten wird aber niemand. „Nur eine Handvoll ist reingegangen“, freut sich Daimler-Betriebsrat Thomas Krieg später an Tor zwei im Benz-Werk Gaggenau, „die Resonanz ist wirklich klasse, auch die Leiharbeiter sind solidarisch“. Wie zur Bestätigung der guten Stimmung und des Streikerfolgs hupt der Lenker eines langsam vorbeifahrenden Pkw, winkt freundlich aus dem geöffneten Fenster.

Werkleiter bei den Streikposten

Freundlich habe sich auch der Werkleiter gezeigt, erzählen die Streikposten an Tor zwei in Gaggenau, Matthias Jurytko habe am Morgen bei ihnen vorbeischaut. Sein Appell: Bitte alle warm anziehen – sein Gedanke war wohl: Wenn am Montag die Produktion wieder aufgenommen wird, sollte es möglichst wenig krankheitsbedingte Ausfälle geben… Hintergrund: Der Krankenstand im Werk Gaggenau liegt im Konzernvergleich über dem Schnitt.

Notbesetzungen sind im Einstz

Die Produktion steht still in Rastatt und Gaggenau; auch die Beschäftigten der Daimler-Gastro beteiligen sich am Ganztagesstreik, das Betriebsrestaurant ist an diesem Freitag geschlossen. Nebenan, im Verwaltungsneubau (Bau 15), sieht man von außen, dass nur in wenigen Büroräumen das Licht brennt. Es gibt aber Ausnahmen: Notbesetzungen sind im Einsatz (und haben von der IG Metall im Vorfeld spezielle Zugangsberechtigungen erhalten), damit Maschinen und Anlagen keinen Schaden erleiden. Fremdfirmen dürfen ihre Instandsetzungsarbeiten im Werk erledigen, auch Werkfeuerwehr und Werkschutz sind im Dienst.

Zwölf Versammlung vorab

Im Mercedes-Benz-Werk Gaggenau hatten Betriebsrat und Gewerkschaft im Vorfeld in insgesamt zwölf Versammlungen (in allen Werkteilen – also Gaggenau, Bad Rotenfels, Kuppenheim und Rastatt – und zu allen Schichten) die Belegschaft zum Stand der Verhandlungen informiert und zum Streik mobilisiert. Das Votum für den 24-Stunden-Ausstand sei „nahezu einstimmig“ ausgefallen, sagt Betriebsrat Udo Roth.