Frühe Indoktrination: Die Hitlerjugend war ein Veranstalter des Reichsberufswettkampfes, der zwischen 1934 und 1939 stattfand. Dieses Foto zeigt sie singend bei einem Umzug in der Gaggenauer Schillerstraße. | Foto: Archiv pr

Gernsbacher NS-Akten

Reichsberufswettkampf wurde zur Propaganda genutzt

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Gernsbach war eine Hochburg der Nationalsozialisten. Davon zeugen tausende Seiten NS-Akten, die Stadtarchivar Wolfgang Froese seit Monaten auswertet. BNN-Redakteur Dominic Körner hat einen Blick ins Archiv geworfen und berichtet in einer dreiteiligen Serie über den Nationalsozialismus in der Papiermacherstadt. Heute Teil 3: Der Reichsberufswettkampf.

Wie wasche ich meine Strümpfe? Warum sollen in Deutschland nur erbgesunde Menschen heiraten? Wie packe ich ein Geburtstagsgeschenk? Wozu brauchen wir eine starke Wehrmacht? Kaum vorstellbar, aber alle vier Fragen sind Bestandteil der Prüfungen im Reichsberufswettkampf 1936. Organisiert von der Deutschen Arbeitsfront, der Hitlerjugend und dem Nationalsozialistischen Studentenbund, nehmen Jugendliche aller Berufe und Betriebe am Leistungswettbewerb teil.

Unterlagen im Gernsbacher Stadtarchiv

Er umfasst vier Themenfelder: berufliche Praxis, berufliche Theorie, weltanschauliche Schulung und für Mädchen zusätzlich Hauswirtschaft. Den Nationalsozialisten bietet er die Möglichkeit, den Ausbildungsstand aller Teilnehmer zentral zu überprüfen. Einige Prüfungsunterlagen finden sich noch heute im Gernsbacher Stadtarchiv.

Weltanschauung spielte große Rolle

Überschrieben mit „Allgemeine hauswirtschaftliche Aufgaben für Mädel“, werden Fragen für die verschiedenen Altersklassen der Ausbildungsgruppe Handel gelistet. Darunter: Warum muss ich meinen Körper ertüchtigen? Wer ist der Oberbefehlshaber der Wehrmacht? Und: Warum muss auch das Mädel nationalsozialistisch erzogen werden? Aufsatzthemen sind: Welche Maßnahmen sind zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit vorgesehen? Wie möchte ich die Forderung „Schönheit der Arbeit“ an meinem Arbeitsplatz in die Tat um setzen?

Haushälterische Aufgaben

Das Prüfungsblatt komplettieren haushälterische Aufgaben. Die 17- bis 18-Jährigen müssen eine Tasche nähen, die Älteren eine Graupensuppe mit Suppengrün kochen. Der motivierende Begleittext: „Deutsches Mädel! Zum dritten Male rufen dich Arbeitsfront und Hitlerjugend zum Reichsberufswettkampf auf. Du beweist mit deiner Teilnahme, dass du den Willen hast, deine Leistung unter Beweis zu stellen.“ Und weiter: „Der Erfolg soll deine Freude sein und deine Ehre das Bewusstsein, dass du ein tüchtiges Mädel bist, das für sein Volk etwas Rechtes leisten kann.“

Fragen zu Hitler und Nürnberger Gesetzen

Die männliche Jugend muss Fragen nach der Rolle des Führers und den Nürnberger Rassegesetzen beantworten. Etwa: Warum ist die nationalsozialistische Bewegung undenkbar ohne die Person des Führers? Inwiefern hat das Weltkriegserlebnis des Führers die nationalsozialistische Lehre beeinflusst?
Den BNN liegen Wettkampfergebnisse aus Gernsbach vor. Bei den Hausgehilfen fallen sie, zumindest in der Weltanschauung, mäßig aus: Mit zehn Punkten verfehlt selbst der beste Prüfling die Höchstpunktzahl 20 deutlich. Der Schnitt liegt unter acht.

„Besonderer Abend“ wird angesetzt

Am 6. März 1936 wendet sich die Deutsche Arbeitsfront an die Wettkampfleiter im Bereich Handel und erklären, dass für die Rückgabe der Arbeiten ein „besonderer Abend“ anzusetzen ist. Unter dem Stichwort „Deine Leistung im Reichsberufswettkampf – wir beraten dich“ müssten die Ergebnisse mit den Wettkämpfer durchgesprochen und die Fehler behandelt werden. Klare Ansage: „Die Namen einzelner Teilnehmer sind unter keinen Umständen zu nennen. Der Abend muss von Anfang bis Ende in kameradschaftlicher Weise durchgeführt werden.“ Das Wort „kameradschaftlicher“ ist fett unterstrichen.  Die Deutsche Arbeitsfront legt größten Wert darauf, dass der Wettkämpfer „nicht gegängelt werden soll, sondern dass die älteren Berufskameraden aus der Wettkampfleitung ihm helfen sollen.“ Es sei das gemeinsame Ziel, „Fehler und Schwächen in seiner beruflichen Leistung zu finden und auszumerzen.“

Genaue Organisation

Verbindlich geregelt war auch die Organisation des Berufswettkampfes. Im Frühjahr 1936 weisen der Gaujugendsachbearbeiter und der Gaubetriebsgemeinschaftswalter darauf hin, dass er in jedem Ort stattzufinden habe, „wo mindestens zehn Teilnehmer erfasst werden können.“ Man habe feststellen müssen, „dass von den einzelnen Orten viel zu wenig Werbeblätter angefordert worden sind.“ Wo sie nicht ausreichten, „sind umgehend über den Kreisjugendwalter Nachforderungen aufzugeben.“
Die Gauwettkampfleitung der Gruppe Handel nimmt ihre Vertreter vor Ort in die Pflicht: „Ihre Aufgabe ist es, mit dafür Sorge zu tragen, dass der Teilnahme am 14. und 15. März nichts im Wege steht.“ Das Schreiben schließt mit „Heil Hitler“.