Bis zu 400 Personen waren im Zwischendeck des Segelschiffes „Bremen“ von 1854 untergebracht. Die Überfahrt von Bremerhaven nach New York konnte bis zu zwölf Wochen dauern. | Foto: Deutsches Auswandererhaus / Herbert Dehn

Museum in Bremerhaven

Rein oder raus: Das Auswandererhaus erzählt Flüchtlingsgeschichten

Wie schmerzhaft dieser Abschied gewesen sein muss. Im dämmrigen Licht versammeln sich unter der mächtigen Bordwand des Nordatlantik-Schnelldampfers „Lahn“ etwa 30 Auswanderer in ihrer besten Sonntagstracht vor der erleuchteten Gangway. Gesprächsfetzen schwirren über den gepflasterten Hafenkai, letzte Umarmungen und Küsse werden ausgetauscht, auf einem großen Karren lagern nur wenige Schritte entfernt lederne Reisekoffer. Die  dunkle Schiffswand aus genieteten Stahlplatten schaukelt scheinbar im Wasser, doch es handelt sich um eine museal inszenierte Kulisse aus dem Jahr 1888.

Am Kai erleben die Besucher des preisgekrönten Erlebnismuseums den Moment des Abschieds von der alten Heimat: Die Auswanderer warten darauf, an Bord des Dampfschiffs „Lahn“ zu gehen. | Foto: Deutsches Auswandererhaus / Klaus Frahm

„Hier prallen die Gefühle aufeinander, die Besucher sollen sich in diese emotionsgeladene Stunde der Trennung hineinfühlen können“, beschreibt die stellvertretende Direktorin Ilka Seer, was das Deutsche Auswandererhaus in Bremerhaven mit dieser maßstabsgetreuen Nachbildung beabsichtigt. Ein schmerzvoller Abschied von der alten Welt und eine ungewisse Zukunft in der neuen – diese leidvolle Erfahrung mussten zwischen 1832 und 1974 rund 7,3 Millionen Menschen machen, die von Bremerhaven aus nach Übersee emigrierten. Die Stadt an der Wesermündung war damit der größte europäische Auswandererhafen.

Während in Deutschland in diesen Tagen sehr viel und sehr emotional über Probleme mit Flüchtlingen diskutiert wird, gerät die deutsche Vergangenheit bei diesem Thema häufig aus dem öffentlichen Blickfeld. Dabei haben gerade die Deutschen bei Ein- und Auswanderung einen enormen Erfahrungsschatz, wie Historiker Christoph Bongert betont. Das Auswandererhaus beleuchtet dabei als einziges deutsches Migrationsmuseum beide Seiten. Raus aus Deutschland oder rein nach Deutschland.

Georg Friedrich Abel: Vom Revolutionär zum Rathauschef

Neben der emotionalen Vermittlung von Geschichte über Inszenierungen, die dem Theater entlehnt sind, werden die Besucher vor allem durch Biografien in die Vergangenheit hineingezogen – wie etwa der von Georg Friedrich Abel, der vom Aus- zum Rückwanderer wurde, vom Revolutionär zum Rathauschef. Seine Geschichte geht so: Als der 20-jährige Gernsbacher Architekturstudent zum Badischen Leibinfanterie-Regiment nach Karlsruhe einrückt, wird er in das revolutionäre Treiben der 1848er Bewegung verwickelt und schließt sich den Aufständischen in der Rastatter Festung an.

Entflammt für die freiheitlichen Ideale der 1848er-Revolution: Georg Friedrich Abel aus Gernsbach schloss sich den Revolutionären an und musste nach dem Fall der Rastatter Festung in die USA fliehen. | Foto: Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Sein Traum von „Einigkeit und Recht und Freiheit“ zerplatzt jedoch wie eine Seifenblase, Deserteur Abel verlässt als „einer der Letzten“ (so schreibt er in einem Brief) die von preußischen Truppen belagerte Garnison und flieht gemeinsam mit vielen anderen Akteuren der deutschen Märzrevolution in die USA. Doch anders als die bekannten „Forty-Eighters“ wie Radikaldemokrat Carl Schurz hält es Abel nicht in der Neuen Welt. „Er reiste als Zimmermann zwar quer durch Amerika und lobte das freie politische Leben ohne behördliche Zensur, aber er vermisste die deutsche Gemütlichkeit“, berichtet Wissenschaftler Christoph Bongert aus den rund 30 Briefen, die das Deutsche Auswandererhaus aus dem Nachlass gesichtet und zusammen mit historischen Fotos zu einer Kabinettausstellung zusammengefügt hat.

Vater erwirkt Gnadenerlass

Dank eines von seinem Vater beim badischen Großherzog Friedrich I. erwirkten Gnadenerlasses kehrt Georg Friedrich Abel schon 1856 zurück ins Murgtal. Der einstige Aktivist macht in seiner alten Welt schnell Karriere, als Gastwirt und Sägewerksbesitzer wird er bereits im Jahr 1862 zum Gernsbacher Bürgermeister gewählt. Ein Amt, das er nahezu vier Jahrzehnte lang bekleidet.

Der langjähriger Gernsbacher Bürgermeister Georg Friedrich Abel: Als Revolutionär musste er in die USA auswandern, nach seiner Rückkehr amtierte er fast vier Jahrzehnte als Schultes des Murgtal-Städtchens. | Foto: Sammlung Deutsches Auswandererhaus

Politische Diskussionen beendet der als „dominanter Mensch“ beschriebene Rathauschef oft abrupt mit der Bemerkung: „Ich war in Amerika, ich weiß das besser.“ Mit diesem Postulat setzt der ehemalige Rebell auch viele soziale Veränderungen wie die Schulpflicht für Mädchen durch. Warum sich Georg Friedrich Abel am Ende doch gegen Amerika und für Deutschland entschieden hat, fasst Historiker Bongert in drei kurzen Worten zusammen: „Er hatte Heimweh.“

Im Deutschen Auswandererhaus Bremerhaven begeben sich die Besucher auf eine bewegende Zeitreise durch 300 Jahre Aus- und Einwanderungsgeschichte. | Foto: Deutsches Auswandererhaus /Kay Riechers

Wer das einem Schiffsbau nachempfundene Auswanderhaus betritt, erhält einen „Boarding Pass“, um sich damit innerhalb der Ausstellung auf die Spur ausgewählter Personen zu begeben. Der Gast aus Baden-Württemberg begleitet so den türkischen Einwanderer Recep Keskin, der als Sohn eines Ziegenhirten am 1. Januar 1949 in Westanatolien zur Welt kommt und 1967 nach Karlsruhe auswandert. Nach einer Hotellehre in der Fächerstadt ackert sich der Neuankömmling durch alle Bildungsinstanzen, wird Bauingenieur und schließlich als „Betonkönig“ im Ruhrgebiet ein angesehener Arbeitgeber, der Mitarbeiter aus 14 Nationen beschäftigt und Kanzlerin Angela Merkel beim Integrationsgipfel berät. „Deutschland ist ein Einwanderungsland“, sagte Recep Keskin noch vor der jüngsten Flüchtlingswelle, fügte aber schon damals hinzu: „Viele haben das noch nicht bemerkt.“

Auswanderer Carl Laemmle wurde zum Gründer von Hollywood

Während sich die deutsche Politik beim Thema Einwanderungsland noch schwertut, sieht das in der „New World“ naturgemäß anders aus. Das erlebte auch Carl Laemmle aus dem oberschwäbischen Laupheim, den der Besucher aus dem Südwesten als Auswanderer begleitet. Der 17-jährige Sohn eines jüdischen Viehhändlers reist 1884 von Bremerhaven nach New York, um der wirtschaftlichen Not zu entgehen. An der Nordseeküste fällt sein letzter Blick auf den in norddeutscher Backsteingotik errichteten, knapp 40 Meter hohen Losche-Leuchtturm, der bis heute als Wahrzeichen den Hafen an der Weser überragt.

Vom Tellerwäscher zum Millionär

Mit der Ankunft in New York startet Laemmles „Vom Tellerwäscher zum Millionär“-Karriere, die das Auswandererhaus an vielen der historischen Kulissen dokumentiert hat. Zum Beispiel im nachgebauten Einwanderer-Terminal von Ellis Island oder in der Great Central Station, wo für die meisten Immigranten der eigentliche Start ins neue Leben erfolgte. Carl Laemmle, der „eigentlich nur einen Indianer“ sehen wollte, schuftet zunächst als Laufbursche, gründet später ein Fünf-Cent-Filmtheater, woraus sich erst eine Kinokette und dann die Universal Studios entwickeln.

Der aus Laupheim stammende Laemmle war ein Pionier der Filmgeschichte und gründete die Universal Studios. | Foto: Stefan Puchner/dpa

Der Oberschwabe wird damit zum Gründer von Hollywood und gilt bis zur Machtergreifung der Nazis in seiner alten Heimat als der „reiche und erfolgreiche Onkel aus Amerika“. Von 1936 bis 1939 verhilft er mit Bürgschaften rund 300 jüdischen Familien zur Ausreise und bewahrt sie damit vor dem sicheren Tod im Konzentrationslager.

Migration selten aus reiner Abenteuerlust

Abel, Keskin oder Laemmle gehören zu den Vorzeigebeispielen der Migrationsforscher. Doch nicht immer lassen sich Biografien von Auswanderern als Erfolgsgeschichten erzählen. „Wir wollen die Gründe für die Wanderungsbewegungen vermitteln“, sagt Museumssprecherin Seer, „selten war es reine Abenteuerlust, sondern meistens wirtschaftliche oder politische Überlegungen“. Die Not musste schon sehr groß sein, um das Wagnis der Auswanderung auf sich zu nehmen. Vor allem Mitte des 19. Jahrhunderts, als dies ebenso teuer wie gefährlich war. Um dies zu verdeutlichen hat das Auswandererhaus exemplarisch die Dritte-Klasse-Unterkünfte von drei Auswandererschiffen nachgebaut.

Überfahrt dauerte für Auswanderer bis zu zwölf Wochen

Die etwa zwölfwöchige Überfahrt auf dem Segelschiff „Bremen“ kostete um 1850 mindestens das halbe Jahresgehalt eines Handwerkers. Für die Überfahrt im Zwischendeck des Dampfers „Lahn“ musste eine Sekretärin 40 Jahre später ungefähr vier Monatsgehälter investieren. Noch einmal viereinhalb Jahrzehnte später – also um 1925 – kostete die Reise in der Dritten Klasse des Ocean Liners „Columbus“ eine Sekretärin dann „nur“ noch zweieinhalb Monatsgehälter. Dass Bremerhaven bei den Auswanderern so beliebt war, lag auch an den verhältnismäßig niedrigen Sterberaten während der Überfahrt, mit der die Reederei Norddeutscher Lloyd für sich werben konnte. „Die hygienischen Bedingungen waren besser als auf den Schiffen aus Hamburg oder gar aus Irland“, sagt Migrationsforscher Bongert.

Deutschland ist schon immer ein zentrales Ein- und Auswanderungsland gewesen. Seit 1685 haben mindestens 53 Millionen Menschen deutsche Grenzen überquert – viele für immer. Die Fakten dazu gibt es in dem 2005 eröffneten Haus, das zwei Jahre später als bestes Museums Europas ausgezeichnet wurde, in Hülle und Fülle. So können die Besucher entdecken, dass nahezu jeder von ihnen einen Flüchtling oder Vertriebenen in der eigenen Ahnenliste hat: Ob Hugenotten, Ruhrpolen, münsterländische Wanderarbeiter, Sudetendeutsche oder Gastarbeiter aus der Türkei, Italien und Spanien, Russlanddeutsche oder Bürgerkriegsflüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien. Oder umgekehrt, dass es am anderen Ende der Welt viele deutsche Spuren gibt – ob in den USA, Kanada, Brasilien oder Argentinien, ob in Neuseeland oder Australien. „Am Ende des Rundgangs bieten wir eine Familienrecherche in zwei großen internationalen Datenbanken an“, berichtet Ilka Seer, „da gibt es immer wieder spannende Ergebnisse.“

Das letzte Auswandererschiff fuhr nach Australien

 

Apropos Australien: Das allerletzte Auswanderschiff in Bremerhaven legte im Jahr 1974 nach Down Under ab, danach übernahm die Luftfahrt den Transport von Menschen, die sich eine neue Heimat suchen. Australien war übrigens auch das einzige Land, mit dem Deutschland ein offizielles Anwerbeabkommen abgeschlossen hatte, um die Ausreise von Deutschen zu regulieren. Viel bekannter sind dagegen die Abkommen mit Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei, Portugal, Tunesien, Marokko und Jugoslawien zur Einreise von „Gastarbeitern“ nach Deutschland. Um das deutsche Wirtschaftswunder anzukurbeln, kamen bis zum Anwerbestopp am 23. September 1973 rund 14 Millionen Ausländer nach Deutschland, von denen etwa drei Millionen dauerhaft blieben.

Dass die aktuellen Diskussionen in Deutschland um Migration und Integration keine neuen Debatten sind, wissen die Forscher nur zu genau. „Wir stellen fest, dass sich in der Geschichte vieles wiederholt“, sagt Christoph Bongert und verweist auf das Jahr 1709, als Tausende von bitterarmen Deutschen nach London strömten, weil sie gelesen hatten, die englische Königin Anne habe ihnen Land in amerikanischen Kolonien versprochen. In der englischen Hauptstadt wurden daraufhin die Unterkünfte knapp, es mussten Zeltlager errichtet werden.

Wir stellen fest, dass sich in der Geschichte vieles wiederholt

Die deutschen Flüchtlinge hielten Bilder von Königin Anne in den Händen – wie die syrischen Flüchtlinge, die im Sommer 2016 Fotos von Kanzlerin Angela Merkel hochhielten.

Deutsches Auswandererhaus, Telefon (0471) 902200. Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 18 Uhr.