Geschichte zum Anfassen: Der Holocaust-Überlebende Kurt Salomon Maier sprach vor Gernsbacher Realschülern über seine harte Kindheit im Nationalsozialismus. Als Zehnjähriger wurde Maier in einem südfranzösischen Lager interniert. Wie durch ein Wunder konnte er sich mit seiner Familie in die USA retten. | Foto: Körner

Rettung in letzter Minute

Holocaust-Überlebender erzählt in Gernsbach von seiner Jugend

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Sein Glück kann Kurt Salomon Maier auch nach mehr als 70 Jahren kaum fassen: „Drei Wochen länger – und es wäre zu spät gewesen.“ Buchstäblich in letzter Minute gelingt dem heute 88-Jährigen mit seiner Familie 1941 die Ausreise aus einem Internierungslager der Nationalsozialisten in die USA – die Rettung vor dem sicheren Tod im KZ. Auf Initiative des Arbeitskreises für Stadtgeschichte erzählte Maier am Mittwoch Schülern der Gernsbacher Realschule von seiner kurzen Jugend unter dem Hakenkreuz.

Erinnerung an NS-Verbrechen

Gebannt folgen die Schüler den Schilderungen des Holocaust-Überlebenden, der dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte ein Gesicht gibt. Heute lebt Maier in Washington, wo er noch immer in der Kongressbibliothek arbeitet. Seit 2000 reist er im Oktober, wenn sich die Deportation der badischen Juden jährt, nach Deutschland, um an die Verbrechen der Nazis zu erinnern.

Kurze Kindheit

Kurt Salomon Maier und sein älterer Bruder wachsen in den 1930er-Jahren in Kippenheim (Ortenaukreis) auf und werden früh mit der brutalen Realität im NS-Staat konfrontiert. Zunächst aber präsentiert er den Schülern Bilder einer unbeschwerten Kindheit: Sie zeigen glückliche Gesichter, Jungen beim Spielen. „Es gab ein Leben vor den Nazis“, betont Maier.

Doch bald bricht sich der Antisemitismus auch im Schwarzwald Bahn. Die Jungen dürfen nicht mehr ihre alte Schule besuchen, von nicht-jüdischen Freunden werden sie gemieden. In der Reichspogromnacht 1938 brennen die Synagogen. Juden werden enteignet und immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Erste Deportationen finden statt. „1939 haben meine Eltern den Entschluss gefasst, auszuwandern“, erzählt Maier. Die Familie hat Verwandte in den USA. Letztlich scheitert die Emigration am Visum.

Deportation nach Gurs

Am 22. Oktober 1940 gibt es kein Entkommen mehr: Die Familie wird in das Internierungslager in Gurs (Südwestfrankreich) deportiert. „Dort sollten wir bis zur Fertigstellung des KZ in Auschwitz untergebracht werden“, erklärt Maier, der abends auch in der evangelischen Kirche in Muggensturm spricht.
In Gurs müssen die Juden in schmutzigen Baracken leben, erhalten nur wenig Essen. Viele werden krank und sterben: „Die Leichen wurden im Schlamm verscharrt.“

Ausreise in letzter Minute

Als die Familie kaum noch Hoffnung hat, geschieht das Wunder: Die Verwandtschaft aus Amerika macht sie ausfindig und organisiert die lebensrettenden Einreisepapiere. Die Maiers dürfen das Lager verlassen. Mit dem Schiff erreichen sie New York. „Drei Wochen vor dem Kriegseintritt der USA“, erinnert sich Maier: „Dann wären wir nicht mehr reingekommen.“ „Glauben Sie, dass so etwas in Deutschland wieder passieren kann?“, fragt ein Schüler. Maier schüttelt nachdenklich den Kopf: „Hier und heute? Ich denke nicht. Aber man muss aufpassen: Es gibt politische Parteien, die in eine gefährliche Richtung gehen.“

Kurt Salomon Maier gastiert am Donnerstag, 25. Oktober, um 19 Uhr im Ratssaal in Kuppenheim.