Große Familie: Patricia Nickolai muss sich um vier Kinder kümmern, wenn ihr Mann arbeitet. Die Schulschließungen waren für sie sehr belastend. | Foto: Bauer

Elternsprecherin übt Kritik

Risikopatientin, Burnout, vier Kinder: Warum sich diese Mutter aus Gernsbach nicht über die Schulöffnung freut

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Der Albtraum beginnt am 18. März. Kitas und Schulen werden wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Patricia Nickolai sitzt plötzlich, wenige Wochen nach einem Burnout, mit vier Kindern allein zu Hause. Ihr Mann arbeitet Schicht. Hinzu kommt: Nickolai ist Risikopatientin. Ihre Belastung ist gewaltig, die Kinder streiten oft. Über die Schulöffnung am Montag freut sich die Mutter trotzdem nicht.

Die Krise verlangt der Familie aus Gernsbach-Scheuern alles ab. Amelie (8), Nils (6), Emma (4) und Lars (2) langweilen sich daheim schnell. „Den Kindern ist das Dach auf den Kopf gefallen“, sagt Nickolai.

Risikopatientin, Burnout und vier Kinder

Immer wieder gibt es Ärger: „Wir hatten ständig Theater.“ Schließlich hilft das Jugendamt. Amelie darf in die Notbetreuung. „Ich liebe meine Kinder“, sagt Nickolai, „aber die Zeit war hart.“

Klare Abläufe: Rudolf Retzler vor der Hans-Thoma-Schule. Auf den bunten Punkten am Boden müssen sich die Schüler vor dem Unterricht aufstellen. | Foto: Körner

Im Februar hat sie einen Burnout. Dann kam die Corona-Krise. Nickolai ist Risikopatientin, hat chronische Bronchitis. „Mein Mann muss für uns einkaufen“, erzählt sie. Ihre Kinder dürfen keine Freunde treffen.

Für mich ist das keine Entlastung.

Patricia Nickolai aus Scheuern über den reduzierten Schulbetrieb

Nun gehen Amelie und Nils wieder in die Schule. Endlich. Doch erleichtert ist Nickolai nicht: „Für mich ist das keine Entlastung.“

Sie muss die Kinder anziehen, ihre Ranzen richten, sie zur Schule bringen – und nach zwei Stunden schon wieder abholen. Vor Corona wurden Amelie und Nils von 7 bis 16 Uhr betreut.

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Informationen fließen langsam

Selbst wenige Tage vor dem Neustart kannte Nickolai noch keine genauen Unterrichtszeiten. Der Politik macht sie keinen Vorwurf: „Das Virus ist eine höhere Macht“, sagt sie, „wir müssen alle das Beste daraus machen.“

Auch Rudolf Retzler muss improvisieren. Der kommissarische Leiter der Hans-Thoma-Schule in Gaggenau ist dafür verantwortlich, dass der Unterricht ab Montag reibungslos läuft – und die Hygienevorschriften eingehalten werden.

Das Kultusministerium sieht ein rollierendes System vor: In der ersten Woche nach den Pfingstferien werden nur die Erst- und Drittklässer unterrichtet, in der zweiten Woche die beiden anderen Klassenstufen.

Markierungen und Absperrungen, wie hier in der Ottenauer Merkurschule, weisen auch den Kindern in der Hans-Thoma-Schule den Weg. | Foto: Gerbig

Wie es danach weitergeht, ist unklar. „Vielleicht schon im Regelbetrieb“, sagt Retzler, „aber das ist bislang nicht spruchreif.“

Keine Maskenpflicht im Klassenraum

An der Schule gelten strenge Regeln: Die Klassen werden halbiert und kommen zeitversetzt. Vor dem Unterrichtsbeginn müssen die Schüler an markierten Punkten auf dem Hof warten. Ihre Lehrer holen sie dort ab, es gibt getrennte Eingänge.

Im Gebäude sorgen Markierungen und Absperrungen dafür, dass sich die Schüler aus dem Weg gehen. Jede Klassengruppe bekommt eine eigene Toilette zugewiesen.

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Auf dem Gang gilt eine Maskenpflicht, im Klassenzimmer nicht. Jeder Schüler hat einen festen Sitzplatz, damit sich Infektionsketten nachverfolgen lassen. Laut Retzler werden alle Lehrer auf freiwilliger Basis Maske oder Visier tragen, verpflichtend ist das nicht.

Auch Risikopatienten unterrichten

Das Land schreibt pro Schüler mindestens zwei Schulstunden am Tag vor – an der Hans-Thoma-Schule sind es drei. „Ich kann alle Lehrer einsetzen“, sagt Retzler im BNN-Gespräch: „Auch vier Risikopatienten wollen unterrichten.“

Im schlimmsten Fall haben wir mehr Unterricht und weniger Lehrer.

Rudolf Retzler, kommissarischer Rektor der Gaggenauer Hans-Thoma-Schule, über den Regelbetrieb

Der Schulleiter hat allerdings Sorge, dass diese Bereitschaft im Regelbetrieb abnimmt. Dann werden die Schultage länger, und das Infektionsrisiko steigt. Retzler: „Im schlimmsten Fall haben wir mehr Unterricht und weniger Lehrer.“

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Ganztagsbetreuung fällt aus

Dabei dürfen Grundschulen ihre Schüler bei Stundenausfällen nicht nach Hause schicken. Ein Lehrer müsste also mehrere Klassen beaufsichtigen. Die Ganztagsbetreuung findet vorerst nicht statt. Auch AGs fallen aus.

Leere Klassenzimmer: Die Corona-Pandemie bremste den Schulbetrieb in Deutschland aus. Mittlerweile sind die Schulen wieder geöffnet. | Foto: Güttler

Im Unterricht liegt der Fokus zunächst auf den Kernfächern Deutsch und Mathematik. „Kunst und Musik sind im Moment nachrangig“, erklärt Retzler.

Für Eltern, Schulen und Kinder ist es eine große Belastung.

Die Gaggenauer Elternbeirats-Vorsitzende Jasmin Hansen über das rollierende System

Das rollierende System erfordert viel Planung. Retzler sieht es daher kritisch – wie auch Jasmin Hansen. „Für Eltern, Schulen und Kinder ist es eine große Belastung“, kritisiert die Gaggenauer Elternbeirats-Vorsitzende. Gerade berufstätige Eltern hätten einen „großen organisatorischen Aufwand.“

Sie müssten ihre Kinder für kurze Zeit in die Schule bringen und dann wieder abholen. Hansens Position ist klar: „Ich hätte mir gewünscht, dass man mit dem Regelbetrieb beginnt.“