Die offizielle Umbenennung der Straße ist am Montag, 16. April: Aus der Bruchgrabenstraße wird die Dr.-Isidor-Meyerhoff-Straße. Meyerhoff wirkte bis 1938 in Rotenfels und Umgebung als Arzt für alle Bevölkerungsschichten, ehe er von Nazis brutal zusammengeknüppelt wurde. | Foto: Dorscheid

Straße wird umbenannt

Späte Ehre für jüdischen Arzt aus Gaggenau

Von Irene Schneid-Horn und Thomas Dorscheid

Vor 80 Jahren verließ der beliebte Rotenfelser Landarzt Dr. Isidor Meyerhoff seine Heimat – er tat es nicht aus freien Stücken. 32 Jahre wirkte er „als Arzt, der immer im Einsatz war“. Als ein Arzt, der bekannt dafür war, dass er ärmere Einwohner nicht nur in seiner Praxis ohne Rechnung behandelte; er machte auch Hausbesuche und brachte den Menschen, die kein oder nur wenig Geld hatten, kostenlos Medizin mit. Nationalsozialistische Gesetze behinderten ihn allein wegen seines jüdischen Glaubens mehr und mehr an der Ausübung seines Berufes. Dennoch konsultierten viele Menschen rund um Rotenfels weiterhin den beliebten Mediziner, an den sich Ältere aus Bad Rotenfels bis heute erinnern.

Von Nazis zusammengeknüppelt

Als Meyerhoff 1938 zu einem fingierten Hausbesuch nach Michelbach gerufen wurde, misshandelten ihn junge Nazischergen brutal, er wurde zusammengeknüppelt. Schwer gedemütigt, zog der damals 63-Jährige mit seiner Frau und Tochter Liesel nach Mannheim. Dort starb der schwerkranke Mann im Mai 1940, die beiden Frauen wurden im Oktober ins Lager Gurs (Südfrankreich) deportiert. Glücklichen Umständen war es zu verdanken, dass die beiden Frauen den Holocaust überlebten und in die USA auswandern konnten. Die Kinder Fritz und Gertrude waren schon 1936 beziehungsweise 1938 ausgewandert.

20 Nachfahren aus den USA kommen

Jetzt kommen 20 Meyerhoff-Nachfahren aus den USA (aus den Bundesstaaten Kalifornien und Utah) nach Gaggenau, um am Montag, 16. April,  Augenzeugen zu sein, wenn ihrem Ahn eine späte Ehrung zuteil wird und ein Straßenzug seinen Namen erhält. Die frühere Bruchgrabenstraße, eine wichtige  Erschließungsstraße, wird zur Dr.-Isidor-Meyerhoff-Straße. Das neue Straßenschild ist bereits angebracht worden; jedoch hat die Stadtverwaltung mit dem „Widmungsakt“ bis zum Besuch der Meyerhoff-Nachfahren gewartet. Ausgewählt wurde genau diese Straße auch deshalb, weil es nur wenige Anwohner gibt, die ihre Adresse hätten ändern müssen.

„Widmungsakt“ ist am 16. April

Das ehemalige Wohnhaus der Familie Meyerhoff liegt in der Murgtalstraße 101, nur rund 100 Meter von der Dr.-Isidor-Meyerhoff-Straße entfernt. Nach dem „Widmungsakt“ steuert am 16. April die gesamte Gruppe um Oberbürgermeister Christof Florus den Hof dieses Anwesens an. Die Initiative für die Straßenumbenennung ging vom „Arbeitskreis Gedenken“ um Ulrich Behne aus. Dem ehemaligen leitenden Geschichtslehrer am Goethe-Gymnasium liegt die deutsche Geschichte insgesamt sehr am Herzen; insbesondere aber motiviert ihn „das Bewusstsein, dass die Zeit des Nationalsozialismus aufgearbeitet werden muss, damit sie nicht vergessen wird“.

Ulrich Behne hat recherchiert

Sensibilisiert für die Verbrechen an Juden wurde der inzwischen pensionierte Lehrer Ulrich Behne durch Erzählungen seiner Mutter, deren jüdische Freundin verschleppt und umgebracht worden war. Ein Buch zur der jüdischen Geschichte seines Geburtsortes Vechta (Niedersachsen) ging daraus hervor. In einer mehrteiligen Serie veröffentlichte die BNN-Redaktion Gaggenau im Jahr 2009 exklusiv Ulrich Behnes umfangreiche Recherchen über „Das jüdische Leben in Gaggenau“.

Stolpersteine verlegt

Eine führende Rolle spielte Behne wiederum, als sich im Jahr 2009 der „Arbeitskreis Gedenken“ in Gaggenau formierte, um durch die „Aktion Stolpersteine“ an die einstigen jüdischen Mitbürger zu erinnern. 2013 wurden für die fünf Mitglieder der Familie Meyerhoff Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Murgtalstraße in Bad Rotenfels verlegt. Auf diese Aktivität wurde Susan Baum, die heute 70-jährige Enkelin der Meyerhoffs, bei ihrer Ahnenforschung im Internet aufmerksam. Sie nahm Kontakt auf und besuchte Bad Rotenfels im Sommer letzten Jahres.

Behne legt Dokumentation vor

Bereits im Rahmen des Stolperstein-Projektes recherchierte Behne ausführlich zur jüdischen Geschichte von Gaggenau. Inzwischen ist seine Gesamtdokumentation fast fertig und soll im Herbst erscheinen. Im Rahmen von Zeitzeugen-Interviews fiel laut Behne einmal der Satz: „Er hätte es verdient, dass eine Straße nach ihm benannt wird.“ Das griff Behne umgehend auf und wandte sich an die Stadtverwaltung.

Programm für die Gäste aus den Staaten

Den 20 Enkeln, Urenkeln und Ururenkeln von Isidor Meyerhoff wird er vorab einen 80-seitigen Auszug zu ihrer Familiengeschichte überreichen. Sie reisen am Sonntag aus Utah und Kalifornien an; Susan Baum kommt sogar aus Panama, wo die gläubige Mormonin derzeit einen Missionsauftrag ausübt. Über sie lief auch der Kontakt mit den anderen Familienmitgliedern. Die Besucher werden bei Gaggenauer Familien wohnen und vom „Arbeitskreis Gedenken“ betreut. In Zusammenarbeit mit der Stadt Gaggenau gibt es ein umfangreiches Programm – mit einem Ausflug nach Heidelberg und auch zum Grab von Isidor Meyerhoff in Mannheim.

Öffentliche Buchvorstellung

Ulrich Behne stellt sein Buch „Erinnerungen an Dr. Isidor Meyerhoff und seine Familie“ am Montag, 16. April, ab 18 Uhr im Bürgersaal des Gaggenauer Rathauses vor. Alle interessierten Bürger sind zu dieser Vorstellung eingeladen. In der Einladung der Stadt heißt es hierzu: „Die Dokumentation ist dem jüdischen Arzt gewidmet, der 32 Jahre lang überaus segensreich in Rotenfels wirkte, bis er von den Nationalsozialisten vertrieben wurde und 1940 in einem sogenannten Judenhaus in Mannheim starb.“