Ein Akt gegen das Vergessen: Schülerinnen der Klasse 8b der Realschule Gaggenau polieren die Stolpersteine, die in der Murgtalstraße 101 an die ehemalige jüdische Familie Meyerhoff erinnern. Zur Zeremonie war Nachfahr Aaron Baum mit seiner Familie aus Stuttgart gekommen, seine Kinder Carter und Brinley (rechts) legten weiße Rosen nieder. Foto: Schneid-Horn

Putzaktion für Messingplatten

Stolpersteine als Zeichen der Sorge und des Mitgefühls

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Irene Schneid-Horn

Aus Anlass des Holocaust-Gedenktags, der alljährlich  zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahre 1945 begangen wird, richteten die Schülerinnen und Schüler der Realschule Gaggenau den Blick auf einstige jüdische Mitbürger. In Hörden, Gaggenau und Bad Rotenfels wurden in den vergangenen Jahren sogenannte Stolpersteine auf den Gehwegen vor den einstigen jüdischen Wohnhäusern eingelassen.

Putzaktion in Bad-Rotenfels einmal im Jahr

Einmal im Jahr werden die Messingplatten von den Realschülern gesäubert und so die Erinnerung wach gehalten. Zur diesjährigen Putzaktion in Bad Rotenfels kamen sogar Nachfahren der jüdischen Familie Meyerhoff. Schüler und Schülerinnen der Klasse 9 b mit Lehrerin Elena Wunsch sowie Joachim Peters und Ulrich Behne vom „Arbeitskreis Gedenken“ gestalteten die Zeremonie, die von Heidrun Haendle vom Kulturamt der Stadt Gaggenau organisiert wurde.

Erinnerung an die jüdische Familie lebt bis heute

Das prachtvolle gelbe Jugendstilhaus in der Murgtalstraße 101 sticht bis heute ins Auge. Während des ersten Weltkrieges ließ es der praktische Arzt Isidor Meyerhoff erbauen, bis 1938 wohnte er mit seiner Frau Frieda und den Kindern Liselotte, Gertrud und Friedrich in der geräumigen Villa. Die Familie war wohl-habend, besaß sogar ein Auto. Meyerhoff war „ein Arzt, der immer kam, manchmal auch ohne Honorar,“ erläuterte Lehrerin Elena Wunsch. Heinz Wolf von der Kuppenheimer Stolpersteingruppe fügte hinzu, dass die Erinnerung an den Arzt bis auf den heutigen Tag in Kuppenheim lebendig sei: „Man hört von Zeitzeugen nur Gutes über ihn.“

Ein Arzt mit sehr gutem Ruf

1938 verließ die Familie nach Misshandlungen bei einem Hausbesuch das Murgtal und zog nach Mannheim. Isidor Meyerhoff verstarb 1940 dort, seine Frau Frieda und Tochter Liselotte wurden im Oktober dieses Jahres nach Gurs deportiert. Wie Ulrich Behne erst kürzlich in Erfahrung bringen konnte, stand Frieda 1942 bereits auf der Liste zur Verschickung nach Auschwitz, wurde aber durch Fürsprache ihrer Tochter, die dem Lagerkommandanten als Sekretärin diente, in letzter Minute gestrichen.
Seit 2013 erinnern fünf Stolpersteine an die Arztfamilie, die durch glückliche Fügung den Holocaust überlebte. Schon seit dem Schuljahr 2008/09 kümmern sich Realschüler um die jüdische Ortsgeschichte und erstellten dazu eine Website mit virtuellen Stolpersteinen. Die Umsetzung in die Realität erfolgte in Kooperation mit dem Gaggenauer „Arbeitskreis Gedenken“.

Meyerhoff-Urenkel reist aus Stuttgart an

Bei einer Internetrecherche wurde die Amerikanerin Susan Baum, die Enkelin von Isidor Meyerhoff, auf diese Website aufmerksam. Ihr Sohn Aaron machte daraufhin 2015 einen Abstecher nach Gaggenau, als er seine Arbeit bei den amerikanischen Streitkräften in Stuttgart antrat. Susan kam dann während eines Besuchs im letzten Jahr nach Rotenfels, um das Haus ihrer Vorfahren aufzusuchen. „Ich habe sie nie so bewegt gesehen,“ sagte ihr Sohn Aaron rückblickend.

Gedenktafel von der Familie

Mit seiner Frau Laurie und seinen Kindern Camden, Carter und Brinley war er zur diesjährigen Putzaktion gekommen. Mit strahlenden Augen sagte er zu den Schülern: „Thank you, thank you, thank you“, und überreichte der Realschule von seiner Mutter gestaltete Gedenktafel, mit der sie den Schülerinnen und Schülern für ihre wertvolle Erinnerungsarbeit dankte: „Das Projekt Stolpersteine und Ihre Fürsorge jedes Jahr erinnern alle, dass Gutes und Mitgefühl noch in der Welt existieren. Sie können nicht wissen, wie viele Mitmenschen Sie damit berührt haben. Die Nachkommen von Frieda und Isidor Meyerhoff werden Sie nie vergessen.“