Zu Gammelobst wird die reiche Ernte, wenn sich niemand mehr um die Streuobstwiesen kümmert. Es gibt unterschiedliche Ansätze, wie man die ökologisch wertvolle Kulturlandschaft retten kann. Foto: Adobe Stock

Aktivisten fordern Schutz

Streuobstwiesen in Mittelbaden: Retten Idealisten, Gesetze oder Geld die Natur?

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Es gibt einen grünen Schatz in Mittelbaden: „Im Raum zwischen Rastatt und Gaggenau haben wir eine Hochburg zusammenhängender Streuobstflächen“, sagt Gerd Hager, Direktor des Regionalverbandes Mittlerer Oberrhein. Diverse Gemeinden sind kreativ. Sie fördern Baumpatenschaften, Obstbaum-Warten und Saft-Aktionen. Doch wie lässt sich die Kulturlandschaft im großen Stil schützen?

Darauf hat die Landesregierung bereits eine Antwort: Sie will Streuobstwiesen besser schützen. Das ist Teil des Deals, den Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) mit den Aktivisten von „Rettet die Bienen“ ausgehandelt hat.

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Im Sommer soll das Landesnaturschutzgesetz geändert werden. Obstwiesen ab einer Größe von 1.500 Quadratmetern sind zu erhalten. Dort sind Baugebiete zunächst tabu. Umwandlungen müsste die Naturschutzbehörde bewilligen. „Das dürfte manchen Bürgermeister elektrisieren“, meint Hager.

 

Trotz des allgemeinen Rückwärtstrends: In der Region Mittlerer Oberrhein sind noch viele Streuobstwiesen erhalten – eine Hochburg ist die Gegend zwischen Rastatt und Gaggenau. Grafik: BNN/RVMO

Alte Apfelsorten für Allergiker besser verträglich

Allerdings halten er und seine Landschaftsplaner Tamara Schnurr und Tilo Wiedemann die Reformpläne nicht für ausreichend: „Es ist ein erster Schritt, aber die Qualität der Streuobstwiesen und die Pflege sind damit noch nicht gesichert.“

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Ohne Idealismus von privaten Grundstücksbesitzern geht es kaum. Auch Familien aus der Stadt versuchen sich zunehmend als Hobby-Obstbauern. Was sie sicher gerne hören: „Alte Apfelsorten wie Brettacher, Goldparmäne oder Gewürzluiken sind für viele Allergiker gut verträglich“, berichtet Landschaftsplanerin Schnurr. Allerdings sei bei manchen Wiesenkäufern „viel Träumerei im Spiel“, warnt Uwe Kimberger. Er ist Berater für Obst- und Gartenbau beim Landratsamt Rastatt. „Das ist eine Kultur, die sehr intensive Pflege braucht.“

Hobby-Obstbauern erwartet viel Arbeit

Als Erstes sollten Neulinge einen Schnittkurs belegen – oder Baumwarte im Verein fragen. Die Aufgabenliste für Wiesenbesitzer sei lang: Regelmäßig Bäume schneiden, Wiese mähen (nicht mulchen), Mähgut abfahren.

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Wer neue Bäume pflanzt, sollte auch Drahtkörbe eingraben – zum Schutz der Wurzeln vor Wühlmäusen. Und all die Krankheiten und Schädlinge wie Pilze, Mehltau, Feuerbrand, Krebs, Läuse, Frostspanner, Wanzen: Es sei schon eine Wissenschaft, wie man seine Bäume schützt und welche Obstsorten wo geeignet sind.

Für 3,50 Euro pro Doppelzentner
bückt sich von den Jungen keiner

Hans-Martin Flinspach, Vereinsvorsitzender der Streuobstinitiative Karlsruhe

Finanzielle Anreize sollen Streuobstwiesen retten

Nur finanzielle Anreize helfen, meint Hans-Martin Flinspach, Vereinsvorsitzender der Streuobstinitiative Karlsruhe: „Für 3,50 Euro pro Doppelzentner Äpfel bückt sich von den Jungen keiner mehr.“ Die Initiative zahle den doppelten Marktpreis plus zwei Euro Bio-Zuschlag.

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Die Idee: Besitzer verpflichten sich, ihre Bäume und Wiesen zu pflegen und keine Spritzmittel auszubringen. Dafür erhalten sie eine Abnahmegarantie fürs Obst. Der Verein vermarktet den Bio-Apfelsaft. „Im Obstjahr 2018 waren es 700.000 Liter“, sagt Flinspach. „Wir haben 1.200 Grundstücke und 300 Besitzer unter Vertrag.“ Eine Grundstücksbörse für potenzielle Hobby-Bauern gibt es auch: www.streuobstinitiative.de.