Umstrittener Testbetrieb: Ab dem kommenden Jahr sollen auf der B462 zwischen Kuppenheim und Obertsrot Oberleitungs-Lkw fahren. Kommunen und Anwohner sehen das Projekt überwiegend kritisch. | Foto: pr

Baubeginn in wenigen Wochen

Test von Oberleitungs-Lkw im Murgtal: Rückbau der Oberleitungen nicht gesichert

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Das baden-württembergische Verkehrsministerium hat in einem Pressegespräch am Mittwoch die Bedeutung des „eWayBW“-Projekts für die Verkehrswende unterstrichen. Die Bauarbeiten beginnen in wenigen Wochen. Das Pilotprojekt mit Oberleitungs-Lkw ist im Murgtal umstritten. Bürger und Kommunen hatten sich über die lange Bauzeit beschwert. Ein Rückbau der Oberleitungen nach Projektende ist nicht gesichert.

Bei der Telefonkonferenz mit Pressevertretern betonte Florian Hacker vom Öko-Institut die Vorzüge der Oberleitungs-Lkw gegenüber Diesel- oder Elektro-Modellen. Im Kern: weniger Treibhausgas-Emissionen, keine Fahrpausen zum Aufladen der Batterie.

Praxistest mit Oberleitungs-Lkw im Murgtal

Das Pilotprojekt soll nun zeigen, wie praktikabel die O-Lkw in der anspruchsvollen Topografie des Murgtal sind. „Das geht nicht im Labor“, sagte Martin Wietschel (Fraunhofer Institut), das „eWayBW“ wissenschaftlich begleitet.

Forscher untersuchen Auswirkungen auf Verkehr

Während des dreijährigen Testbetriebs auf der B462 wollen die Forscher die Auswirkungen der Oberleitungs-Lkw auf Lärm, Luftschadstoffe und Verkehrsfluss untersuchen. Ein Konzeptwettbewerb mit einem Elektro-Lastwagen soll zeigen, welches Modell zukunftsträchtiger ist.

Visualisierung des Oberleitungs-Projekts im Murgtal | Foto: pr

Auch ein Vergleich mit dem Schienenverkehr ist im Gespräch: Nach Auskunft des Verkehrsministeriums gibt es Überlegungen, die beteiligten Papierhersteller an das Schienennetz anzuschließen.

Mehr zum Thema: Kompromisse bei eWayBW im Murgtal: Gespräche schreiten voran

Bauarbeiten beginnen in wenigen Wochen

Die Bauarbeiten laufen voraussichtlich von Mitte Juni bis Anfang 2021. Sie kosten rund 20 Millionen Euro. Der Bund fördert das Projekt mit 85 Prozent. Ab April 2021 sollen Oberleitungs-Lkw drei Jahre lang zwischen einem Logistikzentrum in Kuppenheim und den Papierfabriken in Obertsrot fahren.

Oberleitungen zwischen Kuppenheim und Gaggenau

Auf vier der rund 18 Kilometer langen Teststrecke werden Oberleitungen gebaut. Betroffen sind der Abschnitt zwischen der Anschlussstelle der L67 und der Murgbrücke bei Oberndorf (drei Kilometer) sowie ein 750 Meter langes Teilstück am Unimog-Museum.

Beim Bremsen an der dortigen Ampel wird zudem die Rekuperation der Lkw getestet, die Rückspeisung der Energie in Batterie und Oberleitungen.

Land sieht im Murgtal ideale Testbedingungen

Nach Angaben des Verkehrsministeriums werden auf der Strecke jährlich 510.000 Tonnen Papier von den Papierherstellern in Obertsrot in das Kuppenheimer Logistikzentrum gebracht.

Ein Oberleitungs-Lkw auf einer Teststrecke in Brandenburg | Foto: Settnik

Die Oberleitungs-Lkw werden bereits auf der Autobahn getestet. Das enge Murgtal mit seiner steilen Topografie, Brücken und Ampeln bietet in den Augen des Landes ideale Testbedingungen für den Betrieb auf Bundesstraßen.

Kritik von Bürgern und Kommunen

Bürger und Kommunen hatten das „eWayBW“-Projekt in den vergangenen Wochen scharf kritisiert. Für Unmut sorgte vor allem die Bauzeit von 33 Wochen. Mittlerweile hat das zuständige Regierungspräsidium Karlsruhe eine Verkürzung von vier bis fünf Wochen in Aussicht gestellt – etwa durch Abend- und Nachtarbeit.

Wir wollen das Projekt nicht gegen, sondern mit der Raumschaft umsetzen.

Marcel Zembrot, Leitender Baudirektor der Landesstelle für Straßentechnik

In einer Hochglanz-Broschüre, die 24.000 Haushalte in der Region erhalten haben, wirbt das Land für das umstrittene Projekt. „Wir wollen es nicht gegen, sondern mit der Raumschaft umsetzen“, betonte Marcel Zembrot, Leitender Baudirektor der Landesstelle für Straßentechnik im Pressegespräch.

Mehr zum Thema: Oberleitungs-Projekt eWayBW: Murgtal-Kommunen schreiben an Verkehrsminister

Rückbau der Oberleitungen ist nicht gesichert

Unklar ist, ob die Oberleitungen nach dem Ende des Testbetriebs, wie von den Kommunen gefordert, tatsächlich wieder abgebaut werden. „Wir gehen derzeit von einem Rückbau aus“, sagte Zembrot, „allerdings wäre das schade um die Anlagen.“ Man werde daher eine „sinnvolle Anschlussnutzung“ prüfen.

Anschlussnutzung im Gespräch

Sollen die Oberleitungen auch über April 2024 hinaus zum Einsatz kommen, kündigt Zembrot ein Planfeststellungsverfahren an. In diesem Rahmen können Bürger und Gemeinden ihre Einwände dagegen äußern.