Ein letztes Mal beisammen: Die Familie Meyerhoff in ihrem Wohnzimmer: Tochter Liesel, Vater Isidor, Tochter Trudel, Sohn Fritz, Mutter Frieda. Das Foto wurde wahrscheinlich kurz vor Fritz’ Auswanderung in die USA aufgenommen. | Foto: Susan Baum

Nationalsozialismus im Murgtal

Ulrich Behne veröffentlicht Buch über Gaggenauer Juden

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Das Ende von Ludwig und Julie Stern ist grausam: Am 10. November 1938 lassen SA-Männer ihrer Zerstörungswut im Hördener Gasthaus „Adler“ freien Lauf. Noch am selben Tag wird der Wirt Ludwig Stern verhaftet und in das KZ Dachau deportiert. Dort stirbt er wenige Wochen später. Julie lebt zwei weitere Jahre einsam in Hörden, bis sie vor ihrer geplanten Auswanderung selbst festgenommen wird. Ihre Spuren verlieren sich im Vernichtungslager Auschwitz. Es sind Schicksale wie diese, die Ulrich Behne noch immer bewegen. Der Gaggenauer Historiker spricht von einer „erschütternden Geschichte“, die er – wie auch weitere – in seinem neuen Buch „Verstreute Spuren – verblasste Erinnerungen“ erzählt. Es handelt vom jüdischen Leben in der Benz-Stadt.

Ulrich Behne | Foto: Mandic

Laut Behne, der zu diesem Thema bereits 2009 eine Serie in den BNN veröffentlicht hat, hatten Juden im Murgtal zunächst einen schweren Stand. Sie hätten sich im 17. Jahrhundert als Kaufleute niedergelassen und den Argwohn der heimischen Konkurrenz auf sich gezogen. „Es war ein langer Kampf um Anerkennung, bis sich die Juden vollständig integriert hatten“, erklärt der frühere Geschichtslehrer. Mit der Machtübergabe an die Nationalsozialisten kam es zum Bruch: Nach und nach wurden die Murgtäler Juden an den Rand der Gesellschaft gedrängt, verfolgt und schließlich massenhaft deportiert.

Hörden war lange keine NS-Hochburg

Dabei konnten sich die Nationalsozialisten dem Rückhalt der Bevölkerung anfangs nicht sicher sein. „Hörden war für sie ein schwieriges Pflaster“, sagt Behne und verweist auf die Reichstagswahlen 1933. Damals brachte es die NSDAP im heutigen Gaggenauer Stadtteil auf gerade einmal 15,3 Prozent der Stimmen – reichsweit waren es 43,9 Prozent. Die katholische Mitte der Hördener Gesellschaft habe sich lange in der konservativen Zentrumspartei zu Hause gefühlt, so Behne: „Das protestantische Bildungsbürgertum war für den Nationalsozialismus anfälliger.“ In Hörden habe man noch 1935 einen Juden zum stellvertretenden Feuerwehr-Kommandanten ernannt, sehr zum Missfallen der Nazis.

Das Leben der Juden in Gaggenau

In mehreren Kapiteln behandelt Behne das jüdische Leben in Gaggenau. Er schildert die Entwicklung der Hördener Gemeinde von ihren Anfängen bis zum Nationalsozialismus, die Geschichte der jüdischen Kaufleute in Gaggenau und das Schicksal des Rotenfelser Arztes Isidor Meyerhoff, der von den Nazis aus seiner Heimat vertrieben wurde. Nach ihm benannte die Stadt Gaggenau im vergangenen Jahr eine Straße (die BNN berichteten). Auf 160 Seiten macht Behne die unmenschliche Politik der Nationalsozialisten immer wieder anhand von persönlichen Geschichten greifbar.

Aus Hörden existieren noch heute Aktenberge.

Vom Schrecken der Judenverfolgung kann sich auch der Autor – trotz seiner großen Routine – nicht freimachen: „Entsetzlich, was diese Menschen erleiden mussten“, so Behne gegenüber den BNN. Seit vielen Jahren befasst er sich mit dem jüdischen Leben in Gaggenau, die Geschichte ist auch im Ruhestand seine große Leidenschaft. Die Quellenlage – höchst unterschiedlich: „Aus Hörden existieren noch heute Aktenberge, da der Ort nicht bombardiert wurde“, berichtet Behne. Weitere Schriftstücke habe er von den in den USA lebenden Nachfahren Isidor Meyerhoffs erhalten.

Erinnerungen verblassen

Ferner führte der Historiker unzählige Zeitzeugengespräche: „Oft wurde mir gesagt, dies und jenes habe doch gar nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun gehabt, als wolle man fest daran glauben, dass alles gar nicht so schlimm war.“ Erinnerungen sind längst verblasst, Spuren verstreut – so sagt es der Buchtitel. Nur schemenhaft erscheinen die Konturen einer einst blühenden jüdischen Gemeinde. Aus Fragmenten schafft Behne ein Bild vom Zusammenleben der Juden und Christen in Gaggenau, bis der nationalsozialistische Terror die Stadt erreicht.

Aber immer wieder gibt es Mutige.

Die einheimische Bevölkerung habe dabei keine treibende Rolle gespielt, so Behne: „Die große Mehrheit (…) ohne bösen Willen, eher angepasst und eingeschüchtert“, schreibt er. Und weiter: „Aber immer wieder gibt es Mutige, die den Geängstigten und Gedemütigten wagen beizustehen.“

Sein Buch stellt Ulrich Behne in drei Lesungen vor: Am Donnerstag, 11. April, beim Verein „Menschen für St. Laurentius“ im Gemeindesaal der Pfarrei Bad Rotenfels, am Dienstag, 16. April, beim Heimatverein Hörden im Sitzungssaal des Hauses Kast sowie am Mittwoch, 8. Mai, in der Stadtbibliothek Gaggenau. Beginn ist jeweils um 19 Uhr. Das Werk ist in den Buchhandlungen in Gaggenau, Gernsbach und Region sowie im Netz auf www.verlag-regionalkultur.de erhältlich.