Ein moderner Fischpass entstand bei Smurfit-Kappa. | Foto: Schaub

Auflagen für Wasserkraftbetreiber

Um jeden Liter Murg gefeilscht

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26 Wasserkraftanlagen gibt es entlang der über 80 Kilometer langen Murg zwischen Baiersbronn und Rastatt. Wo noch vor Jahrzehnten Sägewerke oder Mühlen zur Papiergewinnung zeitweise Wasser aus der Murg entnahmen, nutzen heute Kraftwerke rund um die Uhr die Murg zur Stromgewinnung.

Ökologie setzt sich durch

Für diese Anlagen wurde es nach der Änderungen des Wasserhaushaltsgesetzes 2008/10 und der damit verbundenen Stärkung des Gewässerschutzes sowie einer Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes Baden-Württemberg vom 15. Dezember 2015 richtig eng: Wasserkraftwerke können danach nicht mehr unbegrenzt Wasser für die Erzeugung elektrischer Energie aus den Flüssen entnehmen, um die Energie später in das öffentliche Netz gegen eine Vergütung nach dem Erneuerbaren-Energie-Gesetz einzuspeisen. Dagegen hatte der Betreiber eines früheren wasserbetriebenen Sägewerks an der Alb geklagt – vergeblich.
Noch Anfang des Jahrtausends hatten die Betreiber gefordert, die Murg weiter als Industriefluss zu nutzen und keine ökologischen Maßnahmen umzusetzen.

Am Wehr Kirschbaumwasen bekommt die Murg wieder mehr Wasser. | Foto: Schaub

Mindestabfluss für Mutterbett

An über 20 Wasserkraft- und Industrieanlagen wurden seither in langen Rechtsverfahren Fischtreppen und Fischschutzanlagen, günstige Einleitwerte sowie Mindestabflüsse angeordnet und erstritten. Erst vor wenigen Tagen konnte das Regierungspräsidium für alle bedeutenden Wasserkraftanlagen der Murg zwischen Rastatt und Baiersbronn wie in Kirschbaumwasen, Forbach, Wolfsheck, Breitwies und Schlechtau Lösungen zur ökologischen Modernisierung vereinbaren – das RP spricht in diesem Zusammenhang von einem Durchbruch.

Die Betreiber sind nun verpflichtet, einen „Mindestabfluss“ im Mutterbett zu lassen und als Ausgleich „Fischwanderhilfen“ einbauen, um den Fischen die durchgängige Wanderung flussaufwärts oder -abwärts zu ermöglichen. Zahlreiche Standorte lassen bereits heute ausreichend Wasser in der Murg und viele Fischpässe sind in Betrieb. An anderen Standorten wird gebaut, Planungen laufen und die Umsetzungen sollen bis spätestens 2020 abgeschlossen sein.

Mit einem Hydro-Fischlift an der Staumauer von Kirschbaumwasen können Fische ab 2019 bis zu 17 Meter überwinden. Foto: Schaub

Das tut den Betreibern der Kraftwerke richtig weh, denn für den Einbau einer Fischtreppe nach neuesten Standards müssen sie 50 000 bis 60 000 Euro locker machen, damit Fische etwa Fallhöhen von einem Meter überwinden können. Der Hydro-Fischlift beim Wasserwerk Kirschbaumwasen wird 2,5 Millionen Euro kosten und soll im Jahr 2019 in Betrieb genommen werden. Mit Hilfe kleiner Badewannen können die Fische dabei eine Höhe von bis zu 17 Meter überwinden.

Wasser ist Allgemeingut

„Jeden Liter, den die Wasserkraftbetreiber abgeben müssen, kostet bares Geld“, berichtet Petra Neff vom Rechtsreferat der Umweltabteilung des Regierungspräsidiums (RP) Karlsruhe. Zusammen mit der Fischereibehörde des RP kämpft die Juristin seit Jahren für die ökologische Modernisierung der Wasserkraftanlagen, um die Murg für Fische wieder lebenswert zu machen. „Da wurde um jeden Liter gefeilscht“, berichtet Neff weiter.

Dabei ist es gelungen, die Anforderungen von Natur und Betreibern in Einklang zu bringen: „80 Prozent der Murg – immerhin ein Allgemeingut – können noch von den Wasserkraftbetreibern genutzt werden“, so Juristin Petra Neff, schließlich soll die Anordnung auch verhältnismäßig sein.