Die aktuelle Spielzeit war im März wegen der Pandemie unterbrochen worden. Nun haben Bund und Länder grünes Licht für den Neustart ab dem 15. Mai gegeben. | Foto: GES

Gegen Geisterspiele

Verantwortliche im Murgtal sprechen sich für Abbruch der Bundesliga-Saison aus

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Fußballfans und Vereinsfunktionäre im Murgtal lehnen die Fortsetzung der Bundesliga-Saison ab. Sie kritisieren die Finanzpolitik der Profiklubs und ihre Privilegien in der Corona-Krise. Die aktuelle Spielzeit war im März wegen der Pandemie unterbrochen worden. Nun haben Bund und Länder grünes Licht für den Neustart ab dem 15. Mai gegeben. Bei einem Saisonabbruch hätte den Vereinen ein Verlust von 750 Millionen Euro gedroht.

Andreas Ullrich vom KSC-Fanclub „Gaggenauer Löwen“ will sich die Bundesliga ohne Fans in den Stadien nicht vorstellen: „Geisterspiele sind furchtbar.“ Für Ullrich und seine elf Mitstreiter ist klar: „Die Saison muss abgebrochen werden.“

In allen Gesellschaftsbereichen gibt es strenge Regeln, nur der Fußball darf alles.

Andreas Ullrich, KSC-Fanclub „Gaggenauer Löwen“

Der Murgtäler sieht vor allem den Sonderstatus der Profis kritisch. „In allen Gesellschaftsbereichen gibt es strenge Regeln, nur der Fußball darf alles“, sagt Ullrich.

Zwar könne er verstehen, dass die Vereine wieder spielen wollten, „aber dann sollen sie auch sagen, dass es nur ums Geld geht.“ Äußerungen, wonach man den Menschen in Krise eine Ablenkung bieten wolle, hält Ullrich für „scheinheilig“.

Andreas Ullrich | Foto: privat

Unter Fußballentzug leidet der Gaggenauer mittlerweile schon – auch wenn ihn der KSC in dieser Saison nicht verwöhnt hat. Besonders die sozialen Kontakte im Stadion und bei Auswärtsfahrten fehlen ihm. „Das tut weh, aber da müssen wir durch“, sagt er und ordnet seine Aussagen eilig ein: „Wenn das im Moment unsere größten Sorgen sind, jammern wir auf hohem Niveau.“

KSC-Spiele bei Sky verfolgen

Die KSC-Spiele wird Ullrich vermutlich auf Sky verfolgen, obwohl er den Bezahlsender eigentlich als „Inbegriff der Kommerzialisierung“ ablehnt. „Wahrscheinlich kann ich nicht widerstehen, wenn der KSC spielt“, räumt Ullrich ein. Mit seinem nächsten Stadionbesuch rechnet er „nicht vor August 2021.“

Kein Freund von Geisterspielen ist auch Heiko Spissinger aus Weisenbach. Er ist Mitglied des VfB-Stuttgart-Fanclubs „Murgtalschwaben“ und sagt: „Geisterspiele sind für mich unvorstellbar.“ Fußball in Gesellschaft sei dagegen „großartig“. Im Fanclub gebe es verschiedene Meinungen, aber er finde eine Fortsetzung der Saison auf diese Weise nicht gut: „Eher würde ich die Insolvenz meines Vereins in Kauf nehmen, wenn dadurch die Gehälter und Ablösesummen auf ein realistisches Niveau sinken würden und dies dem Gesamtpaket Bundesliga dienen würde.“ Fußball, nur damit Geld fließe, sei „traurig und öde“.

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Ende des Geld-Wahnsinns

In den ersten vier Wochen habe er noch auf eine schnelle Fortsetzung gehofft. Mittlerweile denkt Spissinger, dass der Fußball die Corona-Krise „als Chance nutzen kann.“ Der Geld-Wahnsinn müsse ein Ende haben: „Die Profis haben den Bezug zur Realität verloren.“

Manfred Striebich | Foto: Kocher

Manfred Striebich spricht sich ebenfalls gegen Lockerungen im Profifußball aus. „Ich halte das für keine gute Idee“, warnt der Vorsitzende der Spvgg Ottenau. Durch den körperlichen Kontakt sei die Infektionsgefahr im Mannschaftssport sehr hoch. Außerdem müssten Tests genutzt werden, „die Medizinern und Pflegeheimen vorbehalten sein sollten.“ Striebich kritisiert das Wirtschaften der Bundesliga-Vereine: „Ich bin entsetzt, dass die Klubs keine finanziellen Reserven haben.“ Dabei werde im Profifußball „mit Millionen um sich geschmissen.“ Die Amateure müssten in der Krise den Gürtel enger schnallen, so Striebich. „Das sollten die großen Vereine auch tun.“

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Auch kleinere Vereine haben zu kämpfen

Skepsis auch beim VFB Gaggenau: „Ich sehe die wirtschaftlichen Zwänge“, sagt Vorsitzender Norbert Lais, „aber die Umsetzung der Hygieneregeln wird schwieriger als man denkt – oder es wahrhaben will.“ Lais plädiert dafür, vor einem Bundesliga-Neustart „mehr Zeit ins Land ziehen zu lassen, um die Infektionsrate weiter zu senken.“

Man dürfe den Fußball nicht in den Vordergrund rücken: „Auch andere Wirtschaftszweige sind schwer betroffen.“ Lais spricht sich für einen Abbruch der Saison ohne Absteiger aber mit Aufsteigern aus. „Die Ligen würden dadurch größer, aber das könnte man in den nächsten Jahren wieder ausgleichen“, so der Vorsitzende. „Wir haben auch zu kämpfen und würden gerne weiterspielen, aber ich weiß nicht, wie wir die Hygienestandards erfüllen sollen“, sagt Lais: „Das ist eine große Verantwortung für die Vereine.“

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