Derzeit noch eine grüne Idylle: Von der Felix-Hoesch-Brücke aus betrachtet, müsste die komplette Grünzone - auf dem Bild links - wohl weichen, wenn der Rand des "Wörthgartens" abgegraben und die Murg verbreitert werden soll. Rechts oben ist die katholische Kirche zu erkennen. | Foto: Dorscheid

Diskussion in Gernsbach

Verbreiterung der Murg gilt als erheblicher Eingriff ins Ökosystem

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Blickt man von der Felix-Hoesch-Brücke in Gernsbach murgaufwärts, schaut man auf eine lange Grünzone mit dichtem Bewuchs, die Heimstatt vieler Tiere, vor allem auch Brutvögel, ist. Doch mit der Idylle an der Murg könnte es bald vorbei sein. Wenn die Murg in Gernsbach, wie es jetzt im Raum steht, aus Gründen des Hochwasserschutzes auf einer Länge von mehreren hundert Metern verbreitert werden soll, dürfte dies mit einem Kahlschlag im Uferrandbereich verbunden sein.
Die Stadt Gernsbach kann sich vorstellen, wie der jüngsten Pressemitteilung zur Umwandlung des Pfleiderer-Areals („Projekt Wörthgarten“) zu entnehmen war, „die Murg um mehrere Meter zu verbreitern und damit einen Randbereich des Wörthgartens abzugraben“. Es ist derzeit ein mögliches Szenario, beschlossen ist es noch nicht. Auch die Kostenfrage muss erst noch geklärt werden.

Hausaufgaben beim Hochwasserschutz

Tatsache ist, dass der Hochwasserschutz als wichtiger Punkt im Zuge der fortgeschrittenen Planungen zur Nutzung des Pfleiderer-Areals („Wörthgarten“) berücksichtigt werden muss. Allerdings fällt die Planung in eine Zeit, in der dem Hochwasserschutz mit Blick auf vermehrte Starkregenereignisse ein höherer Stellenwert zukommt und, wenn man so will, die Vorgaben strenger geworden sind. Heißt konkret: Die Stadt Gernsbach muss beim Pfleiderer-Areal nacharbeiten, das gesamte Vorhaben verzögert sich. „Die Zeitverzögerung wird einige Monate betragen“, heißt es auf BNN-Nachfrage aus dem Rathaus. Dies gilt auch für die weitere Beschlussfassung zu Pfleiderer im Gemeinderat.

Rathaus sieht Zielkonflikt

Gegenüber dieser Zeitung präzisiert das Rathaus die Maßnahme: „Denkbar wäre eine Verbreiterung beginnend beim Abschlag des Einlaufes zur Wasserkraftanlage Sägmühle in Fließrichtung auf einer Länge von wenigen hundert Metern. Generell besteht hier zwischen Hochwasserschutz und Arten- und Naturschutz ein Zielkonflikt, den es gilt, abzuwägen und bestmöglich auszugleichen. Die Aufgabe der Stadt und des Landes ist es, die Anwohner adäquat vor Hochwassergefahren zu schützen, ohne den Arten- und Naturschutz aus den Augen zu verlieren. In wieweit Bäume und Büsche am Murgufer für die Hochwasserschutzmaßnahme entfernt werden müssten, kann zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht seriös beziffert werden. Das grüne Erscheinungsbild des Wörthgartens soll jedoch erhalten bleiben.“

Karlsruhe hält sich zurück

Das Regierungspräsidium (RP) Karlsruhe, zuständig für die Murg als Gewässer erster Ordnung, mag sich so konkret noch nicht äußern. Die Machbarkeitsstudie zur Verbesserung des Hochwasserschutzes an der Murg in Gernsbach soll im Oktober abgeschlossen sein, heißt es; sie werde „verschiedene Lösungswege darstellen … Grundsätzlich gilt für eine mögliche anschließende Maßnahmenumsetzung, dass die Wirtschaftlichkeit gegeben sein muss“. Ein Geländeabtrag könne ein Teil der Gesamtlösung sein, so eine Sprecherin gegenüber den BNN. Zu den Kosten macht das RP allgemeine Angaben: Die Kosten für Hochwasserschutz an Gewässern erster Ordnung werden grundsätzlich zu 70 Prozent vom Land und zu 30 Prozent von der Kommune getragen; Mehrkosten wegen städtebaulicher Aspekte müssten alleine die Kommune bezahlen.

Grüne: Naturschutzverbände mit ins Boot

Skeptisch zeigt sich der Grünen-Landtagsabgeordnete Thomas Hentschel, der in Gernsbach wohnt und dort auch Meinungsführer der – nach der Kommunalwahl deutlich erstarkten – Grünen-Gemeinderatsfraktion ist: Im Zeichen des Klimawandels sei zu berücksichtigen, dass der Hochwasserschutz eine immer wichtigere Rolle spielt. „Dieser darf aber nicht gegen den Artenschutz ausgespielt werden. Die nunmehr angedachte Murgverbreiterung stellt sehr wahrscheinlich einen erheblichen Eingriff in das Ökosystem des Murgvorlandes zwischen Gernsbach Nord und Hörden dar. Einzelheiten dazu müssen sorgfältig geprüft werden. Die Grünen werden das genau prüfen.“ Er empfiehlt dringend, die Fachexpertise der Naturschutzverbände spätestens jetzt für die Planungen einzuholen.

Brutvögel bedroht

Naturschutzexperte und CDU-Gemeinderat Stefan Eisenbarth hatte „von Anfang an Bedenken, dass die Ufervegetation wegfällt, wenn der Damm als Fuß- und Radweg ertüchtigt werden sollte; jetzt glaube ich erst recht daran“. Auf der einen Seite brauche man für die zunehmenden Starkniederschläge Retentionsraum („Das Wasser muss ja irgendwo hin“) und das Pfleiderer-Areal zähle zu den kritischen Stellen in Gernsbach wie etwa die Schlossstraße oder der Katzsche Garten. Andererseits hätte die Rodung der Bäume und Büsche enorme Auswirkungen: So steige die Wassertemperatur der Murg an, wenn die Beschattung wegfalle, was wiederum Auswirkungen auf Fischbestand und Wasserinsekten hätte. Zudem würden dort viele Brutvögel ihre Plätze verlieren. Eisenbarth, der auch ehrenamtlicher Sachverständiger für Fledermäuse ist, weist zudem daraufhin, dass dort lebende Fledermäuse sich nach einem Kahlschlag nicht mehr orientieren könnten, weil die Tiere große Bäume oder Gebäude als Leitlinie bräuchten, um sich zurechtzufinden.