Rüdiger Born, Geschäftsführer des Bundesverbandes Niedergelassener Verkehrspsychologen
Rüdiger Born, Geschäftsführer des Bundesverbandes Niedergelassener Verkehrspsychologen | Foto: www.jakobboerner.com

Interview mit bnn.de

Verkehrspychologe zu Fahrerflucht: „Kompetenz hilft gegen unterlassene Hilfeleistung“

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Am Montag, 29. April, beginnt vor Gericht in Rastatt der Prozess gegen einen 47-Jährigen, der im Juli 2018 eine Frau und ihren Enkel überfahren haben und anschließend geflüchtet sein soll. Wenn Menschen bei Unfällen verletzt oder getötet werden, sind alle Beteiligten einem enorm großen psychischen Stress ausgesetzt. BNN-Redaktionsmitglied Julius Sandmann hat mit Rüdiger Born, Geschäftsführer des Bundesverbandes Niedergelassener Verkehrspsychologen, darüber gesprochen, warum Personen auf diese Situationen unterschiedlich reagieren.

Warum verhalten wir uns bei Unfällen unterschiedlich?

Born: Wenn Tiere in Gefahr sind, gibt es drei Möglichkeiten, wie sie reagieren: angreifen, sich Totstellen oder flüchten. Das kann bedingt auch auf Unfälle im Straßenverkehr übertragen werden. Angreifen würde hier dafür stehen, verletzten Personen zu helfen oder andere Schritte zu unternehmen. Ein Mensch, der sich „totstellt“, sitzt am Steuer seines Fahrzeugs und weiß nicht, was er tun soll. Manche Personen ergreifen die Flucht.

Wie ist das zu erklären?

Born: Eine große Gruppe von Personen, die Unfallfluchten begeht, ist betrunken. Bei Sachschäden wollen die Verantwortlichen häufig warten, bis sie wieder nüchtern sind, bevor sie sich bei der Polizei melden. Ein weiterer großer Teil fühlt sich der Sache nicht gewachsen, will schnell Distanz zum Geschehen gewinnen und betreibt eine Vogel-Strauß-Politik. Oft aus Angst vor den Konsequenzen. Im Straßenverkehr wird dieser Drang begünstigt: Wenn ich etwa auf der Autobahn einen Unfall verursache, bin ich vielleicht schon 500 Meter weiter gefahren, bevor ich überhaupt realisiere, was soeben passiert ist.

Gibt es Menschen, die eine Prädisposition dafür haben, Unfallfluchten zu begehen?

Born: Ich würde sagen, dass es eine umgekehrte Prädisposition gibt: Menschen, die wissen, wie sie sich verhalten müssen, wenn ein Unfall geschehen ist, flüchten seltener. Autofahrer sollten daher das entsprechende Wissen auffrischen: Unfallstelle absichern, Notruf wählen, sich um Verletzte kümmern. Wenn ich mich an Routinen orientieren kann, ist es unwahrscheinlicher, dass ich in Panik gerate. Kompetenz hilft gegen unterlassene Hilfeleistung.

Wie geht es Menschen, die Fahrerfluchten begangen haben, nach der Tat?

Born: Personen, die überfordert gewesen sind, nachdem sie etwa einen Unfall mit einem Sachschaden verursacht haben, sind froh, wenn sie für die Zukunft einen Verhaltens-Plan haben. Aber es gibt auch überraschend viele Leute, die mitunter alleinbeteiligt schwere Unfälle verursacht haben, ein halbes Jahr im Krankenhaus lagen und anschließend weiter gefährlich fahren.

Wie bewerten Sie die Rechtssprechung in diesen Fällen?

Born: Wichtig ist, diesbezüglich zwei Dinge zu unterscheiden: Bei Unfallfluchten geht es rechtlich darum, dass Schäden verursacht wurden und die Geschädigten eventuell kein Geld bekommen. Was Unfälle mit Verletzten oder Toten betrifft, geht es meistens um unterlassene Hilfeleistung. In Bezug darauf ist allerdings zu beachten, dass sowohl die Person helfen muss, die etwa einen Radfahrer überfahren hat, als auch der Mensch im Pkw hinter ihr, der das Geschehen beobachtet hat.