Einen schweren Stand hat die Telemedizin bei Patienten im Murgtal. Die meisten suchen offenbar noch immer den persönlichen Kontakt zu ihrem Arzt. | Foto: Gollnow

Digitale Sprechstunde

Viele Patienten lehnen die Telemedizin ab

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Die Patienten im Murgtal sind noch nicht bereit für die Telemedizin. Nach Recherchen der BNN lehnt eine Mehrheit die digitale Sprechstunde ab. Auch eine Ärztin äußert sich skeptisch. Ein Gernsbacher Mediziner hat sein Videoangebot mittlerweile wieder eingestellt. Eine Perspektive hat indes der Einsatz von Fachpersonal, das bei Patientenbesuchen per Tablet mit dem Arzt kommuniziert.

Patienten zeigen kein Interesse

„Die Patienten wollten nicht.“ Michael Schumacher bringt das gescheiterte Experiment in seiner Praxis auf den Punkt. Mehr als ein Jahr hatte der Gernsbacher Allgemeinmediziner und Psychotherapeut Video-Sprechstunden angeboten – ohne Erfolg. „Nur eine Handvoll Patienten hat sich dafür interessiert“, berichtet  der Arzt.

Weniger Ansteckungsgefahr?

Dabei sieht Schumacher in der Telemedizin Chancen, etwa bei der Behandlung von psychischen Problemen. „Nach einem persönlichen Erstkontakt könnten weitere Sitzungen per Video abgehalten werden “, ist er überzeugt. Allein: Seine Patienten sind es offenkundig nicht – „obwohl sie sich die Fahrt zum Arzt sparen könnten“, wie Schumacher betont. Bei Infektionskrankheiten wie Brechdurchfällen hätte das einen weiteren Vorteil: Wenn sich die Patienten in der Praxis nicht die Klinke in die Hand geben, sinkt die Ansteckungsgefahr.

Video-Sprechstunde wieder eingestellt

„Klassische Erkältungskrankheiten lassen sich gut in der Video-Sprechstunde diagnostizieren“, sagt Schumacher. Hat ein Patient nur Fieber, ohne begleitenden Schnupfen oder Husten, hält der Mediziner einen Arztbesuch dagegen für dringend geboten: „Dann müssen Nieren und Bauch abgetastet werden.“ Mittlerweile hat Schumacher das Angebot wieder eingestellt. Von der Telemedizin ist er aber weiter überzeugt. „Die Idee ist gut“, sagt er, „aber die Patienten sind noch nicht so weit.“

Weisenbacher Ärztin ist skeptisch

Auch Tanja Gerlach, Allgemeinmedizinerin aus Weisenbach, hat festgestellt, dass die meisten Patienten noch immer den persönlichen Kontakt suchen. Die Telemedizin hält sie für nicht praktikabel: „Bei einer Untersuchung muss ich den Körper abtasten, gerade bei akuten Beschwerden wie Atemnot und Bauchschmerzen.“

Elektronische Visite wird praktiziert

Gerlach verweist auf eine andere Möglichkeit. Bei einer elektronischen Visite besuchen zunächst geschulte medizinische Fachangestellte die Erkrankten. Sie haben die Möglichkeit, über einen Tablet-PC Kontakt Daten zum Arzt zu übertragen. Die Methode wird etwa genutzt, um Patienten in Seniorenheimen zu betreuen. „Der Arzt kann so entscheiden, ob eine weitere Untersuchung oder Behandlung durch ihn notwendig ist“, erklärt Gerlach.

Blickdiagnose ist möglich

Bei Hautausschlägen ist eine Blickdiagnose möglich: Patienten schicken dem Arzt ein Foto von der betroffenen Stelle und der berät aus der Ferne. Solche Fälle sind aber die Ausnahme: „Viele Patienten wollen persönlich mit dem Arzt sprechen.“ Und die weniger mobilen, meist älteren Menschen, könnten mit der modernen Technik „oft weniger anfangen.“ Die Telemedizin, findet Gerlach, „geht an der Realität vorbei.“

Absoluter Schwachsinn.

Tanja Gerlach über das Termineservice-Gesetz

 

Auf Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist die Ärztin ohnehin nicht gut zu sprechen. Das Terminservice-Gesetz, seine neueste Idee, zwingt Mediziner, in ihrem Kalender Termine freizuhalten. Sie können Patienten über eine zentrale Nummer auch kurzfristig buchen – anstatt direkt beim Arzt anzurufen. Laut Gerlach bedeutet das für die Praxen einen bürokratischen Mehraufwand und Kosten für die IT. Nach drei Monaten habe das Angebot noch kein Patient wahrgenommen. Gerlachs Fazit: „Absoluter Schwachsinn.“