Erfolgreiche Integration: Die 18-jährige Laila Zeino aus Syrien, hier mit ihrer Betreuerin Ingrid Chaventré. | Foto: privat

Gymnasiastin aus Syrien

Vom Sprachkurs zur Gedichtinterpretation

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Laila Zeino ist ein außergewöhnlicher Mensch. Noch vor drei Jahren kannte die Syrerin, die als Flüchtling nach Gaggenau kam, kein Wort Deutsch. Heute besucht die 18-Jährige das Gymnasium, liest Goethes Faust und will Ärztin werden. Neben Arabisch, Kurdisch, Englisch und Deutsch spricht Laila auch etwas Französisch. In der Schule lernt sie Spanisch. Ihre Familie wurde durch den Bürgerkrieg in der Heimat zerissen: Während die Mutter und zwei Brüder in Deutschland leben, sitzen ihr Vater und zwei Schwestern noch immer in der Türkei fest. Die Hoffnung auf eine Zusammenführung erfährt während des Termins mit den BNN einen herben Dämpfer. Trotzdem hält Laila an ihren Träumen fest: „Wenn man wirklich für seine Ziele kämpft, kann man sie erreichen.“

Hiobsbotschaft aus dem Landratsamt

Flucht aus Syrien: Laila Zeino und ihre Mutter. | Foto: privat

An einem trüben Novembernachmittag treffen sich Laila Zeino und der BNN-Redakteur zum Gespräch. Nach einer halben Stunde kommt, per Post aus dem Landratsamt, die Hiobsbotschaft: Der Asylantrag der Familie Zeino wird abgelehnt. Es bleibt damit beim subsidiären Schutz, wodurch ein Nachzug von Vater und Schwestern aus der Türkei in weite Ferne rückt. Obwohl sie die Nachricht trifft, richtet Laila ihren Blick sofort wieder nach vorne: „Ich gebe die Hoffnung nicht auf“, sagt sie.

Familie flüchtet getrennt

Ihre Betreuerin Ingrid Chaventré hält unentwegt die Hand der jungen Syrerin, die sie in den vergangenen drei Jahren tief beeindruckt hat. „Laila hat einen unglaublichen Willen“, sagt Chaventré. Dann erzählt Laila ihre Geschichte. Vor dem Bürgerkrieg in Syrien flüchtet sie mit ihrer Mutter über die Türkei und den Balkan nach Deutschland. Zwei Brüder, die mittlerweile in Karlsruhe leben, kommen später nach. Der Vater und zwei Schwestern sind bis heute in der Türkei. „Wir haben uns getrennt, damit nicht alle sterben, falls auf der Flucht etwas passiert“, erzählt Laila Zeino. Seit drei Jahren hat die 18-Jährige ihren Vater nicht gesehen. Allein per WhatsApp hält sie Kontakt zu ihm. „Die Trennung tut mir sehr weh“, sagt die Kurdin, die sich trotz aller Rückschläge nicht von ihrem Weg abbringen lässt.

Das syrische Schulsystem ist besser als das deutsche.

Nachdem sie bei Chaventré alphabetisiert und in Deutsch unterricht worden ist, macht Laila an der Merkurschule in Ottenau zunächst ihren Haupt- und Werkrealschulabschluss. In Syrien hat sie seit der ersten Klasse Englisch und später Französisch gelernt, doch ihre Mittlere Reife wird hier nicht anerkannt. „Dabei ist das syrische Schulsystem besser als das deutsche“, ist Laila überzeugt. In Mathematik (Note 1,0) war sie ihren Mitschülern deutlich voraus.

Große Herausforderung: Eine Eingliederung von Flüchtlingen in den Schulbetrieb erfordert umfangreiche Sprachkenntnisse. | Foto: Steffen

Mittlerweile besucht die junge Frau das berufliche Gymnasium an der Anne-Frank-Schule in Rastatt. Obwohl sie vor drei Jahren noch kein Deutsch konnte, meistert sie Aufsätze, Gedichtinterpretationen und Textaufgaben mit Erfolg. In drei Jahren will Laila ihr Abitur in der Tasche haben: „Wenn ich einen 1,-Schnitt geschafft habe, werde ich Medizin studieren“, kündigt sie an und lässt dabei kaum Zweifel aufkommen, dass ihr auch das gelingen wird. In der Klasse ist sie gut integriert, ihre Mitschüler bewundern Laila.

Geringe Erwartungen

Damit hat die ehrgeizige Schülerin schon mehr erreicht, als einige ihr zugetraut hatten. Laila fällt auf, „dass viele Flüchtlinge unterschätzt werden.“ Nach ihrer Ankunft 2015 hätten ehrenamtliche Helfer gefragt, „ob wir in Syrien Handys und Fernseher hatten“, erinnert sie sich. „Und einmal sogar, ob wir mit Messer und Gabel essen können.“

Hintergrund: Bildung für Flüchtlinge
Flüchtlingskinder unter sechs Jahren können in Kitas angemeldet werden. Geflüchtete Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren werden in Vorbereitungsklassen an allgemeinbildenden Schulen unterrichtet, bevor sie in Regelklassen übergehen. Schüler ab dem 16. Lebensjahr werden in der Regel in Vorbereitungsklassen an beruflichen Schulen unterrichtet. Nach dem Erlernen der deutschen Sprache können Jugendliche und junge Erwachsene eine duale Ausbildung beginnen oder eine berufliche Vollzeitschule besuchen. Kaum eine Handvoll Flüchtlinge besucht aktuell das Goethe-Gymnasium in Gaggenau. Nach Aussage des stellvertretenden Schulleiters Bernhard Krabbe sind sie gut in ihre Klassenverbunde integriert und bringen eine hohe Eigenmotivation mit. Er ist davon überzeugt, dass die Eingliederung in das deutsche Schulsystem bei jüngeren Flüchtlingskindern am einfachsten gelingen kann.

Laila, deren Brüder in Syrien das Abitur gemacht haben und am KIT studieren wollen, wünscht sich mehr Respekt: „Viele Deutsche sind sehr hilfebereit, aber sie sollten wissen, dass auch Flüchtlinge Talente haben.“ Ingrid Chaventré nickt zustimmend und ergänzt: „Wer den Menschen helfen will, sollte sich über deren Herkunftsland informieren.“

Erfolgsgeschichte mit kleinem Makel

An Laila Zeino zweifelt heute niemand mehr – am wenigsten sie selbst. Eines Tages, wenn der Bürgerkrieg in Syrien vorüber ist, will sie in ihre Heimat zurückkehren und dort als Ärztin arbeiten. Es wäre ein weiteres Kapitel einer Erfolgsgeschichte entgegen allen Widrigkeiten, die nur einen kleinen Makel aufweist: „An die Behördentermine und Bürokratie in Deutschland werde ich mich nie gewöhnen.“