Schon einfache Rechenaufgaben fallen Menschen mit Dyskalkulie schwer.
Schon einfache Rechenaufgaben fallen Menschen mit Dyskalkulie schwer. | Foto: Müller

Leben mit Rechenschwäche

Dyskalkulie: Für die Wahl-Gaggenauerin Wick haben Zahlen keine Bedeutung

Anzeige

Dyskalkulie – auch Rechenschwäche genannt – kann das Leben der Betroffenen stark beeinflussen. Die Wahl-Gaggenauerin Steffi Wick hat im Gespräch mit den BNN von ihren Erfahrungen mit der Störung erzählt. In diesem zweiten Artikel erklärt die Psychologin Marianna de Almeida, was Dyskalkulie ist und welche Ursachen für die Störung in Frage kommen.

Es ist diese eine Mathearbeit, die ihr im Gedächtnis geblieben ist. Steffi Wick sollte ausrechnen, wann ein Zug aus Freudenstadt in Karlsruhe ankommt. Sie konnte die Aufgabe nicht lösen und schrieb schlicht „Zu spät!“ darunter. Dafür gab es keine Punkte, aber immerhin blieb sie dem Lehrer im Gedächtnis, gibt sie schmunzelnd zu. Die heute 70-Jährige lebt mit Dyskalkulie.

Diese Rechenschwäche ist nicht selten, aktuellen Studien zufolge sind drei bis sieben Prozent aller Menschen davon betroffen, berichtet Psychologin Marianna De Almeida. Und dennoch ist sie weitgehend unbekannt, bedauert Wick. „Egal wem ich davon erzähle, niemand hat davon gehört“, berichtet sie.

Zahlen sind bedeutungslos

Während ihrer Schulzeit hätte ihr ein bisschen Verständnis von den Lehrern gutgetan. Vor Rechenaufgaben hatte sie Angst, konnte schlecht schlafen. Die Klausuren bestand sie nur durch Abschreiben. „Zahlen haben für mich keine Bedeutung“, sagt die Wahl-Gaggenauerin.

Um einfache Aufgaben lösen zu können, müsse sie sich sehr konzentrieren und im Kopf rechnen gehe auf keinen Fall. Durch den hohen Druck bei Klassenarbeiten schaffte sie dort nicht einmal die leichten Aufgaben. „Ich kann mit den Kindern mitfühlen, die im Matheunterricht verzweifeln“, erklärt Wick.

Nur durch Offenheit kann ich auf das Verständnis der Menschen hoffen.

Es schockiert sie, dass selbst Lehrer aus ihrem Bekanntenkreis die Rechenstörung nicht kennen. Darum berichtet sie ohne Scham von ihrer Schwäche. Um anderen zu zeigen, dass man damit leben kann und es nichts Schlimmes ist. Dann würden vielleicht auch andere Menschen, die bisher ihre Dyskalkulie verheimlichten, offen dazu stehen. Schließlich sei die Rechenschwäche nichts, wofür man sich schämen müsse, so Wick. Die zum Teil bestehende Stigmatisierung müsse aufhören. Außerdem gibt Wick zu: „Nur durch Offenheit kann ich auf das Verständnis der Menschen hoffen.“

Künstlerisch begabt: Collagen erstellen, Aquarelle malen oder Gedichte schreiben ist für Steffi Wick kein Problem. Mit Zahlen tut sie sich dagegen schwer. Fotos: Müller
Künstlerisch begabt: Collagen erstellen, Aquarelle malen oder Gedichte schreiben ist für Steffi Wick kein Problem. Mit Zahlen tut sie sich dagegen schwer. Fotos: Müller | Foto: Müller

Dyskalkulie führt zu Alltagsproblemen

Denn die Unfähigkeit, Zahlen und Mengen zu verstehen, kann sich massiv auf den Alltag auswirken. Bei Steffi Wick führte sie dazu, dass sie den Überblick über ihr Einkommen verlor. „Ich habe mit offenen Händen das Geld ausgegeben“, erzählt sie. So kam sie zu 33.000 Euro Schulden, die sie mittlerweile aber wieder abbezahlt hat. Dabei hat ihr ein Rechtsanwalt geholfen. Er hat sie betreut und dabei unterstützt, die offenen Rechnungen zu bezahlen. Denn allein verliert Wick schnell den Überblick über das Geld, dessen jeweiligen Wert sie nur schwer begreifen kann.

Ich habe der Kassiererin einfach meinen Geldbeutel hingehalten.

Dass die Dyskalkulie der Grund für dieses Unverständnis von Zahlen und Mengen ist, hat sie erst vor zwei Jahren erfahren. Sie stand damals an der Kasse im Reformhaus, hinter sich eine lange Schlange mit ungeduldigen Menschen. Sie wollte sich beeilen, schaffte es aber nicht, das Geld passend zusammenzurechnen. „Ich habe der Kassiererin einfach meinen Geldbeutel hingehalten und gesagt, sie soll es sich passend nehmen“, berichtet Wick. Eine andere Kundin habe daraufhin Dyskalkulie bei Wick vermutet und genau ins Schwarze getroffen.

Kreativität ersetzt Rechnen

Jetzt kann Wick endlich ihr Problem, dass sie schon ihr Leben lang hat, benennen. „Es ist ein Teil von mir“, betont sie. Ein Teil, den sie akzeptiert. Schließlich hat sie genug andere Sachen, die ihr leicht von der Hand gehen. „In anderen Fächern in der Schule war ich immer gut, Schreiben und Zeichnen mochte ich besonders“, erzählt sie.

Auch heute noch ist sie sehr aktiv, schreibt und malt viel. Ihre Wohnung gleicht einer Ausstellung, Wände und Tische sind mit ihren Kunstwerken bedeckt. Egal ob Hinterglasmalerei, Aquarelle, Collagen oder Gedichte, das Künstlerische liegt der 70-Jährigen. „Ich habe so viel Kreativität in mir, dass einfach nicht mehr genug Platz für Rechnen da ist“, vermutet sie.

Niemand ist perfekt.

Diese Kreativität würde Wick auf keinen Fall hergeben, auch nicht für ein besseres Zahlenverständnis. Dafür liebt sie ihre Kunst viel zu sehr. Außerdem habe jeder Mensch irgendwelche Schwächen. „Niemand ist perfekt“, betont Wick.

Service

Wenn Eltern Rechenprobleme bei ihren Kindern feststellen, sollten sie laut Psychologin Marianna De Almeida zunächst mit dem Klassenlehrer sowie dem Beratungslehrer darüber sprechen. Bei andauernden Problemen können ihr zufolge Fachkräfte wie beispielsweise Psychologen, Ärzte und Ergotherapeuten, die speziell im Bereich Dyskalkulie ausgebildet sind, eine Diagnose stellen und die Betroffenen, auch Erwachsene, behandeln. Bei weiteren Fragen kann auch die Schulpsychologische Beratungsstelle des Schulamts Rastatt weiterhelfen.