Mit schwungvollen Bewegungen lässt Renate Steinberger-Künstel die Sense knapp über den Boden gleiten.
Mit schwungvollen Bewegungen lässt Renate Steinberger-Künstel die Sense knapp über den Boden gleiten. | Foto: Müller

Rasenpflege per Muskelkraft

Weisenbacherin Renate Steinberger-Künstel mäht mit der Sense

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Wer heutzutage seinen Rasen kürzt, greift meist zum elektrischen Rasenmäher. Nicht so Renate Steinberger-Künstel. Die stellvertretende Vorsitzende des Sensenverein Deutschland mäht ihre Wiesen in Weisenbach mit der Sense.

Schsch-schsch. Es ist dieses Geräusch der Sense, die durch das hohe Gras schneidet, das Renate Steinberger-Künstel so begeistert. Früh morgens, wenn die Wiese vom Tau noch feucht ist, sei es besonders deutlich zu hören. Später, im Lauf des Tages, werde das Gras durch die Wärme der Sonne immer schlaffer und lasse sich nicht mehr so gut schneiden. „Früher waren die Bauern dann vermutlich schon fertig mit dem Mähen“, mutmaßt die Weisenbacherin. Im Schatten oder wenn es gerade frisch geregnet hat, könne man aber gut noch am späten Nachmittag mit der Sense mähen.

Die Wiese als Nahrung für Bienen

Rhythmisch schwingt Steinberger-Künstel die Sense um ihren Körper, das lange Gerät beschreibt einen großen Bogen knapp über dem Boden. „Auf einer flachen Wiese mit schönem Gras hat das etwas meditatives“, erklärt sie. Sie und ihr Mann besitzen allerdings vor allem Wiesen an steilen Hängen, an denen das Sensen etwas schwieriger, aber Steinberger-Künstel zufolge nicht weniger schön ist. Da es aber so viele sind, schaffen sie es zeitlich gar nicht, alle per Hand zu mähen. Für manche muss der Balkenmäher herhalten, eine Maschine, die ebenfalls gut durch hohes Gras durchkommt.

Denn egal ob elektrisch oder von Hand, Steinberger-Künstel ist es wichtig, dass genug Blumen für die Bienen da sind. Darum mäht sie erst, wenn das Gras schon hoch und die Blumensamen reif sind. Das lange Gras lässt sie dann trocknen, es wird zu Heu, das sie an Viehbesitzer weitergibt. Dabei achtet sie vorher darauf, dass auf der Wiese kein Jakobs-Kreuzkraut steht, eine Pflanze, die giftig ist und im Heu den Tieren schaden würde.

Manche Pflanzen breiten sich schnell aus

Überhaupt hat Steinberger-Künstel immer im Blick, was so auf ihren Wiesen wächst. Der giftige Adlerfarn breite sich beispielsweise ebenfalls sehr schnell aus und wuchere dann alles zu. Darum entfernt die 57-Jährige ihn regelmäßig, wenn sie ihn entdeckt. Aber auch Brombeerhecken machen ihr das Leben schwer. Sie seien kaum mehr zu bändigen, wenn sie sich einmal an einem Ort ausgebreitet hätten.

Steinberger-Künstel schaut daher skeptisch auf die Wildnis, die an eine ihrer Wiesen grenzt. Brombeerhecken überwuchern dort den Boden, von Gras ist nichts mehr zu sehen. Zu lange hat sich der Besitzer des Grundstücks nicht mehr darum gekümmert. Und wenn Steinberger-Künstel nicht aufpasst, greift die Pflanze auch auf ihren Wiesenstreifen über. Aus diesem Grund ist Steinberger-Künstel froh um jeden, der sich um sein Grundstück kümmert und seine Wiesen pflegt, egal ob mit dem elektrischen Freischneider oder per Muskelkraft mit der Sense.

Beim Mähen den Vögeln lauschen

Ihr persönlich gefällt es allerdings mit der Sense um einiges besser. „Der Freischneider ist sehr laut“, sagt sie. Mit der Sense in der Hand könne sie dagegen immer noch die Vögel zwitschern hören. Zudem könnten kleine Steinchen im Zusammenspiel mit dem Freischneider zu gefährlichen Wurfgeschossen werden. Die Sense sei dagegen, bei richtiger Handhabung, recht ungefährlich. Beachten müsse man trotzdem so manches, erklärt Steinberger-Künstel. So schultert sie die Sense beispielsweise nicht. Bei einem Fall hätte sie sonst das Schneideblatt im Rücken. Stattdessen hält sie sie sicher in der Hand vor sich beim Gehen.

Beim Mähen wetzt Steinberger-Künstel zwischendurch die Klinge.
Beim Mähen wetzt Steinberger-Künstel zwischendurch die Klinge. | Foto: Müller

Ein weiterer Aspekt, der eindeutig für die Arbeit mit der Sense spreche, sei die Bewegung. „Das Sensen ist gut für Rücken“, erzählt sie. Und durch das stetige Gehen und Schwingen mit den Armen werden viele Muskelgruppen angesprochen. Je nachdem, was gerade gemäht wird, ob zarte Grashälmchen oder dicke Büsche, sei es unterschiedlich anstrengend. Steinberger-Künstel ist überzeugt, dass das Sensen auch perfekt für junge Menschen ist, um sich auszupowern. Sie denkt vor allem an die vielen Leute, die im Fitnessstudio trainieren. „An schönen Tagen im Sommer könnten sie mit der Sense arbeiten, hätten Sport und wären sogar noch an der frischen Luft“, erläutert sie ihre Idee.

Wir wollen verhindern, dass das Wissen über das Sensen verloren geht

So würde auch die Technik des Mähens mit der Sense nicht verloren gehen. Denn viele Menschen wüssten heutzutage nicht mehr, wie man eine Sense in der Hand hält. Aus diesem Grund bietet Steinberger-Künstel Kurse an. Sie selbst hat im Jahr 2011 eine Ausbildung zur Sensenlehrerin beim Sensenverein Österreich gemacht. Mittlerweile ist sie stellvertretende Vorsitzende beim Sensenverein Deutschland. „Wir wollen verhindern, dass das Wissen über das Sensen verloren geht“, sagt sie. So gibt es in ganz Deutschland Sensenlehrer, die, wie sie im Murgtal, Menschen das Sensen beibringen.

Sensen ist aus verschiedenen Gründen interessant

Steinberger-Künstel zufolge sind ihre Schüler ganz unterschiedliche Personen. Es kommen Imker, die mit der Sense unter ihren Bienenstöcken mähen wollen, aber auch Leute, die auf dem Dachboden der Oma eine Sense gefunden haben und wissen wollen, wie man damit umgeht. Aus welchem Grund auch immer sie zu Steinberger-Künstel kommen, die 57-Jährige hofft, dass bald noch mehr Menschen ihre Wiesen auf diese altertümliche Art mähen und das Wissen darüber weitergegeben wird.

Interessierte an einem Sensenkurs können sich bei Renate Steinberger-Künstel unter Telefon 0 16 06 63 14 54 sowie per E-Mail an restein192@t-online.de melden.