Guten Appetit: Mit einer Pipette wird der kleine Igel vorsichtig von Volker Dietrich gefüttert. Die Anfangsnahrung ist Welpenmilch. Später gibt es dann Hunde- oder Katzenfutter. | Foto: Dürr

Gernsbacher rettet Igel

Welpenmilch für den Start ins Leben

Anzeige

Rudi mag nicht, wenn man ihn am helllichten Nachmittag stört. Eigentlich ist er ein lebhaftes und aufgewecktes Kerlchen, aber seine Energie lebt er lieber nachts aus, denn Rudi ist ein wenige Wochen alter Siebenschläfer. Mit seinen großen schwarzen Knopfaugen blickt er sich zwar neugierig in seiner Umgebung um, aber als nachtaktives Nagetier verkriecht er sich am liebsten unter einem Stückchen Stoff oder unter einem Strohhaufen in seinem Meerschweinchenkäfig. Der steht im Haus von Volker und Sonja Dietrich in Gernsbach-Scheuern. Das Ehepaar hat sich schon seit Jahren dem Tierschutz und ganz besonders der Aufzucht verlassener Wildtierbabys verschrieben. „Als Rudi bei uns abgegeben wurde, hatte er noch die Augen verschlossen. Er war erst wenige Tage alt“, sagt Volker Dietrich.

Kinderstube für verlassene Wildtierkinder

Volker Dietrich mit Siebenschläfer Rudi

Der Nager ist nicht der einzige Gast in der tierischen Kinderstube. In Nachbarkäfigen werden zur Zeit zehn kleine Igelbabys aufgepäppelt. Alle – ebenso wie der Siebenschläfer – irgendwo gefunden und bei Volker und Sonja Dietrich abgegeben. Es sei noch nie so extrem gewesen, wie in diesem Jahr, dass Jungtiere, die eigentlich bei ihrer Mutter sein sollten, frei herumlaufen, sagt Volker Dietrich. Seit April habe es keinen nennenswerten Regen mehr gegeben und die stacheligen Gesellen finden kein Futter. „Die Igelmütter, die sich selbst ernähren müssen und den Jungen noch Milch geben sollen, schaffen das nicht. Wenn die Grundnahrung wie Insekten für die Igelmütter fehlt, dann sterben sie und der Nachwuchs bleibt schutzlos und unversorgt zurück.

Fettreserven für den Winterschlaf 

Wenn man ab Mitte Oktober einen Igel findet, der nur 150 bis 200 Gramm wiegt, dann sollte man versuchen ihn einzufangen und zu einem Igelspezialisten zu bringen“, sagt Volker Dietrich. Mit so einem geringen Gewicht würde das Tier den Winter beziehungsweise den Winterschlaf nicht überleben. Die Fettreserven reichten nicht aus, die Tiere verhungern.

Welpenmilch und Hundefutter

Zunächst mit Welpenmilch, dann mit Welpenfutter und schließlich mit Hunde- oder Katzennahrung werden die Igeljungen ernährt, um sich ein kleines Speckbäuchlein für die Winterruhe anzufuttern. In der Natur schläft ein Igel etwa von November bis Anfang Mai. „Unsere jungen unterernährten Igel brauchen allerdings meistens bis Anfang Februar, bis sie die für den Winterschlaf benötigten Fettreserven aufgebaut haben. Erst dann fallen sie in den Winterschlaf. Meist wachen sie dann nach rund vier Wochen schon wieder auf. Dann werden sie mit Futter, Wasser, Heu und Stroh versorgt. Ihr Winterschlaf ist also stark verkürzt im Gegensatz zu dem ihrer Artgenossen in freier Wildbahn“, informiert Volker Dietrich.

Liebevolle Fürsorge auch für Dachs & Co.

„Die Natur hat uns schon immer interessiert“, erzählt Dietrich. „Als ich in Pension ging vor 13 Jahren, wollte ich etwas Sinnvolles im Bereich Natur- und Tierschutz machen.“ Er informierte sich bei der unteren Naturschutzbehörde beim Landratsamt Rastatt und entschied sich dafür, sich zum Hornissenbeauftragten ausbilden zu lassen, später kam noch eine Ausbildung zum Fledermausfachberater dazu. Der in der Region bekannte Vogelschützer Pierre Fingermann vermittelte in dieser Zeit bereits Wildtiere und kleinere Vögel zur Aufzucht und anschließender Auswilderung an Sonja und Volker Dietrich.

Auslöser für den Start der Aufzuchtstation sei allerdings ein kleiner Dachs gewesen, der zu ihnen gebracht wurde, mit der Bitte, ihn aufzuziehen, erinnert sich Volker Dietrich. Obwohl in den Jahren viele andere Wildtiere wie zum Beispiel Marder und Eichhörnchen die liebevolle Fürsorge genossen, bleibt der Schwerpunkt jedoch die Aufzucht von Igeln. Volker Dietrich fände es schön, wenn sich noch mehr Menschen für den Schutz gerade kleiner Wildtiere engagieren würden. Wer darüber nachdenke, könne ihn gern unter der Telefonnummer (0 72 24) 12 36 kontaktieren.

Füchsin Mimi kommt immer nachts

Wäre zum Schluss noch von Mimi zu erzählen. Die kleine Füchsin kam auch als Notfall in das Haus der Dietrichs. Inzwischen ist sie ausgewildert. Was das bedeutet, hat sie aber offensichtlich nicht so ganz verstanden. „Jede Nacht kommt sie in unseren Garten und holt sich ihr Futter ab“, erzählt Sonja Dietrich. Und natürlich steht immer etwas bereit. „Hühnerschenkel mag sie am liebsten.“