Mit Maskottchen geht’s leichter: Beim Kindertraining steht dem Gernsbacher Karate-Lehrer Eugen Harsch ein Familienmitglied als Panda-Junge „Tore“ oder Panda-Mädchen „Uke“ zur Seite.
Mit Maskottchen geht’s leichter: Beim Kindertraining steht dem Gernsbacher Karate-Lehrer Eugen Harsch ein Familienmitglied als Panda-Junge „Tore“ oder Panda-Mädchen „Uke“ zur Seite. | Foto: Christiane Widmann

Kontaktsport mit Abstand

Wie Karate-Unterricht in Gernsbach trotz Corona-Vorsicht funktioniert

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Kontaktsport mit Abstand? Das klingt paradox, ist wegen der Corona-Pandemie aber seit einigen Wochen der Normalfall. Ab Mittwoch, 1. Juli, soll das anders werden. Dann tritt eine neue Sport-Verordnung der Landesregierung in Kraft. Sie schreibt zwar weiterhin Hygiene- und Dokumentationspflichten fest, lässt aber auch das Training mit einem festen Partner und Turniere zu. Manche werden diese Möglichkeit jedoch vorläufig nicht nutzen.

„Lieber bin ich vorsichtig, als dass ich schließen muss“, sagt Eugen Harsch. Der Gernsbacher ist selbstständiger Karatelehrer und Nationaltrainer der Deutschen Kyokushinkai Organisation.

In Gaggenau, Bischweier, Baden-Baden, Rastatt und Karlsruhe vermittelt er Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen die Kniffe der Stilrichtung Kyokushin.

Mir ist das Risiko zu groß.

Eugen Harsch, selbstständiger Karatelehrer

Eigentlich zeichnet sie sich durch Vollkontakt und harte Kämpfe aus. Doch Harsch nimmt das Abstandsgebot sehr ernst. „Mir ist das Risiko zu groß, dass das Coronavirus in den Verein gebracht wird“, sagt er.

Neben der Rücksicht auf die Gesundheit anderer – seiner Teilnehmer, seiner Familie, deren Umfelder – hat Eugen Harsch handfeste wirtschaftliche Gründe für seine Zurückhaltung: Er muss arbeiten.

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Wegen der Corona-Pandemie brechen Einkünfte weg

Eugen Harsch und seine Frau Anja Seitz haben in den vergangenen Monaten nicht nur Verständnis und gute Zusammenarbeit erlebt, sondern auch böse E-Mails, Rückbuchungen und Kündigungen.

Neue Schüler, die sich normalerweise im Frühjahr anmelden, blieben aus. Entsprechend kauften sie auch keine Grundausrüstung bei Harsch. Da er derzeit keine persönliche Werbung in der Fußgängerzone macht und Events wie Firmen-Sporttage abgesagt wurden, rechnet er weiterhin mit geringen Anmeldezahlen.

Soforthilfe deckt die Kosten nicht ab

Außerdem ist noch nicht klar, ob sein Trainingsangebot in einer Ganztagesschule in Baden-Baden ab September wie üblich stattfinden kann. Wenn nicht, „sind gleich 15 Prozent vom Jahreseinkommen weg“, sagt Seitz.

Die Soforthilfe des Landes, 9.000 Euro für das kleine Familienunternehmen, reicht hinten und vorne nicht. „Das deckt nicht annähernd die Kosten von drei Monaten“, sagt Anja Seitz.

Sie wünscht sich weitere Hilfspakete, die langfristige Folgen abmildern. „Es ist ja nach drei Monaten nicht ausgesessen gewesen“, sagt sie. „Bei uns ist es verzögert weggebrochen.“

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Vorsicht ist das Gebot der Stunde

Zumal auch neue Projekte auf Eis liegen. Eigentlich wollte Seitz im April eigene, inklusive Kurse starten. Die Corona-Krise hat ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ihr Fazit zu solchen Zeiten? „Angenehm ist es gewiss nicht.“

Umso wichtiger ist ihr, so viel Vorsicht wie möglich walten zu lassen und Risiken unbedingt zu vermeiden. Auch wenn das mehr Stunden in kleineren Gruppen und einen konsequenten privaten Rückzug bedeutet. „Durch Dummheit dürfen wir uns nichts reißen. Das wäre vielleicht unser Untergang.“

Es kommt eine schwierige Zeit auf uns zu. Aber wir kriegen das hin.

Eugen Harsch

Eugen Harsch zeigt sich optimistischer. „Es kommt eine schwierige Zeit auf uns zu. Aber wir kriegen das hin.“ Trotzdem weiß er: „Corona wird uns wahrscheinlich bis Weihnachten oder länger begleiten.“

Erklärvideos und Terrassen-Training

Deswegen dreht er weiterhin kurze Erklärvideos für seine Schüler und bewirbt sie auf seinen Webseiten. Sie dienen als Hilfestellung für diejenigen, die vorsichtshalber noch nicht zum Training kommen, aber auch als Vorsorge für den Fall, dass wieder Stunden ausfallen.

Kurz vor dem Ende der zweimonatigen Zwangspause von März bis Mai hat Harsch damit begonnen, seine Tipps zur Technik und zu Bewegungsabläufen auf Youtube zu veröffentlichen. Die Rückmeldungen waren positiv: „Viele haben gesagt, das hilft ihnen“, sagt er – auch wenn „der strenge Blick des Trainers“ fehle.

Trockenübungen auf der Terrasse: Der Gernsbacher Karate-Lehrer Eugen Harsch (links) unterrichtet samstags zuhause. Seine Schüler feilen an ihrer Technik und Bewegungsabläufen.
Trockenübungen auf der Terrasse: Der Gernsbacher Karate-Lehrer Eugen Harsch (links) unterrichtet samstags zuhause. Seine Schüler feilen an ihrer Technik und Bewegungsabläufen. | Foto: Hans-Peter Hegmann

Unterricht mit Schattenkampf und Technik-Übungen

Richtige Karate-Stunden bietet Harsch seit 11. Mai wieder an. Zunächst hat er seine Schüler mangels Alternative auf seine Terrasse eingeladen. Fünf Wochen lang unterrichtete er dort jeden Tag von morgens bis abends in festen Kleingruppen, inzwischen nur noch samstags.

Schön verteilt auf markierten Plätzen üben seine Schüler Bewegungsabläufe und trainieren im Schattenkampf Techniken. Montags bis freitags gibt er auf Freiflächen und Hallen in den fünf Kommunen ähnliche Stunden.

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Eine 100-Stunden-Woche war vorübergehend normal

Es ist eine anstrengende Zeit: „Ich habe normalerweise eine 70-Stunden-Woche. Jetzt war es eher eine 100-Stunden-Woche“, sagt Eugen Harsch. Anja Seitz geht es kaum besser.  Schließlich kommen zu den Stunden auch organisatorische Arbeiten wie Buchhaltung und Terminabsprachen hinzu. Immerhin: Inzwischen haben die beiden nur noch eine Sechseinhalb-Tage-Woche.

Ein Trost ist die Freude vieler Teilnehmer übers Training – auch ohne Kampf und Kräftemessen. Besonders die der Kinder, sagt Anja Seitz. Nach wochenlangem Verzicht sei das Strahlen auf ihren Gesichtern unübersehbar gewesen.