Am eigenen Schreibtisch: Während der Corona-Pandemie erhalten Jugendliche ihre Schulaufgaben auf einer Online-Plattform oder per E-Mail.
Am eigenen Schreibtisch: Während der Corona-Pandemie erhalten Jugendliche ihre Schulaufgaben auf einer Online-Plattform oder per E-Mail. | Foto: Müller

Leichte Startprobleme

Reaktion auf Coronavirus: Wie lief die erste Woche Homeschooling im Murgtal?

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Unterricht ohne persönlichen Kontakt zum Lehrer – das ist seit vergangenem Dienstag auch im Murgtal Realität. Nach anfänglichen Schwierigkeiten scheint diese Form des Lernens in den Gaggenauer und Gernsbacher Schulen nun gut zu funktionieren.

„Ich halte mich jeden Tag an den Stundenplan“, erzählt Jule Mühlchen, Achtklässlerin am Goethe-Gymnasium Gaggenau (GGG). Damit komme sie sehr gut zurecht. Die Lehrer schicken ihr und ihren Mitschülern Arbeitsaufträge am Computer, Jule geht die Aufgaben durch und stellt Nachfragen per E-Mail.

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Ihre Mutter Susanne Mühlchen, Elternbeiratsvorsitzende am GGG, sammelt gerade Rückmeldungen von anderen Eltern. „Manche wünschen sich etwas mehr Kontrolle von den Lehrern“, sagt sie. Nicht alle Lehrer würden die Aufgaben der Schüler korrigieren.

Eltern übernehmen viele Aufgaben

Birgit Landeka, stellvertretende Elternbeirätin am GGG, sieht die Eltern aktuell sehr gefordert. Ihre Kinder gehen in die sechste und siebte Klasse, eins ist im Kindergartenalter und sie arbeitet im Homeoffice. „Wir Eltern sind voll eingespannt“, berichtet sie. In Mathe lerne eines ihrer Kinder gerade ein neues Thema, da erkläre sie natürlich viel.

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Als Problem sieht sie, dass sich nicht alle Eltern überall auskennen. Auch bei jüngeren Kindern im Grundschulalter haben die Eltern zu tun.

Das weiß Jasmin Hansen, deren Sohn in die zweite Klasse der Hans-Thoma-Schule Gaggenau geht. Für ihn und seinen Bruder in der 5. Klasse hat Hansen, die Gaggenauer Elternbeiratsvorsitzende ist, einen Plan mit zwei bis drei Lerneinheiten am Tag entwickelt. „An sich läuft das ganz gut“, berichtet sie.

Glück hat, wer Homeoffice nutzen kann

Hansen gewinnt dem Homeschooling positive Aspekte ab. „Die Kinder interagieren mehr mit der Familie“, sagt sie. Zudem würden sie Aktivitäten entdecken, die sie sonst nicht machen würden, zum Beispiel Inlineskaten auf der Terrasse. Sie habe allerdings Glück, sie könne gut im Homeoffice arbeiten und nebenher nach den Kindern schauen. Mit anderen Jobs sei das schwieriger.

Ohne Eltern läuft es nicht in den Klassen eins und zwei

Rudolf Retzler, stellvertretender Rektor der Hans-Thoma-Schule

Dieses Problem sieht auch Rudolf Retzler, stellvertretender Rektor der Hans-Thoma-Schule. „Ohne Eltern läuft es nicht in den Klassen eins und zwei“, betont er. Sie müssten darauf achten, dass die Kinder das richtige Lerntempo einhalten. Die Lehrer seien bei Problemen telefonisch und per E-Mail erreichbar.

Das ist auch am GGG der Fall. Dort sei anfangs die Online-Plattform Moodle zum Teil überlastet gewesen, erzählt der stellvertretende Schulleiter Bernhard Krabbe. Das sei nun aber nicht mehr der Fall.

Er selbst unterrichtet Chemie in der Oberstufe und schickt die Aufgaben per Mail an seine Schüler. Die Lösungen sendet er zeitversetzt nach. Auch wenn das Lernen aktuell von zu Hause aus funktioniert, meint Krabbe: „Den Unterricht kann das nicht ersetzen.“

Warum Eltern jetzt konsequent sein müssen

Das sieht Axel Zerrer, Schulleiter der Realschule Gaggenau, genauso. Zur Schule gehöre der menschliche Kontakt und das Soziale an sich. Das falle nun weg. Die Wissensvermittlung laufe aber gut.

Die Lehrer stehen mit den Schülern online in direktem Kontakt, erzählt Zerrer. In der ersten Woche haben sie sich auf die Kernfächer konzentriert. „Jetzt ist alles eingerichtet und wir weiten es auf die Nebenfächer aus“, sagt Zerrer.

An der Merkurschule Gaggenau sind Schulleiterin Barbara Fischer zufolge ein Großteil der Aufgaben am letzten Schultag verteilt worden. Vereinzelt liefern die Lehrer über Online-Plattformen Aufträge nach, erzählt sie. Bisher scheint alles zu funktionieren, negative Rückmeldungen haben sie nicht erreicht. Aber: „Für die Eltern ist das eine enorme Belastung“, sagt auch Fischer.

Elternbeirätin Silvia Schnurr bestätigt: „Wenn Eltern jetzt nicht konsequent sind, werden die Kinder später Defizite haben.“

Noch ist das Digitale leider nicht im Unterricht etabliert.

Joachim Schneider, Schulleiter der Realschule Gernsbach

In der Realschule Gernsbach läuft derzeit ebenfalls viel über die Eltern. „Die Lehrer schicken Mails an die Elternvertreter und die leiten sie dann an die Schüler weiter“, berichtet Schulleiter Joachim Schneider.

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Für einen direkten Kontakt zwischen Schülern und Lehrern fehlten die technischen Voraussetzungen. „Noch ist das Digitale leider nicht im Unterricht etabliert“, sagt Schneider. Manche Lehrer würden aber verschiedene Dinge ausprobieren.

Die Infrastruktur ist noch eine Baustelle

Zehntklässlerin Sophia Merkel steht beispielsweise per Messenger mit ihrer Lehrerin in Kontakt. Die 16-Jährige bekommt also direkt von ihr neue Aufgaben und kann sie online um Rat fragen. Von ihrer Parallelklasse weiß sie, dass der Lehrer dort live per Videostream am Computer oder Handy den Schülern Inhalte vermittelt. Trotzdem ist sie der Meinung, dass persönlicher, normaler Unterricht besser sei.

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Dieses Fazit ziehen auch die anderen befragten Schüler, Eltern und Lehrer. Dennoch sind sie sich einig, dass die aktuelle Situation eine Chance bieten könnte. „Das wird der Digitalisierung in Schulen einen ganz schönen Schub geben“, ist sich Schulleiter Schneider sicher.

Retzler von der Hans-Thoma-Schule meint, dass Homeschooling, wie es jetzt stattfindet, drei Jahr später kein Problem gewesen wäre. Aktuell fehle die ganze Infrastruktur. „Was aber jetzt eingerichtet wird, kann nach der Krise weiter genutzt werden“, sagt Schneider.